Gesundheit Mangelware Grippe-Impfstoff

Die Impfung gegen Grippe ist für chronisch Kranke und ältere Menschen empfohlen.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Im Landkreis ist das Serum gegen die Influenza kaum noch zu bekommen. Die Bayerische Apothekerkammer macht dafür die Krankenkassen verantwortlich. Die Versicherungen weisen den Vorwurf zurück

Von Ariane Lindenbach, Fürstenfeldbruck

Wer derzeit eine Grippeimpfung benötigt, muss lange suchen. "Nein, haben wir nicht mehr", lautet die immer gleiche Antwort bei stichprobenartigen Anrufen in einigen Arztpraxen im Landkreis. Das Serum gegen die Influenza sei schon "seit Wochen" aufgebraucht, berichten die Arzthelferinnen. Die Bayerische Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (Lagi) berief bereits eine Sondersitzung ein, um auf die Situation zu reagieren. Ergebnis: Bestimmungen werden gelockert, im Ausland nach Überschüssen gesucht. Für Thomas Benkert aus Mammendorf, Präsident und Sprecher der Bayerischen Landesapothekerkammer, sind die Krankenkassen mitverantwortlich an der aktuellen Situation.

"Die Krankenkassen haben die Ärzte angeschrieben, sie sollen nur 70 Prozent von dem bestellen, was sie voriges Jahr verbraucht haben", erklärt Benkert. Somit war von Haus aus für diese Grippesaison fast ein Drittel weniger von dem Serum bestellt worden. "Die Ärzte haben Angst, dass sie von den Krankenkassen in Regress genommen werden", begründet er das Verhalten der Mediziner. Und Benkert erläutert, warum der Impfstoff nicht einfach nachbestellt werden kann: Weil das Serum immer nur für eine Saison entwickelt werden kann und bereits im Frühjahr produziert wird, ist es jetzt, kurz vor Weihnachten, zu spät, um das nationale Kontingent zu erhöhen.

Die Lagi hatte Ende November eine Sondersitzung abgehalten und dabei einige Bestimmungen gelockert, etwa dass Ärzte untereinander Impfstoffe austauschen und auch Apotheken eine Tauschbörse etablieren dürfen. Ferner sollen alle Beteiligten ermitteln, wo es noch Impfstoff gibt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Nachbarstaaten.

Wie Benkert bestätigt, wurde bereits in Frankreich gesucht und 20 000 Portionen ausfindig gemacht. Die bürokratischen Hürden seien aber praktisch nicht zu überwinden - so müsste dem Apothekersprecher zufolge für jeden Patienten einzeln die Dosis in einem aufwendigen Genehmigungsverfahren importiert werden. Zudem brauche Frankreich seine Impfvorräte selbst. Bei der Sondersitzung wurden ferner für Apotheken die Bestimmungen so gelockert, dass sie untereinander den Impfstoff weitergeben dürfen.

Ein zweiter Grund für den Engpass ist sicher die Tatsache, dass die gesetzlichen Krankenkassen erstmals auch die Impfung mit der Vierer-Kombination bezahlen. Im Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sieht man darin den Grund dafür, dass bereits jetzt fünf Prozent der Bevölkerung geimpft sind - mehr als in der gesamten letzten Grippesaison. Und die geht üblicherweise mit dem Jahresbeginn erst so richtig los. In der Vergangenheit trugen die Krankenkassen nur die Kosten für den Dreifach-Wirkstoff. Diese Handhabe traf im vergangenen Winter auf einige unglückliche Umstände. So zeigte die Dreier-Kombi kaum Wirkung, etliche Patienten erkrankten trotz Impfung an Grippe. In der Folge ließen sich weniger Menschen als sonst gegen Influenza impfen. Das führte, zusammen mit dem milden Winter, zu einer extrem hohen Zahl an Grippekranken. Mit 6500 Erkrankungen im März in Bayern lag der Spitzenwert der Infizierten gut doppelt so hoch wie sonst.

Auch das Erleben einer echten Grippe hat nach Benkerts Einschätzung die Zahl der Impfwilligen erhöht. Wie sehr sich die Ärzte bei ihren Bestellungen verschätzen können, hat der Apotheker in dem Zusammenhang erst unlängst erlebt: Ende September habe ein Mediziner flehentlich gebeten, seine Apotheke in Mammendorf möge 50 Dosen des Impfstoffs zurücknehmen. Benkert sagte zu. "Jetzt wollte er die auch schon wieder haben", berichtet er. Aber inzwischen seien diese natürlich alle weg.

"Von der DAK ist das Schreiben nicht rausgegangen", sagt Cassandra Surger von der DAK Fürstenfeldbruck. Sie verweist an den GKV, den Spitzenverband der Krankenversicherungen. Von dort verweist man an das Bundesversicherungsamt. Der Sprecher dort kennt ein solches Schreiben auch nicht und verweist erneut an die GKV. Dass das Gesundheitsamt für die aktuelle Inluenza-Saison erst zwei Fälle verzeichnet hat, kann kein Grund zur Entwarnung sein. Die Grippeerkrankungen nehmen in aller Regel mit dem Jahresbeginn an Fahrt auf und erreichen im Februar und teilweise im März ihren Höhepunkt. Zum Vergleich: Für die gesamte vorige Grippesaison wurden 1410 Influenzafälle gemeldet.