Grafrath:Gebeine mit Geheimnis

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Wallfahrtskirche St. Rasso in Grafrath, 2016

Der heilige Rasso soll auf dem Hochaltar der gleichnamigen Wallfahrtskirche ruhen. Doch Ernst Meßmer will herausgefunden haben, das es sich um das Skelett des Grafen Rath handelt.

(Foto: Johannes Simon)

Wer nun in der Grafrather Wallfahrtskirche ruht und seit Jahrhunderten dort verehrt wird, das versucht eine Fachtagung herauszufinden. Der Patron und Namensgeber scheint es wohl nicht zu sein

Von Manfred Amann, Grafrath

Wer war dieser Mann wirklich, der vor Jahrhunderten inmitten der Grafrather Wallfahrtskirche beigesetzt wurde und dessen Gebeine später auf den Altar erhoben wurden? Graf Rasso, der im Mittelalter als Heiliger verehrt wurde und laut den drei von sieben noch erhaltenen Mirakelbüchern Tausenden Menschen geholfen haben soll, ist es offenbar nicht. Diese und viele andere Feststellungen, die der einstige Gymnasiallehrer Ernst Meßmer in seinem neuen Buch "Nachruf auf einen Mann, dem seine Identität genommen wurde" trifft, hatten insbesondere jene etwas verunsichert, die regelmäßig Kirchenführungen in der Wallfahrtskirche, im Maienmünster in Dießen und/oder in der Klosterkirche in Andechs machen.

"Um Klarheit zu schaffen, aber auch, um die seit Jahren schlummernde Idee umzusetzen, die historischen und baulichen Zusammenhänge der drei großen Kirchen darzulegen", wie die Vorsitzende Maria Leitenstern-Gulden erläuterte, hatte der Kulturverein St. Rasso ins Grafrather Kloster zu einer Fachveranstaltung mit Ernst Meßmer geladen, die von Vorstandsmitglied Magdalena Hascher-Kück moderiert wurde. Schon nach einer kurzen Einführung sah sich Meßmer mit der Frage konfrontiert: "Was ist jetzt richtig, was können wir bei Führungen erzählen?"

Für Meßmer gibt es keinen Zweifel, dass sich in der Grafrather Wallfahrtskirche die Grablege von Graf Rath (Kurzform von Ratho oder Rathard) befindet, vom dem auch der Ortsname herrührt. Den Namen Rasso/Razzo habe ihm erst später ein Dießener Chronist verpasst. "Graf Rath entstammte dem fränkischen Hochadel und wurde als Verwalter einer Grafschaft im Raum Ammersee-Amper-Starnberger See eingesetzt und wurde nach seinem Tode im Jahre 854 in der von ihm errichteten Kirche beigesetzt", erläuterte der "Rasso-Forscher".

Diese Steinplatten-Grablege wäre sicher nicht möglich gewesen, wenn es sich um eine unbedeutende Persönlichkeit gehandelt hätte. Der Graf sei sicher mächtig und auch fromm gewesen, nur so sei die frühe Nennung als "sand Graf Rath" zu erklären, sagte Meßmer. "Dann können wir alles, was wir bislang erzählt haben, vergessen", folgerte eine Kirchenführerin. Man habe es also mit einer ganz anderen Person zu tun, die hundert Jahre früher gelebt, nie gegen die Ungarn gekämpft und auch an keinem Kreuzzug teilgenommen habe, befand Bestätigung suchend ein Dießener. Und doch gab es einen Grafen Razo/Rasso. Dieser ist laut Meßmer als Graf von Dießen in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts bezeugt und war in der von ihm selbst erbauten Kirche St. Georgen beigesetzt worden. Deutlich machte Meßmer auch, dass Graf Rath einst das Benediktinerkloster Wörth gründete, aus dem später durch Verlegung das Kloster Dießen hervorging. "Die erste Gründung des Dießener Klosters in St. Georgen im Jahre 850 durch einen Priester Rathard ist eine Erfindung eines Dießener Chronisten", erklärte Meßmer.

Auf die Frage, wieso Graf Rasso in der Andechser Wallfahrtskirche auf sechs Bildern dargestellt sei, führte der Heimatforscher aus, dass Graf Rath als Amtsvorgänger der späteren Grafen von Andechs gilt, die ihren Amtssitz von Dießen auch aus strategischen Gründen auf die andere Seite des Ammersees verlegten. Nach der aufschlussreichen Tagung führte Meßmer die zwölf Teilnehmer durch die 1688 bis 1695 erbaute Grafrather Wallfahrtskirche, die im Stil des Rokoko mit ihren Fresken von Johann Georg Bergmüller und den Stuckarbeiten von Johann Georg Üblher und Johann Michael Feichtmayr sowie mit dem Hochaltar von Johann Baptist Straub und Ignaz Günther als ein kunsthistorisches Juwel gilt.

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