Der Bahnhof von Grafrath machte jahrelang einen vernachlässigten Eindruck. Inzwischen hat die Gemeinde das alte Gebäude renovieren lassen. Daneben soll ein neues dreistöckiges Bauwerk entstehen, ein Ökohaus aus Holz und Lehm ohne klassische Bodenplatte aus Beton. Mit diesem Konzept haben die Architekten Patrick Fromme und Luis Michal aus München den Wettbewerb gewonnen, an dem die Landschaftsarchitekten Jochen Eckert und Veronika Ort vom Büro Kübert Landschaftsarchitektur mitgewirkt haben. Das multifunktionale Gebäude soll das Bahnhofsareal beleben und die Aufenthaltsqualität verbessern. Bürgermeister Markus Kennerknecht (parteifrei) hofft, dass mit dem Bau im kommenden Jahr begonnen werden kann.
Das alte Bahnhofsgebäude ist etwa 150 Jahre alt. In den 1960er-Jahren wurde auf der Südwestseite eine Empfangshalle angebaut, daneben stand ein kleiner Kiosk. Die Kommune hat 2020 das gesamte Areal, etwa 1000 Quadratmeter, für 300.000 Euro von der Deutschen Bahn AG gekauft und in den Jahren 2022 bis 2024 für rund eine Million Euro renovieren lassen, erzählt der Bürgermeister.
Im Erdgeschoss hat die Bahn einen großen Raum für ihre Technik gemietet, nebenan ist noch Platz für das Gemeindearchiv, im Obergeschoss sind eine große Wohnung und ein kleines Apartment entstanden. Die Wand auf der Südwestseite der Empfangshalle wurde abgebrochen, sodass ein offener Raum entstand. Der marode Kiosk, durch dessen Dach der Regen floss, wurde abgerissen, auf dieser Fläche soll der Neubau entstehen.
Im Sommer 2025 hat die Gemeinde mithilfe des Planungsverbandes Äußerer Wirtschaftsraum einen Wettbewerb ausgeschrieben. 54 Büros reichten ihre Vorschläge in einer ersten Phase ein. Die Jury aus Architekten, Landschaftsarchitekten und Gemeinderäten wählte zehn Teilnehmer für die zweite Phase aus.
Sieger wurden am Ende die Architekten Fromme und Michal, die ihr Projekt „Stellwerk Grafrath“ tauften. Um keine Fläche zu versiegeln, sollen auf einer Kiesfläche riesige Schrauben in den Boden versenkt werden, darauf wird ein Holzboden errichtet sowie ein Rahmen für die drei Stockwerke aus Balken, ähnlich wie bei einem Fachwerkhaus. Die Wände werden aus Lehmziegeln ausgeführt. Die Bauweise soll dafür sorgen, dass wenig graue Energie verbraucht wird, wenn das Bauwerk irgendwann wieder abgebrochen wird.

Die Grundfläche ist etwa 130 Quadratmeter groß und in Quadrate von viermal vier Metern geteilt, sodass das Haus innen für verschiedene Nutzungen einfach umgebaut werden kann, erklärt Fromme. Ein wesentliches Element ist die reduzierte Haustechnik. Es gibt keine Fußbodenheizung, Lüftung oder Klimaanlage, stattdessen kann man einfach die Fenster öffnen. Leitungen werden auf dem Putz verlegt. Das sei eine bewusste Abkehr von der Ausstattung von Büroflächen mit allerlei Technik, die sich als wartungsintensiv und kostspielig herausgestellt habe, sagt Michal.
Die Gemeinde möchte im Erdgeschoss eine Gastronomie unterbringen oder eine öffentliche Begegnungsstätte, sagt Bürgermeister Kennerknecht. Die oberen Geschosse bleiben flexibel nutzbar, etwa für Coworking-Spaces, Mehrzimmerwohnungen oder Mikroapartments.
Der Neubau soll einen großzügigen Bahnhofsvorplatz öffnen
Der Neubau soll einen großzügigen Bahnhofsvorplatz öffnen, den eine Baumreihe zur Bahnhofsstraße hin begrenzt. Der Bereich zwischen dem Gebäude und der alten Empfangshalle werde gepflastert und diene künftig als Zugang zum Bahnsteig, der über eine Rampe und drei Stufen erreichbar gemacht wird.
Vor dem Spatenstich habe die Gemeinde noch einige Hausaufgaben zu erledigen, sagt der Bürgermeister. Zuerst müsse ein Bebauungsplan aufgestellt werden, dann könne aus dem Vorschlag der beiden Architekten ein detaillierter Plan entwickelt werden.
Zu den Kosten des Neubaus konnten weder der Rathauschef noch die Architekten Angaben machen. Klar ist, dass das gesamte Projekt Bahnhof für eine Gemeinde wie Grafrath eine große Aufgabe darstellt. „Es wäre schön, wenn wir selber bauen könnten, aber vielleicht machen wir es auch zusammen mit einem privaten Investor“, sagt Kennerknecht. Bis zum Frühjahr 2027 soll die Planung so weit gediehen sein, dass der Gemeinderat überlegen kann, wie das Ökohaus verwirklicht werden kann.

