Stadtklima in GermeringAm heißesten ist es in der Industriestraße

Lesezeit: 3 Min.

Die Industriestraße ist stark versiegelt, es gibt kaum Schatten.
Die Industriestraße ist stark versiegelt, es gibt kaum Schatten. (Foto: Johannes Simon)

Eine Thermaldrohne überfliegt Germering. Ihre Bilder zeigen, wo im Sommer die größte Hitze herrscht und Kühlung nötig wäre. Die Stadt will nach der Auswertung handeln – sofern sie Zugriff auf die Grundstücke hat.

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

Eine Drohne fliegt über Germering. Es ist eine sogenannte Thermaldrohne, die Germering an bestimmten Arealen überfliegt und Bilder für hochaufgelöste Wärmebelastungskarten erstellt. Dies geschieht bewusst an einem Hitzetag im August. Die detaillierten Wärmekarten lassen Schlüsse zu, welche Baumaterialien, Gebäudetypen oder Bepflanzungen einen Aufheizungs- oder Abkühlungseffekt erzeugen. Alles soll im Herbst 2025 in ein Klimaanpassungskonzept der Stadt einfließen.

Doch erst einmal muss dazu die Drohne fliegen. Christian Pfeifer von der Jenaer Firma „Think“, dem Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz, legt die Drohne auf den betonierten Germeringer Stadthallenplatz. Ehe sie hochsteigt, muss er telefonisch die schon verabredete Fluggenehmigung vom Tower in Oberpfaffenhofen final einholen. „Ich habe eine Höhe von hundert Metern angemeldet“, sagt Pfeifer. Das Ja kommt postwendend.

Die nur 60 Zentimeter im Durchmesser kleine Drohne hebt erst langsam ab, dann umso schneller und fliegt senkrecht nach oben. Nach etwa zehn Sekunden ist nur noch ein kleiner Punkt am wolkenlosen Himmel auszumachen. Der Rundflug um die Stadthalle ist von Pfeifer programmiert worden. Er schaut zur Kontrolle auf sein kleines Display.

Auf dem leuchten Farben auf, die die Drohnenkamera übermittelt. Auf dem Display markieren sie die unterschiedlichen Temperaturen auf dem Boden. Rot bedeutet warm, Pink-Lila heiß und Blau ist kalt. Die Drohne überfliegt gerade ein Gründach in der Nähe der Stadthalle und misst dort  28 bis 33 Grad. Ein Normaldach daneben erscheint im Display in Lila. „Das sind 53 Grad“, verkündet Pfeifer. „Das ist richtig heiß.“ Die Drohne fliegt in einem Radius von 200 Metern um das Stadthallengebiet herum.

Auf dem Display kann Christian Pfeifer sehen, was die Drohne aufnimmt.
Auf dem Display kann Christian Pfeifer sehen, was die Drohne aufnimmt. (Foto: Karl-Wilhelm Götte)

Alle eineinhalb Sekunden macht die Drohne ein Foto. „Das hängt etwas von der Flughöhe ab“, erzählt der Experte aus Jena. Die Farben auf dem Display verändern sich je nach Objekt auf dem Boden. Werden von oben die Platanen auf dem Stadthallenplatz fotografiert, scheinen die Farben Blau und Grün auf. Die Bäume werden mit 32 bis 34 Grad gemessen, der betonierte Platz mit 50 Grad. „Der kleine Wasserbrunnen dort hilft nichts“, sagt Claudia Müller vom Sachgebiet für Umwelt bei der Stadt. „Dadurch gibt es nur ein Grad weniger.“

Um die Unterschiede am Boden markant herauszuarbeiten, hat die Stadt Germering zusammen mit dem Unternehmen aus Jena, das aus dem Institut für Geografie der dortigen Friedrich-Schiller-Universität hervorgegangen ist, bewusst einen Hitzetag gewählt. „Das ist ein perfekter Tag ohne Wolken und ohne starken Wind“, bestätigt Pfeifer. Christian Klöpfer von der Stabsstelle Klimaschutz bei der Stadt hat die Messungen durch die Thermaldrohne organisiert. „Hoher Sonnenstand, hohe Temperaturen um die Mittagszeit herum war uns wichtig“, berichtet Klöpfer.

Die Thermodrohne startet vor der Stadthalle zum Überflug von Germering.
Die Thermodrohne startet vor der Stadthalle zum Überflug von Germering. (Foto: Karl-Wilhelm Götte)

Alles ist Mitte August so eingetroffen. 115 000 Euro lässt sich Germering das Klimaschutzkonzept kosten. 80 Prozent davon wird staatlich gefördert. Die Drohne hat in dreieinhalb Stunden nicht nur Messungen an der Stadthalle vorgenommen. Auch das Straßenknäuel am Kleinen Stachus hat sie überflogen, genauso das Areal um die Kerschensteinerschule im Südwesten Germerings mit heißen Ecken auf dem Schulhof und das Gebiet der eher baumlosen Industriestraße mit den dortigen Supermärkten.

Klimaanpassung
:Wie Germering im Klimawandel cool bleiben will

Im Rathaus wird ein Konzept entwickelt, mit dem die Temperaturen für die Bewohner erträglich bleiben sollen. Grundlage bildet eine Datenanalyse, die zeigt, wo es besonders heiß ist. Welche Konflikte es gibt und was Privatleute zur Kühlung beitragen können.

SZ PlusVon Ingrid Hügenell

Besonders heiß ist es in der Industriestraße. Dort herrscht fast durchgängig eine Oberflächentemperatur am Boden von 50 Grad. „In dieser Straße ist es offenbar am heißesten in Germering“, vermutet Christian Pfeifer. Das führt Claudia Müller auch auf die absterbenden Bäume an einem Supermarkt zurück. „Die haben dort nicht genügend Fläche und die Wurzeln können nicht tief genug gehen, sodass die Bäume eingehen“, sagt die Baumexpertin. Ihr Kollege Ludwig Fichtner verweist auf die 80 bis 100 Liter fassenden weißen Gießsäcke, die in Germering in einigen Straßen im regenschwachen Juni an den Bäumen angebracht wurden, um diese gezielt zu wässern.

Blick auf die Hitzebilder (von links): Christian Pfeifer von der Think GmbH Jena, Christian Klöpfer, Stabstelle Klimaschutz Germering, und Zweite Bürgermeisterin Manuela Kreuzmair.
Blick auf die Hitzebilder (von links): Christian Pfeifer von der Think GmbH Jena, Christian Klöpfer, Stabstelle Klimaschutz Germering, und Zweite Bürgermeisterin Manuela Kreuzmair. (Foto: Karl-Wilhelm Götte)

Inzwischen setzt die Drohne nach dem programmierten Flug von zwölf Minuten wieder zur Landung an. Sie landet genau dort, wo sie gestartet ist. Wäre der Motor ausgefallen, hätte ein kleiner Fallschirm die 1,1 Kilogramm schwere und etwa 5000 Euro teure Drohne sicher landen lassen. Die Aufnahmen der Drohne muss Pfeifer in Jena auswerten. „Die Auswertung der Daten, die Erstellung detaillierter Wärmekarten und die Erarbeitung von Vorschlägen für das Klimaanpassungskonzept ist dann 95 Prozent meiner Arbeit“, erklärt er.

Das Konzept für Germering, so die Planung, soll im Herbst veröffentlicht werden. Letztlich läuft es darauf hinaus, wo Entsiegelung und Begrünung stattfinden kann. „Mal sehen, was wir umsetzen können“, sagt Germerings Zweite Bürgermeisterin Manuela Kreuzmair (CSU) eher vorsichtig. „Wir können auch nur dort aktiv werden, wo der Grund der Stadt gehört.“ Sonst müsse Beratung privater Eigentümer im Vordergrund stehen. „Wir werden die Eigentümer über Förderprogramme, zum Beispiel für die Dachbegrünung, informieren“, fügt der Klimaschutzbeauftragte Klöpfer hinzu.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Katastrophenschutz und Ehrenamt
:„Ich halte nichts von einer Verpflichtung zum Feuerwehrdienst“

Ein Dorf im Westen des Landkreises Fürstenfeldbruck kann den Brandschutz aus eigener Kraft nicht mehr sicherstellen. Nur ein Einzelfall? Im SZ-Interview erklärt der Kreisbrandrat, wie man mehr Helfer gewinnen könnte und wie eher nicht. Und warum er sich über einen juristischen Bärendienst ärgert.

SZ PlusInterview von Stefan Salger

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: