Im ausgedehnten Waldgebiet zwischen Grafrath und Jesenwang soll in einigen Jahren grüner Wasserstoff erzeugt und so ein wesentlicher Beitrag zur Energiewende im westlichen Landkreis Fürstenfeldbruck geleistet werden. Als Standort wurde das ehemalige, seit Anfang der Neunzigerjahre stillgelegte Nato-Munitionslager ausgewählt, das sich seit einigen Jahren in Besitz der Gemeinde Grafrath befindet.
Der regionale Energieversorger Energie Südbayern (ESB) und die Gemeinde wollen gemeinsam eine Elektrolyse-Anlage bauen und betreiben, die mithilfe von Windstrom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufspaltet. Dem Gesellschaftsvertrag zur Zusammenarbeit und damit zur Gründung der „H2 Energiepark Grafrath GmbH“ hat der Grafrather Gemeinderat nun mehrheitlich zugestimmt.
Sitz der Gesellschaft ist Grafrath. Das durch Elektrolyse gewonnene Gas soll in die unweit vorbeiführende Leitung der ESB eingespeist werden. Den für die Wasserstoffproduktion nötigen Strom soll unter anderem eine Windkraftanlage liefern, die ebenfalls auf dem ehemaligen Depot-Gelände errichtet wird. Diese soll eine Nabenhöhe von 174 und einen Rotordurchmesser von 175 Metern, also eine Gesamthöhe von 261,50 Metern haben.
Um bei Bedarf zusätzlich erforderlichen Strom abrufen beziehungsweise Stromüberschuss einspeisen zu können, ist zudem eine Vernetzung mit der Freiflächen-Photovoltaikanlage in Moorenweis, der beim Ortsteil Mauern geplanten PV-Anlage und den vier Windkraftanlegen vorgesehen, die in der Nachbargemeinde Jesenwang errichtet werden.
„Das Wasserstoffprojekt ist für Grafrath finanziell und auch hinsichtlich der anfallenden Verwaltungsarbeit eine große Herausforderung, der wir uns aber stellen wollen, um die Produktion klimafreundlicher Energie in der Region voranzubringen“, sagt Bürgermeister Markus Kennerknecht (parteifrei).

Laut einer Veröffentlichung des bayerischen Wirtschaftsministeriums fällt dem Wasserstoff als vielfältig einsetzbarem Energieträger bei der Energiewende eine Schlüsselrolle zu. Grüner Wasserstoff und seine Folgeprodukte, sogenannte Derivate, beispielsweise Ammoniak und Methanol, ermöglichten es, die Kohlenstoffdioxid-Emissionen vor allem in Industrie und Verkehr deutlich zu verringern. Zudem werde Wasserstoff dort zu einer gesicherten Energieversorgung beitragen, wo die direkte Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energien nicht ausreicht.
Nachdem Bayerns Wirtschaftsministerium für das Projekt „Grüner Wasserstoff für die Industrie aus regionalem Ökostrom“ bereits fünf Millionen Euro Förderung aus dem bayerischen Elektrolyseur-Förderprogramm (BayFELI) zugesagt hat und einer Machbarkeitsstudie zufolge, die Anlage wirtschaftlich betrieben und in die von der Bundesregierung verfolgte „nationale Wasserstoffstrategie“ integriert werden kann, hatten die ESB und Grafrath den Gesellschaftsvertrag ausgearbeitet, der die Zusammenarbeit regelt und der Gemeinde erlaubt, von der Bauleitplanung bis zur Umsetzung die für die Entwicklung der Gemeinde wichtigen Belange einzubringen.
Der Gemeinderat hat sich eine Sperrminorität gesichert
„Wir werden sehr darauf achten, dass unsere Zukunftsplanungen nicht beeinträchtigt werden“, sagt Kennerknecht. Die Ausgestaltung des Vertrages stelle sicher, dass die in die GmbH entsandten Grafrather Vertreter an Weisungen der Gemeinde und damit des Gemeinderates gebunden seien. Die H2 Energiepark Grafrath GmbH wird mit 25 000 Euro Stammkapital ausgestattet. Davon bringt Grafrath 25,1 Prozent ein, die übrigen 74,9 Prozent kommen von ESB. Diese Aufteilung wurde laut Kennerknecht gewählt, um der Gemeinde eine „Sperrminorität“ zu sichern.

Rathauschef Kennerknecht ist froh, im Gemeinderat eine Mehrheit hinter sich zu wissen, wenngleich so manche Skepsis trotz mehrerer, auch öffentlicher Präsentationen nicht habe beseitigt werden können. Der Beschluss wurde mit zehn zu sechs Stimmen gefasst. Gegen den Gesellschaftsvertrag votierten die Fraktionen der Grünen und der Wählervereinigung Bürger für Grafrath, wegen Zweifeln an der Wirtschaftlichkeit. Vor der Beitrittsentscheidung hätten sie sich einen Businessplan gewünscht. CSU-Sprecher Gerald Kurz hat dafür wenig Verständnis, seiner Meinung nach dürfe Grafrath die Chance nicht vertun, mit diesem Projekt zu einem starken und vorbildlichen Unterstützer der Energiewende zu werden.
Gegenstand der GmbH sind Entwicklung, Bau und Betrieb eines Energieparks sowie aller weiteren durch den Betrieb der Anlagen notwendigen und zweckmäßigen Tätigkeiten. Der Energiepark besteht gemäß Vertrag aus einem Windrad und aus Anlagen zur Wasserstofferzeugung nebst Nebenanlagen, die insbesondere der Lagerung des Wasserstoffes, dessen Einspeisung oder der Wärmeauskoppelung dienen. Der GmbH obliegt auch die regionale Vermarktung des erzeugten Wasserstoffes sowie etwaiger Nebenprodukte. Laut Kennerknecht wird die Gemeinde nun das Standortgelände an die „H2 Energiepark Grafrath GmbH“ verpachten.

