Global Player Schuhe und Schinken

Die Puchheimer Firma Stemmer Imaging AG ist auf leistungsfähige Bildverarbeitung spezialisiert. Sie kann sowohl bei der Kontrolle von Lebensmitteln eingesetzt werden als auch bei der Produktion von Kleidungsstücken

Von Erich C. Setzwein

Sneaker einfach aus dem Regal kaufen oder sie sich bei dem Internetshop mit der kreischenden Kundin bestellen, ist so einfach - und doch so einfallslos. Personalisierte Schuhe sind der Trend. Nicht vom Schuhdesigner, sondern selbst konfiguriert von der Sohle bis zu den Schnürsenkeln. Damit solche Schuhe nicht von Hand gemacht werden müssen und dadurch unbezahlbar wären, laufen die vom Kunden gewünschten Schuhe bei den großen Sportschuhherstellern einfach vom Band.

Damit das Produkt zum einen auch so aussieht, wie es vorher am Computermonitor zusammengestellt worden ist, und zum anderen den Kunden erreicht, kommt Technik zum Einsatz, wie sie die Puchheimer Firma Stemmer Imaging AG herstellt. Seit 27 Jahren befassen sich die Mitarbeiter mit industrieller Bildverarbeitung, einer Technologie, ohne die die Industrie 4.0 nicht vorstellbar wäre.

Wenn, wie etwa beim Schuhhersteller Nike, ein personalisiertes Modell gefertigt wird, wachen Kameras und die dafür benötigte Software darüber, dass der Sneaker oder Fußballschuh auch so aussieht. Mit Fußball hat Stemmer übrigens auch zu tun: Wenn ein Schiedsrichter ganz genau wissen möchte, ob der Ball wirklich die Linie überrollt hat, sagt Technik-Vorstand Martin Kersting, dann greift der Referee zu den Ergebnissen der Torlinienkamera. Darin steckt Stemmer-Technologie.

Die Firma hat ihren Sitz im Puchheimer Gewerbegebiet an der Gutenbergstraße. Platz ist noch vorhanden. Doch bei der Geschwindigkeit, in der die AG wächst, dürfte sie dort bald an ihre Grenzen kommen. Denn Stemmers Technologie und Produkte sind gefragt, das Unternehmen könnte zu seinen 220 Menschen zählenden Personal durchaus neue Leute einstellen - wenn es sie denn gäbe -, die die Nachfrage der Kunden befriedigen.

Die Kunden, das sind Lebensmittelproduzenten, die Käse und Wurst in immer gleich große und gleich dicke Scheiben schneiden wollen, das sind Betriebe der Recycling-Wirtschaft, die Metall und Kunststoff von Restmüll trennen müssen, oder ist eben die Bundesliga und der Sportschuhproduzent. Alles Einsatzbereiche für die industrielle Bildverarbeitung, die das Puchheimer Unternehmen beherrscht. Vor gut einem Jahr ist die Firma an die Börse gegangen, um sich das Kapital zu besorgen, das sie für die weitere Entwicklung und die gewünschten Zukäufe benötigt. Es sollte der erfolgreichste Börsenstart 2018 werden.

Was an der Gutenbergstraße für die Industrie 4.0 entwickelt wird, ist vor allem eine Software, die moderne Fertigungsprozesse erst in Gang bringt. Ob das nun die Qualitätskontrolle von zuvor exakt zugeschnittenen Blechplatten ist oder Speckscheiben, die geschnitten und dann in Folie geschweißt werden. Dabei müssen die Kameras, die diese Schneideprozesse überwachen und keinen Schnitt zulassen, durch den eine Scheibe um geringe Millimeteranteile größer oder kleiner ausfällt. Die Kameras funktionieren in kalten wie in heißen Umgebungen. Jedes einzelne Kabel muss die von der Software gelieferten Signale schnellstmöglich umsetzen. Deshalb sei es nötig, auch eine eigene Kabelfertigung zu haben, sagt der 54 Jahre Kersting, der seit 27 Jahren im Unternehmen ist und mit Wilhelm Stemmer zu den Gründern der Firma Stemmer Imaging gehörte. 30 Kilometer Kabel werden jährlich in Puchheim per Hand angefertigt.

Auch den neuesten Trend gehen die Puchheimer Pioniere der Bildverarbeitung mit. Beim "Hyperspectral Imgaing" wird über die Lichtabsorption die chemische Zusammensetzung von Materialien bestimmt. Und das völlig zerstörungsfrei. So müssen, wie Kersting erläutert, keine Folienpackungen mehr geöffnet werden, um ein Produkt zu analysieren. Etwa beim Fleisch. Wenn ein Bio-Produzent wissen muss, ob das gelieferte Fleisch auch gewiss frei von Antibiotika ist, kann er das an bestimmten Spektralfarben erkennen. Oder nachsehen, ob das Hühnchenfleisch noch in Ordnung ist - und das ohne eine Packung zu öffnen und den Inhalt untersuchen zu müssen. "Ein Labor wird damit überflüssig", sagt Kersting.

Um in Puchheim weiter wachsen und in Europa weiter die elf Büros unterhalten zu können, tue der Firma Stemmer der Bruttoemissionserlös der Aktien von gut 50 Millionen Euro recht gut, sagt Finanzvorstand Lars Böhrsen, 42 Jahre alt und seit fünf Jahren in der Firma. Andere Unternehmen und deren Knowhow können erworben werden, die Marktposition insgesamt soll verstärkt werden. Denn mit einem jährlichen Wachstum von durchschnittlich zwölf Prozent und einem Umsatz von 88 Millionen Euro im Jahr 2017 scheint die auf die "Machine Vision" spezialisierte Firma gut unterwegs zu sein und gilt in der Branche als die in Deutschland größte und in Europa als eine der führenden. Dass bei diesem Wachstum gerade die Jungen eine Rolle spielen, hat Stemmer Imaging erst vor wenigen Tagen auf dem Brucker Berufsinformationstag gezeigt, wo die Firma gleich mehrere Ausbildungen im Elektronikbereich anbot. Man bilde für den eigenen Bedarf aus, sagt Personalreferentin Marion Strencioch und spricht auch die Möglichkeit zum dualen Studium an. Schuhdesigner kann eh jeder selbst sein.