Germering:Kraft für die Beine

GERMERING: Dreharbeiten zu Lauf10

"Lauf10!" nennt sich die Fitnessaktion des BR, an deren Ende auch für Nicol Jaschinski eine Zehn-Kilometer-Strecke stehen kann.

(Foto: Leonhard Simon)

MS-kranke Puchheimerin nimmt an Laufaktion des Bayerischen Fernsehens teil

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

Nicol Jaschinski hat ihr Lauf- und Walkingtempo am frühen Samstagmorgen so dosiert, dass sie nach den drei Kilometern nicht atemlos vor dem Vereinsheim des SC Unterpfaffenhofen-Germering (SCUG) ihre Dehnübungen absolviert. Jaschinski ist sogenannte "Vorläuferin" bei der jährlichen Fitnessaktion "Lauf10!" der Abendschau des Bayerischen Rundfunks (BR). "Lauf10!" soll heißen: Nach zehn Wochen Training sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zehn Kilometer möglichst an einem Stück zurücklegen können. Auch die 45-jährige Puchheimerin will die zehn Kilometer bis zum Abschluss der Aktion am 3. September schaffen. Der gemeinsame große Abschlusslauf in Wolnzach muss coronabedingt jedoch entfallen.

"Vielleicht werde ich dann die zehn Kilometer nicht laufend schaffen", gibt sich Jaschinski noch skeptisch, "aber Walken, also im schnellen Gehen, werde ich ans Ziel kommen". Die gelernte Rechtsfachwirtin, die als Angestellte beim Polizeipräsidium Oberbayern-Nord arbeitet, geht mit einer Erkrankung ins Rennen: Sie ist an Multipler Sklerose (MS) erkrankt. Jaschinski ist sportmedizinisch untersucht worden und der "Lauf10!"-Partner, die TU München, hat unter Leitung von Martin Halle einen speziellen Trainingsplan für sie erarbeitet. "Sanft", sagt Halle, solle sie mit dem Training beginnen. Daran hält sich Jaschinski auch seit dem 21. Juni - dem offiziellen Trainingsbeginn. Jeden Montag trifft sie sich mit Halle und einem Personal-Trainer auf dem Münchner Olympia-Campus, um die Trainingswoche auszuwerten und gegebenenfalls neue sportliche Reize zu setzen.

Bei Jaschinski wurde die unheilbare Krankheit MS diagnostiziert, als sie 20 Jahre alt gewesen ist. Stress und Überforderung lösten immer wieder Schübe bei ihr aus. "Dann werde ich extrem wackelig auf den Beinen", beschreibt sie Symptome, "als ob ich betrunken wäre". Sie nimmt seit langem Medikamente und bekommt alle sechs Monate eine Infusion. "Das ist wie eine Chemotherapie", sagt Jaschinski, die seit zehn Jahren in Puchheim wohnt. Sie ist froh, dass sie die Nebenwirkungen, wenn überhaupt, gering sind. Sport hat sie in ihrem Leben nie betrieben. "Etwas Skifahren gab es", sagt sie, "sonst nichts." Deshalb freut sie sich, dass sie durch die erste Fitnesswoche gut durchgekommen ist: "Die Bewegung ist super für mich." Von Montag bis Samstag hat sie jeden Tag ihr Programm absolviert: "Sonntag ist mein erster freier Tag."

Wie an diesem Samstag wird sie fortan immer mittwochs mit der Germeringer SCUG-Laufgruppe trainieren. Die "Roten", weil erkennbar an ihren einheitlichen roten Lauftrikots, bestehen seit 20 Jahren und sind auf 95 Mitglieder angewachsen. Sie nehmen an Laufveranstaltungen teil und fahren regelmäßig zu internationalen Marathonläufen. "Seit 2019 verfügen wir auch über vier ausgebildete Trainer", erläutert der langjährige Laufgruppen-Manager Heinz Schmid. So kümmert sich auch SCUG-Trainerin Stephanie Wellnitz ganz persönlich um die Laufanfängerin.

Nicol Jaschinski spürt bereits die Fortschritte, die sie macht. "Es wird besser, ich bin fitter", meint sie schon nach der ersten Woche, wenn sie auch den "inneren Schweinehund", wie sie sagt, hier und da noch überwinden müsse. Sie reguliert das Bewegungstempo je nach Tagesform, so dass sie nicht wackelig wird. "Wenn ich eine Überlastung spüre, setze ich mich auch schon mal hin und trinke etwas." Sie ergeht sich nicht in Selbstmitleid. "Ich lebe mit der Krankheit, es gibt Schlimmeres", betont sie und man glaubt es ihr sofort.

Sie ist eine von vier Vorläuferinnen und -läufern der BR-Aktion, die regelmäßig in der "Abendschau" zwischen 18 und 18.30 Uhr beim Training im BR-Fernsehen zu sehen sind; so auch an diesem Montag, wenn der Film von Christian Eisele gezeigt wird. "Ich will anderen zeigen, dass es geht", sagt Jaschinski noch, ehe sie sich verabschiedet.

© SZ vom 28.06.2021
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