Germering ist bekanntlich keine Großstadt. Doch wird sie wie eine behandelt. Die 42 000-Einwohner-Stadt ist von zwei Autobahnen eingekreist und verfügt gleich über drei Autobahnanschlüsse. Unternehmen im Ort finden das gut, sind sie doch schneller beim Kunden. Auch manche Bürgerinnen und Bürger schätzen sehr, dass sie auf der A96 schnell Richtung Wörthsee, Allgäu und zum Bodensee unterwegs sind oder über die A99 in etwa einer halben Stunde zum Flughafen kommen. Andere Anwohner wiederum leiden durch den Lärm, den sie durch den ständig steigenden Verkehr aushalten müssen. Dieser Verkehr und damit auch der Lärm werden weiter zunehmen, weil nach der A96 bald auch die A99 sechsspurig ausgebaut werden wird.
Der sechsspurige Ausbau der A96 von München nach Lindau zwischen den Anschlussstellen Germering-Süd und Oberpfaffenhofen, der Ende 2020 abgeschlossen wurde, hatte damals auch umfassende Lärmschutzmaßnahmen samt kostspieligen Einhausungen zur Folge. Die unmittelbaren Anlieger im Germeringer Stadtteil Unterpfaffenhofen haben sicherlich Erleichterungen gespürt. Menschen, die etwas weiter weg wohnen, klagen jedoch immer noch über intensiven Autobahnlärm.

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Marion Jahreis wohnt am Ende der Blumenstraße einige hunderte Meter von der A96 entfernt und macht immer noch täglich ihre Lärmerfahrungen. Die Lärmbelastung komme aus dem östlichen Teil der Autobahn. Es geht um etwa 800 Meter Autobahn nach der Abfahrt Germering-Süd Richtung München, die das Leben der dortigen Anwohner beeinträchtigen. Vor zwei Jahren hatte Marion Jahreis deshalb eine Online-Petition gestartet, die an die zuständige Autobahn GmbH Direktion Südbayern in Kempten gerichtet war.
„Ein Schlaf mit offenem Fenster oder ein Aufenthalt zu den genannten Zeiten im Freien ist durch den Autobahnlärm stark beeinträchtigt“, schrieb sie in der Erläuterung der Petition. Besonders in den Morgen- und Abendstunden und durchgehend bei Ostwind- und Südost-Windwetterlage sei der Verkehrslärm sehr heftig zu vernehmen, auch „hörbares Surren und Rauschen im geschlossenen Haus“.
Auf ihre Initiative hin hatte Jahreis einen Austausch mit der Autobahn GmbH. Die hat dann auch reagiert. „Die Petition hat geholfen, es ist deutlich besser geworden“, sagt Jahreis heute. Es habe im beklagten A99-Streckenabschnitt eine Fahrbahnsanierung gegeben und die Beschränkung auf Tempo 100 helfe auch. Doch bei Ostwind beeinträchtige der Autobahnlärm immer noch die Lebensqualität.
Das gilt auch weiter stadteinwärts im dicht besiedelten Stadtteil Unterpfaffenhofen. Auch nach den Lärmschutzmaßnahmen von 2020 sind dort ständig Autobahngeräusche zu vernehmen. Anwohner in der Erikastraße zum Beispiel, etwa gut einen Kilometer von der A96 entfernt, fühlen sich vor allem nachts durch Dauergeräusche von der Autobahn geplagt. „Besonders bei entsprechender Windrichtung kann man nachts kein Fenster öffnen“, klagt ein Ehepaar dort vehement. Gerade im Sommer sei das sehr unangenehm. Die Lärmschutzmaßnahmen von 2020 hätten dort keine Verbesserung gebracht.

Ebenfalls lärmgeplagt sind die Germeringer Anwohner im Stadtteil Neugermering an der A99-West und der Bundesstraße 2. Die B2 ist der stark befahrende Zubringer zur Autobahn in etwa 400 Metern Entfernung zur nächsten Siedlung. Der Straßenlärm trifft vor allem auch die Hochbebauung an der nahen Sudentenstraße. Die A99 ist ebenfalls nicht weit weg, etwa 600 Meter von der ersten Bebauungslinie im Stadtteil Neugermering entfernt. Bisher ist sie durch einen hohen Wall etwas abgeschirmt. Wie sich der Autobahnlärm in einigen Jahren gestaltet, bleibt abzuwarten, denn nach 20 Jahren soll die A99 West auf jeweils drei Spuren erweitert werden. Auch die nahe Anschlussstelle Freiham-Mitte, die faktisch „Germering-West“ ist, wird dann umgebaut.
Begonnen wird der Ausbau der A99 frühestens Mitte 2028, wie Josef Seebacher von der Stabsstelle Kommunikation der Autobahn GmbH mitteilt. Er rechnet mit sechs Jahren Bauzeit. „Man fängt mit den Brücken an, dann wird mit der einen Seite begonnen, dann kommt die andere dran“, sagt Seebacher. Dieses Vorgehen soll die Behinderungen für den Verkehr einigermaßen erträglich gestalten. „Je schneller man baut, umso mehr Behinderungen gibt es“, sagt der Experte.
Der sechsspurige Ausbau der A99, für den mit Kosten von 185 Millionen Euro gerechnet wird, hängt mit der Verkehrsprognose bis 2035 zusammen. Momentan fahren 90 000 Autos auf der A99 an Germering vorbei, der Verkehr staut sich regelmäßig in den Nachmittagsstunden vom Dreieck München-Südwest bis zum Aubinger Tunnel. Auch frühmorgens hat man große Mühe, von der Anschlussstelle Germering-Nord zum Allacher Tunnel zu kommen. In zehn Jahren rechnet man mit 120 000 Autos.
Im Aubinger Tunnel soll aus dem Sicherheitsstreifen eine dritte Spur werden
Hätte man nicht schon 2006 zur Eröffnung der A99-West wissen können, dass der Verkehr auf diesem Autobahnabschnitt expandieren wird? „Wir dürfen nicht auf Vorrat bauen“, klärt Autobahn GmbH-Sprecher Seebacher auf. Die Debatte gebe es seit Jahrzehnten, aber es gehe immer um die Kosten und das Budget, das zur Verfügung stehe. Auch die nötigen Grundstücke und die Naturzerstörung spiele eine Rolle.
Die Befürchtung vieler Germeringer, dass der aktuell jeweils zweispurige Aubinger Tunnel später zum Nadelöhr wird, kann Seebacher zerstreuen. „Da werden wir den bisherigen Sicherheitsstreifen dazu nehmen, um drei Spuren zu schaffen“, erläutert er, aber es müsse auch jeder Zentimeter zusammengekratzt werden. Den Wegfall des Sicherheitsstreifens soll dann durch intensive Überwachung kompensiert werden. Seebacher: „Im Tunnel sind an die 20 000 Messpunkte mit Sensoren angebracht.“ Die messen auch CO₂ und Stickoxide und detektieren früh mögliche Brandgefahren.
120 000 Autos bis 2025 erfordern auch umfangreiche Lärmschutzmaßnahmen. Der Wall an der A99 reicht dann nicht mehr aus. Oben auf der Dammkrone werden Lärmschutzwände angebracht, um die Einwohner von Neugermering vor dem Autobahnlärm zu schützen. Diese werden dann auch optisch einiges verändern. Sechs Meter hohe Lärmschutzwände stellt Seebacher für die Germeringer Seite in Aussicht, für München-Freiham auf der anderen Seite der Autobahn werden sie vier Meter hoch sein, so die Planungen der Autobahn GmbH.

