bedeckt München 22°
vgwortpixel

Germering:Lob dem Simpl

Toni Netzle, 2015

Um sie geht es: Toni Netzle, Schauspielerin und ehemaligen Wirtin des Münchner Lokals "Alter Simpl".

(Foto: Stephan Rumpf)

Gaby dos Santos führt ein "Historical" über die Wirtin Toni Netzle auf

"Warum sollte ich Bühnenstücke erfinden, wenn es jetzt schon derartig spannende Geschichten gibt?" Mit dieser Gegenfrage antwortet die Medienkünstlerin Gaby dos Santos, wenn man wissen möchte, warum sie denn ausgerechnet historische Geschichten auf die Bühne bringt und nicht zum Beispiel ihre eigenen, frei erfundenen? "Historicals" nennt die Künstlerin ihre Live-Darbietungen, bei denen sie Bildcollagen, Texte und Klänge miteinander verbindet und von legendären Epochen oder Plätzen aus der Vergangenheit erzählt. Zum ersten Mal kommt sie diesen Freitag mit einem solchen "Historical" auch nach Germering, wo sie mit Anekdoten über das ehemalige Münchener Kultlokal "Alter Simpl" und die berühmte Wirtin Toni Netzle auf eine fast vergessene Zeit aufmerksam machen möchte.

Warum? Im "Alten Simpl", heute ein gewöhnliches Studentenlokal in der Münchener Maxvorstadt, trafen jahrzehntelang Künstler, Politiker, Journalisten aufeinander, die, wenn man sie heute zu ihrer Zeit im ehemaligen Kabarettlokal befragt, "drei Jahrzehnte Bonner Republik aus der Tresenperspektive" bieten, wie Dos Santos sagt. So sprach sie für ihr Historical mit ehemals berühmten Persönlichkeiten wie dem Schlagerkomponisten Ralf Siegel, der Schauspielerin Michaela May oder etwa dem langjährigen CSU-Politiker Peter Gauweiler. Sie alle scheinen dabei vor allem eines miteinander zu teilen: ihre bedingungslose Liebe zum "Alten Simpl". Und: ihren Respekt vor Toni Netzle. Als Wirtin des Lokals, die aus einer großbürgerlichen Familie stammte und eigentlich Schauspiel studierte, habe sie es mit ihrer ganz eigenen, charismatischen Art geschafft, eine Wohnzimmer-Atmosphäre im "Alten Simpl" zu etablieren, sagt Dos Santos, die Netzle nun schon seit über zehn Jahren persönlich kennt und sie auch in ihrem Historical mit eingesprochenen Textpassagen zu Wort kommen lässt. Die Gemütlichkeit ihrer Kultkneipe rechnet ihr vor allem die politische Prominenz von damals bis heute hoch an. Und zwar so hoch, dass auch mal freiwillig auf die ein- oder andere Diskussion verzichtet wurde, um die Wirtin nicht zu verärgern, die laut Ex-Politiker Gauweiler viel Wert auf eine ordentliche Diskussionskultur legte "und wir wollten ja alle wiederkommen!". Auch der ehemalige SPD-Politiker Horst Ehmke gibt seinem ehemaligen Konkurrenten Recht, wenn er sagt: "Die Toni hat im ,Simpl' eine bessere Welt geschaffen!"

"Das", sagt Dos Santos, "sind allerdings nur zwei von vielen Originaltönen, die beim Historical zu hören sein werden und die zeigen, wie dankbar und treu die Gäste Toni Netzle bis heute geblieben sind." Was denn das Geheimrezept von Netzle war? Warum war sie denn so außerordentlich beliebt bei ihren Gästen? Das kann selbst die Künstlerin Don Santos nach den vielen Interviews mit ihren Stammgästen nicht wirklich beantworten: "Es gibt ab und zu Figuren in unserer Geschichte, die eine Ausstrahlung haben. Das ist eine bestimmte Form von Anziehungskraft, ein X-Faktor, den man nicht erklären kann, den muss man selbst erlebt haben!" Aber, selbst die beliebtesten Personen haben bekanntlich ihre unangenehmen Seiten. So konnte Netzle, eine Frau, die laut Don Santos "genaue Vorstellungen davon hatte, was sie will", auch schon einmal radikal sein. So habe sie als absolute Kriegsgegnerin einmal einen General dazu gezwungen, seine Uniform im Lokal auszuziehen. Diese und ähnliche Anekdoten sind auch Teil des Historicals und sollen zeigen, dass der "Alte Simpl" nicht nur ein künstlerischer, sondern vor allem auch hochpolitischer Ort gewesen sein soll. Begleitet und untermalt werden die O-Töne von selbstgeschriebenen Texten der Künstlerin und Fotocollagen, die auf eine Leinwand projiziert werden und das Erzählte der interviewten Personen in einen historischen Kontext stellen. Dabei müsse die Collage aus Bildern, Texten und O-Ton-Einspielungen vor allem einen "eigenen Sog entwickeln und eine dokumentarische Wirkung, aber keinen dokumentarischen Charakter haben", wie Dos Santos betont. Ziel sei es mit der Künstlerin "gemeinsam in das Guckloch der Zeit zu blicken und danach ein bisschen mehr über die Anfänge des "Alten Simpl", ein bisschen mehr über die Zeit und ein bisschen mehr über die Schwabinger Bohème zu erfahren."

Historical von Gaby dos Santos. Freitag, 21. Februar, 20 Uhr, Theater im Roßstall

© SZ vom 20.02.2020
Zur SZ-Startseite