Architekt wollte er werden, doch Hubert Distler war in einer Zeit geboren, die das nicht zuließ. Zu seinem Nachteil war dies offensichtlich nicht, denn der Lebensweg, den er ging, entsprach voll seinen Begabungen: Er wurde ein anerkannter Künstler. In den 1960er- und 1970er-Jahren war Distler der bedeutendste Kirchenausstatter, nicht nur in Südbayern. Von 1963 bis zu seinem Tod im Juni 2004 lebte er in Grafrath. Nun widmen sein Sohn Dedo und Karl-Heinz Reimann vom Vorstand der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Grafrath Hubert Distler eine Ausstellung in der Michaelkirche, „um an den beliebten Grafrather zu erinnern und um seine Lebensleitung als Künstler, Grafiker, Kirchenmaler und als Christen zu würdigen“, wie sie erklären.
Unter dem Titel „Distler in Grafrath“ haben sie Werkstücke, Fotos von Wandgemälden, Grafiken und Skizzen zusammengetragen, die der Künstler im Dorf und in umliegenden Orten hinterlassen hat. „Manche Werke werden erstmals gezeigt“, betonen die Kuratoren. Kernstück der Ausstellung ist das etwa 48 Meter lange und 80 Zentimeter hohe Holzrelief in der Michaelskirche, das Kistler 1986/1987 schuf. Der unter dem Dachansatz im Innern der Michaelskirche umlaufende „Distler-Fries“ zur Heilsgeschichte sowie die vier Dachsparren des Zeltdaches mit Bildnissen von den vier Evangelisten prägen den Innenraum. „Der Künstler hat seine Verbundenheit mit der Kirchengemeinde in vielen Werken künstlerisch dargestellt“, sagt Reimann.
„Mein Vater war gesellig, hatte zu vielen freundschaftliche Beziehungen, daher findet man seine Werke weit gestreut“, erinnert Dedo Distler. Besonders bewundert habe er die Energie und Kreativität seines Vaters, die ihn trotz Behinderung bis zuletzt angetrieben habe, und die oft auch spontan zur Wirkung gekommen sei.
Hubert Distler hatte im Juli 1919 in Lindau am Bodensee als einziger Sohn (neben drei Töchtern) eines Lokomotivführers das Licht der Welt erblickt. Dort und später in Schongau wuchs er auf. Auf Wunsch der Eltern sollte auch er wie Papa eine sichere Stellung bei der Bahn anstreben. Doch der Sohn setzte durch, die Realschule in Weilheim zu absolvieren. Es folgten Arbeitsdienst und Kriegseinsatz, wobei er 1943 einen Oberschenkeldurchschuss erlitt, sodass sein rechtes Bein amputiert werden musste. Im Lazarett erkrankte Distler an Ruhr und Diphtherie. Doch er überlebte und es entstanden erste Zeichnungen und Aquarelle, in denen er die schreckliche Zeit verarbeitete.


Von 1946 an studierte Distler, der bis zu seinem Tod eine Beinprothese trug, an der Münchner Kunstakademie „Monumentalmalerei und Wandgestaltung unter besonderer Berücksichtigung der Belange christlicher Kunst“. Als Meisterschüler von Professor Franz Nagel erhielt er ein Stipendium. Mit Nagel und Kommilitonen malte er 1950 in Augsburg die Pfarrkirche St. Maximilan aus, eine Gemeinschaftsleistung, die als eine der ersten Werke moderner christlicher Kunst in Deutschland nach dem Krieg Bewunderung fand. Distler hatte nebenher Radieren, Holzschnitt, Textilkunst und Schreinerei studiert und damit die Basis für seine Vielseitigkeit gelegt. 1952 heiratete er seine Studienkollegin Eva Beer, mit der er sich im Grafrather Ortsteil Wildenroth niederließ.
Distlers Karriere begann Anfang der 1960er-Jahre, als ihn der Schwabinger Architekt Olaf Andreas Gulbransson verpflichtete. Zuweilen arbeitete Distler auch mit den Architekten Franz Lichtblau, Ludwig Bauer und Theodor Steinhauser zusammen. Von Reichenhall bis Lindau, Hannover, Kassel und Magdeburg, verteilt auf ganz Deutschland, hat er mehr als 200 sakrale und profane Gebäude ausgeschmückt. In München und in den umliegenden Landkreisen sind über 30 evangelische und katholische Kirchen mit Distler-Werken zu finden. Auch die Evangelische Akademie in Tutzing, die Fernmeldeschule in Feldafing, die Technische Universität in Garching, Wohnhäuser, Kindergärten, Alten- und Freizeitheime hat Distler mit Wand- und Deckenmalereien, Schnitzwerken, Hinterglasbildern, Wandteppichen, Fresken und Holzfriesen bereichert.


Im Landkreis Fürstenfeldbruck sind Kirchen in der Kreisstadt, in Eichenau und in Puchheim mit seinen Werken geschmückt. Prägend für Distlers Stil waren seine Kriegserlebnisse, die ihn zu einem gläubigen Menschen hatten werden lassen. Aber auch Eindrücke aus Studienreisen in Länder rund ums Mittelmeer und ins Heilige Land flossen ein. „Mit Symbolen zum Denken und Meditieren anregen“, war eigenem Bekunden zufolge seine Absicht. 1980 erhielt er den Kunstpreis der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche, 1983 den Kunstpreis des Landkreises Fürstenfeldbruck und 1998 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Die Ausstellung in der Michaelkirche in Grafrath wird am Freitag, 25. September, um 19 Uhr eröffnet und ist an den Wochenenden vom 26. September bis 1. November geöffnet (außer am 17./18. Oktober), samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags nach dem 10-Uhr-Gottesdienst sowie von 14 bis 17 Uhr. Am Samstag, 26. September, von 20 Uhr an findet ein Konzert mit „Musica Somnia“ (Anna Kränzlein und Rüdiger Glufke) statt. Tags darauf, am Michaelistag, 27. September, wird im Rahmen des 10-Uhr-Gottesdienstes mit der neuen Pfarrerin Johannetta Cornell die renovierte Jann-Orgel geweiht.

