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Grafrath:Kettensägenkunst

Angehende Holzbildhauer gestalten Ausstellungsstücke

Von Lucia Weigl, Grafrath

Im sonst eher ruhigen forstlichen Versuchsgarten Grafrath sind plötzlich ungewohnte Geräusche zu vernehmen. Je näher man der freien Wiese am östlichen Eingang kommt, desto lauter werden sie. Sobald man den aufgestellten Bauzaun passiert und dem Weg an einer Gartenhütte vorbei folgt, erblickt man die Geräuschursache: Zwischen den zahlreichen alten Bäumen und Büschen arbeiten Schüler der zweiten Klasse der Berufsfachschule für das Holzbildhauerhandwerk in München. Mit großen Abständen auf der plattgetretenen Wiese schnitzen sie mit Kettensägen aus großen Holzstücken Skulpturen für den Versuchsgarten. Gut geschützt durch ihr Arbeitskleidung, Helme und Lärmschutzkopfhörer können die Schüler das Holz nach Lust und Laune bearbeiten. Während bei einem Schüler die Funken fliegen, ein anderer mit einer Art Bunsenbrenner arbeitet, werden an einer weiteren Skulptur die Details mit Feilen verfeinert. So entwickelt sich die ruhige Lichtung zu einem Ort des emsigen Treibens.

Mit Kettensäge bearbeitet Sophie Storch die Baumstämme aus Douglasienholz. Die fertigen Skulpturen der Schüler des Holzbildhauerhandwerks bleiben im Grafrather Versuchsgarten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Unter den Leitgedanken der Nachhaltigkeit und ökologischen Vielfalt sollen unterschiedliche Skulpturen entstehen. Den zwölf Schülerinnen und Schülern sind in ihrer Kreativität keine Grenzen gesetzt. Nach einem Einführungskurs zum Umgang mit Kettensägen und den dazugehörigen Schutzmaßnahmen dürfen sie die Holzklötze nach ihren eigenen Ideen formen. In einer Vorbereitungsphase haben sie eigens dafür Modelle, Zeichnungen und Entwürfe angefertigt, die es nun umzusetzen gelte, erzählt Lehrer und Holzbildhauer Martin Kargruber. "Das Lehrplanziel ist zum einen, das Arbeiten mit der Motorsäge zu erlernen, zum anderen, ein Modell mit den richtigen Proportionen und der Kompaktheit auf das Holzstück zu übertragen," sagt Esther Pschibul, Lehrerin für praktisches Arbeiten und freies Zeichnen. Das Arbeiten mit der Kettensäge brauche viel Übung und Körpergefühl, bestätigt auch der Gartenmeister des Versuchsgartens Manfred Heilander. Binnen einer Woche entstehen so nach und nach aus unscheinbaren Holzklötzen ein bis zwei Meter hohe Skulpturen. Dargestellt werden Figuren, Gesichter und geometrische Formen. Das für die Kunstwerke verwendete Holz stamme zum Teil von 90 Jahre alten Douglasien aus dem Grafrather Garten, erzählt Heilander. Douglasienholz sei besonders witterungsbeständig und daher gut für Holzskulpturen im Freien geeignet.

Tim Hammer bearbeitet die Baumstämme aus Douglasienholz mit dem Bunsenbrenner.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Bereits zum sechsten Mal arbeitet der Versuchsgarten Grafrath mit der Berufsfachschule aus München zusammen. "Es ist immer wieder eine tolle Kooperation und eine Bereicherung", findet Pschibul. Von der Zusammenarbeit würden alle profitieren, der Garten als auch die Schüler. Die Schüler können so mitten in der Natur arbeiten und sich über Wuchs und Entstehung des Holzes informieren. Die fertigen Skulpturen verbleiben danach im Versuchsgarten Grafrath und werden für Besucher an den Waldwegen zusammen mit Werken früherer Schüler aufgestellt. Normalerweise würde die Projektarbeit in Grafrath auch mit einem Zeltlager verbunden. Das gemeinsame Sitzen am Lagerfeuer und der Austausch habe den Zusammenhalt der Schüler in der Vergangenheit gestärkt, sagt Pschibul. Doch heuer ist alles anders. Alle sind dankbar, dass die Veranstaltung überhaupt stattfinden kann. "So schön, dass mal wieder was passiert. Das Arbeiten mit den Schülern bereitet einfach Spaß und Freude," findet Pschibul.

Insgesamt drei Jahre dauert die Ausbildung zum Holzbildhauer. Darin lernen die Schüler den Umgang mit Materialien wie Holz, Gips, Beton, Stein und Ton. So sei die Ausbildung ein guter Ausgangspunkt für viele Berufsrichtungen, erzählt Kargruber. Es sei ein Beruf, der Theorie mit Praxis und Kunst mit Handwerk vereine. Dem können die Schüler Sophie Storch, Bruno Haas und Tim Hammer nur zustimmen: Die Ausbildung würde einen guten Einblick ins Handwerk und das gestalterische Arbeiten bieten. Auch was die Projektarbeit in Grafrath betrifft sind sich die Schüler einig: "Es ist eine gute Mischung aus Arbeit und Spaß."

© SZ vom 29.05.2021
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