Germering:Reise ins All

Lesezeit: 4 min

Die Germeringer Firma Deployables Cubed stellt Geräte für kleine Satelliten her. Erstmals fliegen die Teile in den Weltraum - an Bord der Space-X-Mission. Die Mitarbeiter verfolgen den Raketenstart mit Anspannung und Jubel

Von Andreas Ostermeier, Germering

Als Kate Tice sich vom Kennedy Space Center in Florida meldet, wird es still im Raum. Die Moderatorin bereitet die Zuschauer auf den Start einer Falcon-9-Rakete vor, die in wenigen Minuten ins All fliegen wird. An Bord der Space-X-Mission befinden sich ein Selfie-Stick und mehrere Aktuatoren genannte Geräte einer Germeringer Firma. Diese kleinen Würfel mit Kantenlängen von etwa zwei Zentimeter Länge sollen Kleinsatelliten auf eine berechnete Umlaufbahn bringen. Ob das gelingt, wird sich allerdings erst einige Zeit nach dem Countdown zeigen. "Das ist unser erster Raketenstart", sagt Thomas Sinn, einer der Gründer der Firma Deployables Cubed GmbH, kurz "Dcubed", vor der Übertragung aus Florida. Entsprechend nervös sind die Zuschauer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Germeringer Firma. Denn bevor die eigenen Konstruktionen ihre Arbeit tun und die Minisatelliten eines spanischen Unternehmens auf die Umlaufbahnen schießen können, muss einiges andere funktionieren, so der Start und die Trennung der ersten Stufe der Rakete von der Raumkapsel, die die Ladung transportiert und in weitere Höhen steigen soll.

Germering: Go! Die Falcon-9-Rakete hebt pünktlich um 10.25 Uhr Ortszeit in Cape Canaveral, Florida ab. Es ist der 177. Start einer Rakete der Firma Space X von Elon Musk.

Go! Die Falcon-9-Rakete hebt pünktlich um 10.25 Uhr Ortszeit in Cape Canaveral, Florida ab. Es ist der 177. Start einer Rakete der Firma Space X von Elon Musk.

(Foto: Craig Bailey/AP)

Auf der Leinwand im Gastraum der Germeringer Brauerei ist nun viel Rauch zu sehen. Der Countdown läuft, gleich wird die Rakete abheben. Dann wechselt die Perspektive, eine an der Falcon 9 befestigte Kamera zeigt, wie schnell der Startplatz, das Space Center, dessen Umgebung und dann auch die Erde kleiner werden. Der Start ist gelungen, die erste Anspannung weicht, doch den erlösenden Beifall gibt es erst, als sich nach etwas mehr als zwei Minuten die beiden Teile der Rakete trennen. Nun teilt sich auch das Bild, die beiden Raketenfraktionen können auf ihren gegensätzlichen Wegen - ins All und zurück zur Erde - verfolgt werden. Der Teil mit dem Raketenantrieb kehrt zum Space-Center in Florida zurück - und das Landemanöver des Antriebsteils der Rakete, der wieder verwendet wird, zu beobachten, das ist besser als jeder Science Fiction. Die Kamera zeigt, wie der Landeplatz näherkommt, schließlich sehen die Zuschauer, wie die Raketen mächtig Feuer spucken und sich das Antriebsteil auf die Erde setzt: Punktlandung!

Germering: Von links die Firmengründer Thomas Lund, Joram Gruber, Thomas Sinn und Alexander Titz.

Von links die Firmengründer Thomas Lund, Joram Gruber, Thomas Sinn und Alexander Titz.

(Foto: Fotos: Carmen Voxbrunner)

Ebenso perfekt soll die erste Mission ins All auch für Dcubed ausgehen. Die Aktuatoren, in ihrem Aussehen gleichen sie Druckschaltern, sind noch nie im Weltraum ausprobiert worden, sie haben ihre Fähigkeiten bislang lediglich im irdischen Test gezeigt. Der spanische Kooperationspartner Fossa Systems hat sich dennoch für die Auslöser aus Germering entschieden, weil es Geräte mit dieser Funktion und in dieser Größe, respektive Kleinheit, sonst nicht gibt. Die Aktuatoren aus Germering sollen die kleinen Satelliten von Fossa auf die richtigen Umlaufbahnen in 500 Kilometer Höhe bringen, indem der kleine Druckknopf zur rechten Zeit eingezogen wird und dann damit dem Kleinsatelliten einen Impuls mitgibt. Damit ein solcher Auslöser arbeitet, braucht es ein elektrisches Signal. Gelingt es den Geräten, die vier Satelliten auf ihre Reise zu schicken, dann finden die Germeringer wohl auch weitere Interessenten für ihre Technik. Ebenfalls ins All mitgeschickt wurde ein Selfie-Stick. Er fliegt zunächst mit einem Satelliten mit und macht Fotos aus dem Weltall. Die Fotos können von der Erde aus veranlasst werden. Sinn schwebt auch ein Lieblingsmotiv vor, das er gern sehen würde: der fliegende Satellit und im Hintergrund die Erde.

Germering: Erinnerungswürdiger Nachmittag: Mitarbeiter sehen die Übertragung aus Florida.

Erinnerungswürdiger Nachmittag: Mitarbeiter sehen die Übertragung aus Florida.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Für die Gäste in der Germeringer Brauerei gibt es mittlerweile Leberkäs und Kartoffelsalat, Raumfahrttechniker feiern offensichtlich recht bodenständig. Auch Puchheims Kämmerer Harald Heitmeir, der zu den Germeringer Bierbrauern gehört, ist seht interessiert am Geschehen, denn die Germeringer Bierproduzenten möchten selbst Hopfen in den Weltraum schicken, um nach der Rückkehr aus dem Gewächs ein Space-Beer zu brauen. Voraussichtlich in ein paar Monaten startet die Rakete für den Hopfenflug. Laut Heitmeir fehlen aber noch einige Genehmigungen. Startpunkt ist nicht Cape Canaveral, sondern die Rakete soll von isländischem Boden abheben. Die Brauerei wird dann wieder zum Countdown einladen, die Uhr mit den roten Dezimalzahlen wohl wieder auf der Theke stehen.

Beginn einer Revolution

Die Erkundung und Nutzung des Weltraums ist lange Zeit eine Sache von Staaten und staatlichen Unternehmen gewesen. Seit einiger Zeit mischen Privatfirmen mit, wichtigster Vertreter der neuen Raumfahrt-Unternehmer ist Elon Musk. Die Branche stehe am "Anfang einer Revolution", sagt Thomas Sinn, Gründer und Geschäftsführer der Germeringer Firma Deployables Cubed (kurz: Dcubed). Denn Musks Space X und andere Raumfahrt-Unternehmen haben sich vorgenommen, die Flüge ins All billiger zu machen. Außerdem starten ihre Raketen viel öfter als beispielsweise die der Nasa.

Firmen wie Dcubed konzentrieren sich auf Klein- oder Nanosatelliten, die wenig Gewicht haben und in einer Rakete kaum Platz brauchen. Auf diese Weise lässt sich viel Geld sparen und dennoch ins All gelangen. Etwa 50 000 Euro kostet es laut Sinn, ein Kilogramm Gewicht mit einer Falcon-Rakete transportieren zu lassen. Der selbst entwickelte Selfie-Stick für Fotos aus dem Weltraum, der am Donnerstag mitgeflogen ist, wiegt etwa 300 Gramm. Die Kosten für die Aktuatoren hat di spanische Firma übernommen, die ihre Satelliten mitgeschickt hat.

14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bei dem Germeringer Unternehmen beschäftigt, die Mehrzahl von ihnen junge Raumfahrttechniker. Ihre beruflichen Möglichkeiten haben sich durch die Privatfirmen erweitert. Auch Sinn arbeitet gern für ein Start-up. Seit Kindheitstagen ist er begeistert von der Raumfahrt, denn in der Nähe des Elternhauses bei Heilbronn habe die DLR Raketen getestet, erzählt er. Studiert hat er in Deutschland und den USA, in Schottland hat er den Doktor gemacht.

Dcubed ist eine recht junge Firma, gegründet worden ist sie im Dezember 2019. Die Firmenräume befinden sich im Burgweg in Germering. Das Unternehmen hat Fördergelder erhalten und Preise gewonnen. Höhepunkt der Firmenhistorie ist der erste Weltraumflug am Donnerstag. ano

Ihre Geräte haben die Techniker einer Falcon-9-Rakete anvertraut. Hinter deren Entwicklung steckt die Absicht von Musk, dem Chef der Firma Space X, Raumflüge billiger zu machen. Die Rakete erfüllt dies, indem ihre erste, die Boosterstufe, mehrmals verwendet werden kann. Das spart Geld, denn der Antrieb gehört zu den teuersten Teilen einer Rakete und wurde bei älteren Modellen immer abgeworfen. Die Boosterstufe der Falcon aber kehrt zur Erde zurück und landet wieder in Florida. Etwa 50 Millionen Dollar kostet derzeit laut Sinn der Start einer Space-X-Rakete, durch weitere Verwendung bisher genutzter Teile sollen die Kosten sinken. Müsste sie jedes Mal mit einer neuen Boosterstufe ausgerüstet werden, lägen die Kosten bei mehr als 60 Millionen Dollar. Dementsprechend können auch die Preise für die Fracht, die die Rakete transportiert, geringer werden. Am Donnerstag nahm die Rakete 105 Satelliten verschiedener Größe mit ins All. Unter diesen befanden sich auch die einer Münchner Firma, die vom Weltraum aus schneller Waldbrände erkennen und melden möchte, als das bislang der Fall ist.

Für die Mitarbeiter der Germeringer Firma ist der erste Raketenstart ein Erfolg. Alle Auslöser arbeiten, wie sie sollen. Die vier Kleinsatelliten des spanischen Partnerunternehmens werden auf die Umlaufbahnen geschickt. Auch der Selfie-Stick nimmt seine Reise auf einem Satelliten auf - mit Spannung werden die Fotos erwartet, die er zur Erde senden wird. Sinn zeigt sich sehr zufrieden. "We are in space", ruft er in den Raum. Da hat die Raumkapsel mit den Geräten von der Erde bereits eine Höhe von 207 Kilometer erreicht. Und dort oben wollen die Germeringer noch oft sein, oder noch viel weiter von der Erde entfernt. Bei der nächsten bemannten Mondmission sollen Entwicklungen der Germeringer Techniker dabei sein.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB