Germering Verstehen und Verständnis

Wenn Menschen dieselbe Sprache sprechen, fällt das Kennenlernen leicht. Deshalb liebt Karl Breuninger Esperanto. In seinem Haus beherbergt der Germeringer regelmäßig Gäste aus aller Welt und bewahrt die Bibliothek des Vereins auf.

Von Andreas Ostermeier, Germering

Viele ehemalige Lateinschüler erinnern sich noch an die rote Grammatik. Auf mehreren hundert Seiten verzeichnete sie die Regeln der Sprache der alten Römer - und die Ausnahmen davon. Wie auch der Autor dieses Textes mögen viele Lateinschüler sich beim Aufschlagen des dicken Buches gewünscht haben, dass eine Sprache auch mit weniger Regeln und Ausnahmen zurecht kommen könnte. Während der Schulzeit blieb das ein unerfüllter Wunsch. Doch die Realisierung dieses Wunsches existiert. Der Germeringer Karl Breuninger kennt sie - und spricht sie auch. Sie heißt Esperanto.

Statt fünf Deklinationen wie es sie in Latein gibt, kennt Esperanto nur eine, statt sechs Fälle gibt es nur vier, statt der drei Geschlechter männlich, weiblich und neutral gibt es nur eines. Um es kurz zu machen: Statt Hunderte von Regeln und Ausnahmen beachten zu müssen, um Latein - oder eine lebende Sprache wie Deutsch, Englisch oder Französisch - sprechen zu können, benötigt Esperanto ganze 16 Regeln.

Wie ein modernes Kunstwerk ist diese Sprache auf das Notwendige reduziert. Sie ist nicht Folge einer ungesteuerten Entwicklung, sondern das bewusste Werk des Verstandes. Ausgedacht hat sich diese Sprache Ludwik Lejzer Zamenhof. Seit 1887 ist Esperanto in der Welt. In der wird sie nicht von sonderlich vielen Menschen gesprochen, die Schätzung der Esperanto-Gesellschaft rechnet mit maximal drei Millionen Menschen, die sich in der Kunstsprache verständigen können. Aber sie ist in allen Teilen der Welt daheim. Breuninger erzählt von einem Aufenthalt in China Mitte der Achtzigerjahre. Damals zeigte ihm eine Chinesin Teile des großen Landes. Sie konnte kein Deutsch, er kein Chinesisch. Verständigen konnten sich beide auf Esperanto.

Breuninger beherbergt die Bibliothek des Münchner Esperanto-Vereins in seinem Haus.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Breuninger will die Sprache pflegen. Deshalb gehört er der Germeringer Esperantogruppe an, ebenso wie Mitglieder aus Puchheim oder Gröbenzell. Da die Zahl der organisierten Esperantosprecher im Landkreis Fürstenfeldbruck gering ist, treffen sich die Sprachfans mit anderen in München. Breuninger ist schon lange dabei. Erstmals kam der 1944 Geborene mit der Sprache in den Sechzigerjahren in Berührung. Damals nahm ihn sein Vater zu einem Esperanto-Kongress mit. Der Vater hatte die Sprache schon viel früher gelernt, die Kenntnisse jedoch nicht an seinen Sohn weitergegeben. Der lernte Wortschatz und Regeln während seines Physikstudiums in Stuttgart. Ein paar Sprachkassetten, die der Germeringer in seinem Keller hat, geben Zeugnis vom Erlernen der Sprache.

Breuninger ist überzeugt von Esperanto. Die Sprache habe neben dem leichten Erlernen vor allem einen Vorteil gegenüber jeder Nationalsprache wie dem Englischen, sagt er. Da kein Mensch mit Esperanto als Muttersprache aufwächst, falle die Hemmung weg, die immer Gespräche zwischen Muttersprachlern und denen bestimme, die eine Sprache in der Schule gelernt haben. Auch das Argument, dass die meisten Menschen auf der Welt ein bisschen Englisch sprechen könnten, lässt Breuninger nicht gelten. Die Lingua Franca der modernen Welt werde vielerorts eben immer noch nicht verstanden, sagt er. Mit Esperanto hat er dagegen ganz andere Erfahrungen gemacht.

Karl Breuninger will die Sprache pflegen. Deshalb gehört er der Germeringer Esperantogruppe an, ebenso wie Mitglieder aus Puchheim oder Gröbenzell.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Gäste aus 28 Ländern hat er schon bei sich in Germering beherbergt, darunter Besucher aus Nepal, Simbabwe, Togo oder Japan. Einmal rief ein Chinese an, der gerade in München gelandet war und bat, man möge ihm während seines wenige Stunden dauernden Aufenthalts etwas von München zeigen. Breuninger führte den Mann durch die Innenstadt - beide haben sich sehr gut verstanden. "Zum Abschluss hat er auch noch seine Weißwürste bekommen", erzählt der Germeringer. Auch er hat mit Hilfe seiner "Fremdsprachenkenntnis" einige Länder kennen gelernt. In Norwegen kamen Breuninger und seine Frau kurzfristig bei anderen Esperantisten unter. Die räumten, obwohl seit kurzem Eltern, ihr Ehebett frei. Möglich sind solche Bekanntschaften unter Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen haben, durch ein Adressenverzeichnis, das die Adressen von Esperantisten in vielen Ländern auflistet. Die gemeinsame Sprache führt die Menschen zusammen.

Genau das war die Motivation, die Ludwik Lejzer Zamenhof antrieb, eine Sprache zu erfinden. Der polnisch-jüdische Augenarzt, 1859 in Białystok geboren, war bereits in der Kindheit mit vielen Sprachen konfrontiert. Daheim wurde Russisch und Jiddisch gesprochen, der Vater lehrte Französisch und Deutsch. Dazu kamen Polnisch und in der Schule Latein, Griechisch und Englisch. Außerdem sprach Zamenhof Hebräisch.

Die Erfahrungen mit dem Antisemitismus bestärkten Zamenhof in seiner Ansicht, dass die Menschen sich besser vertrügen, wenn sie die gleiche Sprache sprächen. Diese Hoffnung hat der von ihm geschaffenen Sprache auch den Namen gegeben. Esperanto heißt auf Deutsch "Hoffender". Bereits als Jugendlicher begann Zamenhof, sich Gedanken über eine Universalsprache zu machen. Als junger Mann schrieb er dann das erste Lehrbuch der Sprache, die mit wenigen Regeln auskommt und deren Worte vor allem aus den romanischen und den indogermanischen Sprachen stammen.

Vorteil Latein

Esperanto ist eine Sprache aus dem Baukasten. Illustrieren mag dies eine Wortbildung, wie die von Krankenhaus. Sano heißt Gesundheit. Fügt man die Vorsilbe mal- hinzu (vom lateinischen Wort für schlecht), wird malsano daraus. Das Gegenteil von Gesundheit ist eben das Wort für Krankheit. Ein Ort oder Raum, wo etwas stattfindet, wird mit der Nachsilbe -ej gekennzeichnet. Das Krankenhaus oder die Klinik heißen also malsanulejo. 35 solcher Vor- und Nachsilben gibt es in Esperanto. Mit ihrer Hilfe können zahlreiche Begriffe für diverse Begriffsfelder gebildet werden. Sie beziehen sich beispielsweise auf die Verwandtschaft, Eigenschaften oder den Beruf. Auch andere Regeln sind einfach: So enden Hauptwörter immer auf -o, Adjektive immer auf -a. Esperanto kennt vier Fälle, wie die deutsche Sprache. Gesteigert wird mit dem Wörtchen pli (das bedeutet "mehr") und plej, was "am meisten" heißt. Wer Latein kann, tut sich mit der Sprache leicht, denn viele Worte sind lateinischen Ursprungs, ein Vorteil vor allem für Sprecher aus dem Bereich der romanischen Sprachen. Wer sich für Esperanto und die Tätigkeiten des Vereins interessiert, erhält im Internet unter www.esperanto-muenchen.de Informationen. Kurse in der Sprache gibt es ebenfalls im Internet unter www.lernu.net. ano

Die Hoffnungen Zamenhofs fanden vor allem in der Arbeiterbewegung Widerhall. Sie kamen deren Internationalismus entgegen. Zudem wandten sich gerade Menschen, die aus sozialen Gründen keine höhere Schulbildung erreichen und Fremdsprachen erlernen konnten, leicht mit der erfundenen Sprache und ihren wenigen und logischen Regeln. Doch Breuninger hat auch schon erfahren, dass sich Gesprächspartner trotz gemeinsamer Sprache nicht verstehen, nicht verstehen wollen. So pflegt er, der elf Jahre lang in der Sowjetunion gelebt hat, Esperanto-Kontakte zu Russen.

Einige dieser Kontakte sind verloren gegangen, weil es zwischen ihm und seinen Gesprächspartnern unterschiedliche Meinungen zum Konflikt in der Ukraine gegeben habe, erzählt der Germeringer. Die gemeinsame Sprache konnte die verschiedenen Sichtweisen nicht überwinden. Verständigung erzeugt eben nicht immer auch Verständnis.

Breuninger bleibt dem Esperanto dennoch treu. Jeden Donnerstag treffen sich die Anhänger der Sprache im Eine-Welt-Haus in München, hören Vorträge und beschäftigen sich mit neuen Worten und deren Integration in ihre Sprache. Als ein Beispiel nennt Breuninger den Begriff Facebook. Die einfachere Variante war die Übernahme des Wortes aus dem Englischen, zusätzlich versehen mit der Endsilbe -o für ein Hauptwort, also facebooko. Damit war ein Teil der Esperantosprecher zufrieden, einen anderen Teil störte das Fremdwort. Diese Mitglieder wehren sich, wie auch Breuninger, gegen zu viele Anglizismen in ihrer Sprache. Also übersetzten sie Facebook als "Gesichtsbuch" in Esperanto und kreierten nach den Regeln der Kunstsprache das Wort "vizaĝolibro" (sprich wisadscholibro).

Eine weitere Aufgabe der Vereinsmitglieder ist die Vorbereitung des Esperanto-Kongresses. Dieser wird im kommenden Jahr in München stattfinden. Dann feiern die Anhänger der Plansprache das 125-jährige Bestehen ihrer Bewegung in München (die Stadt heißt in Esperanto übrigens "Munkeno"). Im Keller von Karl Breuninger stapeln sich bereits die Programme und Einladungen für das besondere Ereignis.