Umwelt und LandwirtschaftDer kalte Winter macht das Mähen im Moor möglich

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Der gefrorene Boden im Ampermoos hat eine Streumahd möglich gemacht. In den kleinen Lücken zwischen dem Schneidried stochern im Sommer Bekassinen nach Nahrung.
Der gefrorene Boden im Ampermoos hat eine Streumahd möglich gemacht. In den kleinen Lücken zwischen dem Schneidried stochern im Sommer Bekassinen nach Nahrung. Christian Niederbichler
  • Landwirte und Naturschützer konnten dank des gefrorenen Bodens im Winter erstmals seit Jahren Streuwiesen im Ampermoos mähen.
  • Die winterliche Streumahd erhält seltene Pflanzen wie Mehlprimeln und Orchideen sowie bedrohte Vogelarten wie die Bekassine.
  • Das Osteuropa-Kältehoch „Christian“ ermöglichte den schneefreien Dauerfrost, auf den die Beteiligten mehrere Jahre gewartet hatten.
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Feuchtgebiete können nur alle paar Jahre gemäht werden. Warum sich Landwirte und Naturschützer über Frost im Ampermoos freuen und was Vögel und Mehlprimeln davon haben.

Von Ingrid Hügenell, Grafrath

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Wiesen werden im Frühjahr und Sommer gemäht, dann ist das Gras besonders eiweißreich. Aber im Winter? In Feuchtgebieten gelten etwas andere Regeln, und deshalb freuen sich die Gebietsbetreuer von Ammersee und Starnberger See, Christian Niederbichler und Andrea Gehrold, sowie Johann Ludwig, ein auf Landschaftspflege spezialisierter Landwirt aus Meiling, über den knackig kalten Winter. Die gefrorenen, schneefreien Böden im Amper- und im Leutstettener Moos boten ihnen eine Chance, auf die sie mehrere Jahre gewartet hatten: die dortigen Streuwiesen in der kalten Jahreszeit zu mähen.

Streuwiesen, so erklären es Niederbichler und Gehrold, sind außergewöhnliche Lebensräume. „Sie wurden immer schon schonend genutzt und sind außergewöhnlich artenreich. Die feuchten Wiesen werden nicht gedüngt und nur einmal im Jahr gemäht.“ Die getrocknete Streu wird als „Strah“ oder „Moos-Streh“ bezeichnet. Als Futter für Rinder taugt sie nicht, die Bauern verwendeten sie früher aber gerne im Stall als Einstreu. Später landete sie wieder als Festmist auf Grünland und Äckern – im Frühjahr eine gute Futterquelle für Vögel. „Festmist fördert das Bodenleben, Würmer vermehren sich und Wiesenbrüter wie der Große Brachvogel finden eine gute Nahrungsquelle“, erläutern die Gebietsbetreuer: „Gülle kann das nicht.“

Die traditionelle Nutzung von Moorböden und Nassflächen als Streuwiesen wurde jedoch vielerorts aufgegeben und später über staatliche Förderprogramme wiederbelebt, eben um die vielen Pflanzen und Tiere zu bewahren, die dort vorkommen. „Heute spricht man von Paludikultur, wenn es allgemein darum geht, alternative Nutzungen für Moorböden zu finden, damit diese Böden weniger Kohlendioxid ausgasen und im Idealfall sogar speichern können.“ Feuchte Moore speichern viel Kohlenstoff und helfen so, die Erderwärmung zu bremsen. Werden sie zu trocken, wird der Kohlenstoff jedoch zu Kohlendioxid abgebaut, entweicht in die Luft und trägt so zum Klimawandel bei.

„Bei unseren Führungen werden wir immer wieder gefragt, wie es denn früher war, bevor der Mensch gemäht hat“, berichtet Niederbichler. Vor vielen Jahrhunderten weideten ihm zufolge Auerochse, Elch und Wisent auf den noch wilden Flächen, später die Rinder der Hirten und Bauern, bevor die Streuwiesen nur noch gemäht wurden. Aus dieser Nutzung mit langer Tradition entwickelten sich bestimmte Pflanzengemeinschaften, wie die berühmten Iris-Pfeifengraswiesen oder die Enzian-Mehlprimel-Kopfbinsenriede. Werden die Wiesen regelmäßig gemäht, kommt Licht auf den Boden für seltene Arten wie Orchideen. Kleine Moortümpel bleiben frei für fleischfressende Wasserpflanzen und werden nicht von altem Gras erstickt. In Vegetations-Lücken können Bekassinen im Boden nach Nahrung stochern.

Rosettenpflanzen wie die zarten Mehlprimeln brauchen Licht am Boden um im Frühjahr reich blühen zu können. Sie profitieren daher von der traditionellen Streumahd.
Rosettenpflanzen wie die zarten Mehlprimeln brauchen Licht am Boden um im Frühjahr reich blühen zu können. Sie profitieren daher von der traditionellen Streumahd. Stephanie Millonig
Die Bekassine, auch Sumpfschnepfe oder, wegen ihres Rufs, Himmelsziege genannt, kommt im Ampermoos noch vor, ist in Bayern aber vom Aussterben bedroht. Auf gemähten Flächen findet sie die Würmer, Larven und Schnecken, die sie so gerne frisst, leichter als im hohen Gras.
Die Bekassine, auch Sumpfschnepfe oder, wegen ihres Rufs, Himmelsziege genannt, kommt im Ampermoos noch vor, ist in Bayern aber vom Aussterben bedroht. Auf gemähten Flächen findet sie die Würmer, Larven und Schnecken, die sie so gerne frisst, leichter als im hohen Gras. Susanne Hoffmann

Viele Streuwiesen im Ampermoos oder im Leutstettener Moos konnten im Herbst gemäht werden. Besonders nasse Flächen mussten jedoch stehen bleiben. Um sie befahren zu können, muss es richtig kalt werden. In milden Wintern sinken die Mähmaschinen leicht ein. Die Frostphase, die heuer im Amper- und im Leutstettener Moos genutzt werden konnte, machte „Christian“ möglich – nicht der Ammersee-Gebietsbetreuer, sondern das Osteuropa-Kältehoch. Es brachte ausreichend Dauerfrost, der gut in den Boden eindringen konnte, solange ihn keine Schneedecke isolierte.

„Auf schneefreien Dauerfrost, eine ‚trockene G’frier‘, mussten wir lange vergeblich warten“, sagt Niederbichler. „Da fährst du wie auf der Autobahn“, schwärmt Johann Ludwig. „So ebenmäßig ist der gefrorene Boden. Es ist bodenschonend und zeitsparend. Und weil der Bewuchs im Winter strohtrocken ist, kannst du gleich nach dem Mähen Schwaden und Streu-Ballen pressen.“

Streuballen im Ampermoos mit Blick auf die verschneiten Alpen. Die Ballen liegen teils in gemähten Abschnitten, dazwischen liegen Streifen, die bewusst stehen gelassen werden und die Ballen teilweise verdecken. Ein strukturreiches Mosaik aus Mahd und Altgras bietet besonders vielen Tieren einen Lebensraum.
Streuballen im Ampermoos mit Blick auf die verschneiten Alpen. Die Ballen liegen teils in gemähten Abschnitten, dazwischen liegen Streifen, die bewusst stehen gelassen werden und die Ballen teilweise verdecken. Ein strukturreiches Mosaik aus Mahd und Altgras bietet besonders vielen Tieren einen Lebensraum. Christian Niederbichler

Das frostige Zeitfenster für die winterliche Landschaftspflege ist meist kurz, wenige Tage oder eine Woche. Und dann müssen alle Beteiligten schnell und flexibel reagieren, also die beiden LBV-Gebietsbetreuungen, Landwirte, untere Naturschutzbehörden und Landschaftspflegeverbände. „Nur im Team ist es gelungen, rund 25 bis 30 Hektar im Leutstettener und Ampermoos zu pflegen, 400 Streuballen zeugen davon“, teilen die Gebietsbetreuer mit.

Weil Feuchtgebiete derart wertvolle Ökosysteme sind, macht jedes Jahr der World Wetlands Day am 2. Februar weltweit auf sie aufmerksam. Ammersee und Starnberger See gehören schon seit 1976 zur weltweiten Liste besonders wertvoller Feuchtgebiete nach der sogenannten Ramsar-Konvention. Der Weltfeuchtgebietstag stand heuer unter dem Motto: „Traditionelles Wissen und Erhalt des Kulturerbes“. Es passt besonders gut zu den Streuwiesen, die ein Zeugnis der traditionellen Kulturlandschaft sind. Das Datum des Jahrestags, der 2. Februar, ist auch als „Maria Lichtmess“ bekannt.  Früher war das ein wichtiger Tag im landwirtschaftlichen Jahreslauf.

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