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Geschichte verständlich erklärt:Fürstenfeldbrucker Seiten

Erstmals liegt ein Heimat- und Sachbuch über den Landkreis für Schulen vor. Kinder erfahren darin viel Wissenswertes über ihre Umgebung. Das lehrreiche wie unterhaltsame Kompendium eignet sich auch als Nachschlagewerk für die ganze Familie

Von christian hufnagel, Fürstenfeldbruck

Wie verstehen Kinder eine Materie aus der Erwachsenenwelt? Eine mittelalterliche Abgabeverordnung etwa. Wer das pädagogisch wertvoll umzusetzen hat, ist sicherlich im Vorteil, wenn er den Adressaten gewissermaßen als Jury zuhause um sich hat. Insofern waren Martina Streble ihre drei Kinder bei der Arbeit in den vergangenen zwei Jahren sehr hilfreich. Vor allem der Älteste, schließlich war er in dem Zeitraum als Dritt- und Viertklässler genau das Zielpublikum. Also wollte die Gröbenzellerin den "Zehnt", den die Bewohner an Einnahmen und Ernte an das Kloster Fürstenfeld abgeben mussten, mit "zehn Prozent" erklären. Aber diesen Begriff habe ihr Sohn nicht verstanden, also sei er wieder rausgeflogen. Die freiberufliche Buchwissenschaftlerin und Autorin fand eine andere Formulierung: "Ein Zehntel" scheint nun ein altersgerechtes Synonym und für acht- und neunjährige Grundschüler verständlich genug zu sein, um ein Stück mehr über Leben und Wirken der Mönche zu erfahren.

Das Beispiel mag zeigen, was für eine anspruchsvolle Aufgabe es war, erstmals ein Heimat- und Sachbuch für eben diese Altersgruppe zu realisieren, gemeinsam mit dem Augsburger Verleger Bernd Wißner, der sich auf diese Marktnische spezialisiert hat. Das Ergebnis, finanziert von den Städten und Gemeinden im Landkreis, liegt nun vor und kann sich sehen lassen: "Unser Landkreis Fürstenfeldbruck" ist in dieser Sparte sicherlich ein epochales Werk, das 80 Seiten stark, reich bebildert und mit kreativen Lernaufgaben versehen, gleich mehrere Lücken schließt.

Aufgaben zu lösen, bereichert die Lektüre des Heimat- und Sachkundebuches über den Landkreis Fürstenfeldbruck.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die erste ist eine des Wissens und deckt einen Mangel an Bewusstsein auf, was Landrat Thomas Karmasin in seinem Begleitwort thematisiert: "Kaum ein Kind kann sich etwas unter seinem Landkreis vorstellen. Ich bin wirklich froh, dass es jetzt mit diesem schönen Buch für die Kinder leichter ist, zu sehen und zu verstehen, was ein Landkreis ist." Die zweite Lücke ist eine im Lehrplan. Der beinhaltet zwar Heimatgeschichte. Doch die Umsetzung hänge sehr von der Initiative der Pädagogen ab, so Streble. Grund: "Es gibt zu allem viele Materialen, nur zum eigenen Ort am wenigsten." Und vor diesem misslichem Hintergrund hat Schulamtsleiterin Bettina Betz dieses Projekt angestoßen, über dessen Realisierung sie sich nun glücklich schätzt: "Die Verbindung schulischen Lernens mit der Lebensumwelt der Kinder ist hervorragend. Bei der Vermittlung von Lerninhalten und Kompetenzen kann mit diesem schülergerecht gestalteten und interessanten Landkreisbuch nun ein direkter Bezug zum heimatlichen Umfeld der Kinder hergestellt werden."

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Das Runen-ABC zu erlernen und seinen Namen selbst zu schreiben, mag nicht nur für Grundschüler ein Spaß sein. Lehrreich ist es auch, anhand des Fahrplans auszurechen, wie lange einst das Dampfschiff auf der Amper von Grafrath nach Dießen gebraucht hat.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Dieser "direkte Bezug" ist wirklich Kapitel um Kapitel außerordentlich gut gelungen, in dem Sinne, dass ein übergeordnetes und allgemeingültiges Thema gewissermaßen vor der Haustür der jungen Leser veranschaulicht wird. Die Archäologie etwa fußt im Landkreis auf dem ersten nachgewiesenen Fund - eine keltische Münze im Jahr 1763 bei Grunertshofen - und der spektakulären Entdeckung: einem gläsernen Stein namens Obsidian, der in Purk ausgegraben wurde, 8000 Jahre alt ist und von einer griechischen Insel stammt. Den "Lebensraum Wald" kann man im Forstlichen Versuchsgarten Grafrath" mit Bäumen aus aller Welt erfahren; die Entwicklung des Verkehrs entlang der 1840 eröffneten Bahnstrecke nach Augsburg und der Amper und ihrer einstigen Dampfschifffahrt von Grafrath nach Dießen, eingestellt 1939. Und schließlich ist für die Entwicklung des Landkreises kein Ort wichtiger gewesen, als das Kloster Fürstenfeld, 1263 gegründet, 1803 aufgelöst, heute Veranstaltungsort. Lokal herangezoomt werden auch so große geschichtliche Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg und das tragische Ende des Olympia-Attentats von 1972 auf dem Brucker Fliegerhorst. Hier findet sich ein sichtbarer Zugang für die Nachgeborenen etwa über das Todesmarsch-Mahnmal und die Gedenkstätte für die Opfer des missglückten Befreiungsversuches der Olympia-Athleten.

Verfasst in einer leichten Sprache, sind selbst komplexe Ereignisse und Vorgänge gut zu verstehen, womit es zu einem Nachschlagkompendium für die ganze Familie taugt. Und weil es ein Lehrbuch ist, finden sich viele Aufgaben darin, die zum Lösen auch eine unterhaltsame familiäre Freizeitbeschäftigung sein können. Wer will, kann ein Runen-ABC erlernen und seinen Namen schreiben, die Zeichensprache der Fürstenfelder Mönche um eigene Einfälle erweitern oder mit Hölzchen eine Bogenbrücke nachbauen. Eine multimediale Note beschert zusätzliche Abwechslung, QR-Codes führen etwa in eine Mosterei und zur Trinkwasseraufbereitung. Wer dann auf der letzten Seite angekommen ist, kann sich mit Autorin Streble bestätigt fühlen: "Wenn man all das weiß, was da drin steht, weiß man viel." Vor allem über das, was man Heimat nennt.

"Unser Landkreis Fürstenfeldbruck", Heimat- und Sachkundebuch, Wißner-Verlag, 80 Seiten, 12,80 Euro, ISBN 978-3-95786-258-7, im Buchhandel erhältlich.

© SZ vom 13.01.2021
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