Süddeutsche Zeitung

Germering:Mit Vernunft durch die Corona-Krise

Die meisten Menschen respektierten die Vorgaben, berichtet die Polizei. Lediglich manchen jungen Leuten falle es bisweilen schwer, auf Geselligkeit zu verzichten

Von Peter Bierl, Germering

Auf Distanz achten ist immer noch die beste Prävention gegen Pandemien, daran hat sich seit der mittelalterlichen Pest nichts geändert. Diverse Regeln im öffentlichen Raum durchzusetzen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, gehört seit Mitte März zur Aufgabe der Polizei. Die drei Inspektionen im Landkreis berichten, dass die meisten Bürger sich vernünftig verhielten. "Wir hatten nur wenige Querulanten und Wiederholungstäter", sagt Christian Stadler, ein Sprecher der Germeringer Polizei.

Die Statistik des Polizeipräsidiums Oberbayern-Nord, in deren Bereich 1,5 Millionen Menschen leben, bestätigt die lokalen Einschätzungen. Man habe 11 000 Verstöße registriert und davon 5500 angezeigt, bei insgesamt 155 000 Kontrollen von Mitte März bis Anfang Juni, erklärte ein Sprecher der SZ.

Stadler und seine Kollegen sind für Alling, Eichenau, Germering und Puchheim sowie Gilching zuständig, ein Gebiet mit etwa 100 000 Menschen. Sie haben in zweieinhalb Monaten knapp 400 Anzeigen erstattet. Diese werden meist vom Landratsamt bearbeitet, im Regelfall droht ein Bußgeldbescheid über 150 Euro, der innerhalb von vierzehn Tagen ins Haus kommt.

Die allermeisten Fälle beziehen sich auf Ausgangsbeschränkungen in der Anfangsphase, berichten übereinstimmend Stadler sowie Winfried Naßl, der stellvertretende Leiter der Inspektion in Olching. Dort hat die Polizei insgesamt 123 Fälle in Egenhofen, Gröbenzell, Maisach und Olching registriert. Die Polizeichefin von Fürstenfeldbruck und dem westlichen Hinterland, Nina Vallentin, kann nicht mit Zahlen und Statistiken aufwarten. Alle drei Polizisten betonen, dass sie und ihre Kollegen im Regelfall "mit Fingerspitzengefühl" vorgehen. Schon deshalb, weil sich die Vorgang so schnell ändern.

Anfangs hatte Stadler, der die Corona-Einsätze in Germering koordiniert, ständig auf seinem Bildschirm den Livestream des Bayerischen Rundfunks laufen oder checkte regelmäßig die Homepage des Innenministeriums, weil sich laufend etwas änderte. Paradebeispiel war die Frage, ob Menschen allein auf einer Parkbank sitzen dürften. Erst hieß es nein, dann gab es Proteste, und Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ruderte zurück. Es sei eindynamischer Prozeß, sagt Naßl. Immerhin waren von Anfang an genügend Mundschutzmasken in der Inspektion vorhanden, berichtet er. Seit Ende Mai gilt nun schon die fünfte Verordnung nach dem Infektionsschutzgesetz, die schon die Lockerungen für den Juni enthält. Am Anfang sei die Akzeptanz in der Bevölkerung sehr hoch gewesen, alle waren sensibilisiert, auch durch die dramatischen Bilder aus Italien. Mit zunehmender Dauer der Beschränkungen seien viele Menschen allerdings "angespannter", erzählt Stadler. Er kann das gut nachvollziehen. Wer in den Wohnblöcken in Germering oder Puchheim lebt, dem fällt irgendwann die Decke auf dem Kopf. Gehen die Leute dann auf die Straße, wird es in solchen Vierteln schwierig, die Abstände einzuhalten, ebenso in den Parks oder an den Badeseen. Außerdem ginge "die Schere auseinander zwischen denen, die besorgt sind, und denen, die glauben, dass es sie nicht trifft", sagt er.

Am Anfang sei es oft darum gegangen, über aktuelle Maßnahmen aufzuklären. "Nach ein paar Tagen kann man Nichtwissen nicht mehr akzeptieren", sagt Naßl. Dann hätten er und seine Kollegen gegen "beratungsresistente" Zeitgenossen auch mal Anzeige erstattet.

Ein Problem seien die Jüngeren, die Altersgruppe bis 35 Jahre, der es zunehmend schwerfällt, auf Geselligkeit zu verzichten. Von regelrechten Corona-Partys berichtet keiner. Am Mammendorfer Badesee und am Pucher Meer hätten sich anfangs Jugendliche gesammelt, erzählt Vallentin. Am Olchinger See wurde mal eine Gruppe mit einem Kasten Bier ertappt, berichtet Naßl. Die Germeringer Polizei löste ein halbes Dutzend Geburtstagspartys auf, außerdem treffen sich immer wieder Leute an irgendwelchen Ecken mit Bierflaschen, und schließlich gab es einen Einsatz, weil die Tuning-Szene sich auf einem Parkplatz traf, um sich mal wieder gegenseitig ihre Boliden vorzuführen. "Das müssen wir unterbinden, da haben wir wenig Fingerspitzengefühl", sagt Stadler. Aus den Biergärten und Wirtschaften berichtet die Polizei bislang keine Verstöße. Allerdings würden die Beamten auch nicht "proaktiv" kontrollieren, berichtet Vallentin. Die Polizei gehe aber gelegentlich Hinweisen aus der Bevölkerung nach. "Wenn eine Streife vorbeifährt und etwas auffällt, dann schauen wir nach", berichtet Naßl.

Kein Problem gebe es mit den Flüchtlingen. Dreimal war die Polizei in Puchheim im Einsatz, weil Infizierte aus der Siemensstraße erst nicht ihre Unterkunft verlassen wollten, dann gegen die Quarantäne-Regeln verstießen und schließlich einige mit dem Essen unzufrieden waren. "Das hat sich alles beruhigt", sagt Stadler. Er hat Verständnis dafür, wegen der Sprachbarrieren, weil die Leute verunsichert waren, dazu war beim Umzug in die Quarantäne-Unterkunft Eile geboten, damit sich nicht noch mehr Menschen infizieren.

Insgesamt sei die Arbeit für die Polizei durch die Corona-Epidemie nicht größer geworden, schätzt Naßl. Die Zahl der Verkehrsunfälle sei deutlich gesunken und auch die Kriminalität habe wohl etwas abgenommen.

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SZ vom 06.06.2020
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