Eine Kindertagesstätte an einer Baustelle ist nichts Alltägliches. Und eine Kita als Ensembleteil eines mittleren Wolkenkratzers hat Germering bisher noch nicht gesehen. „Wolkennest“ lautet dann auch der passende Name der Einrichtung, die zum Hochhaus im Gewerbegebiet Germeringer Norden gehört. Das 50-Meter-Gebäude ist noch nicht ganz fertig, aber es steht im Rohbau da. Zwei Jahre haben die heute 47 Kinder dort in einem Vorbau mit ihren Erzieherinnen, Eltern und den Machern der Einrichtung schon Baustellenerfahrung gesammelt; jetzt feierten sie alle zusammen die offizielle Einweihung ihres Zuhauses.
„Es gibt Regeln für die Baustelle“, sagt Simone Hermes, die Geschäftsführerin vom Wolkennest. Eine Gefährdungsbeurteilung wurde damals zum Einzug im Mai 2024 angefertigt. „Wir leben seitdem gut mit der Baustelle.“ Eine provisorische Holzbrücke führt in die Kita-Räume hinein. Als der Rohbau immer mehr in die Höhe wuchs, wurde ein großes Netz angebracht, das als Fallschutz diente. Für die Kita-Kinder ist Szenerie immer noch hoch spannend. „Sie kennen sich gut aus mit Baustellenfahrzeugen“, sagt dann auch die Mutter zweier Kinder, die die Einrichtung besuchen. „Frühmorgens ist es immer die erste Frage: Welches Baufahrzeug ist das?“ Wenn Beton angeliefert wird, ist dann auch schon mal die Straße gesperrt. Dann müssen die Kinder über den Garten in die Einrichtung laufen.
Die Feier findet bei Sommerhitze im Spielgarten statt. Oben auf der Treppe steht Kita-Leiterin Jessica Weidlich mit ihren jungen Kita-Moderatoren Truvi und Evanan. Reden die Festgäste zu lange, schleicht sich Truvi schon mal mit einer Dankes-Sonnenblume die Treppe hinauf. „Ich merke, ich habe genug geredet“, sagt dann Oberbürgermeister Daniel Liebetruth (SPD), als sich Truvi mit der Blume nähert. Liebetruth lobt das Engagement Germeringer Unternehmer, die das Wolkennest und zehn Jahre zuvor bereits das „Allnest“, eine Kita an der Kleinfeldstraße, installiert haben. Dort sind zwei Kita-Gruppen untergebracht, im Wolkennest drei: eine Krippengruppe, eine Kindergarten- und eine Vorschulgruppe, beide integrativ angelegt.
Die Räume dort sind sehr großzügig bemessen. Es gibt einen Turnsaal für die Kinder, einen Therapieraum und große Räume für die Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen. 14 pädagogische Kräfte betreuen die Kinder, es gibt eine Köchin und Geschäftsführerin Simone Hermes. Auch sie spürt, wie in anderen Einrichtungen auch, dass die Anzahl der Anmeldungen für Kinder zurückgeht. Langsam aber stetig. „Früher gab es immer einen Anmeldeüberhang“, berichtet Hermes, jetzt würden die Gruppen gerade so voll. Früher habe es zu wenige Erzieherinnen gegeben, jetzt gebe es mangels Geburten immer weniger Kinder. „Dadurch haben wir jetzt einen entspannten Personalschlüssel“, erklärt Hermes.


Die Geschäftsführerin dankt in ihrer Festansprache dem Kita-Team und vor allem auch Leiterin Jessica Weidlich: „Du hast das hier zu einer echten Heimat für die Kinder gemacht.“ Weidlich stellt dann den Besuchern die „Bauleute“ vor: Die Kita-Architektin Iris Karremann ist gekommen, ebenso ihr Kollege Klaus Fiegel und Bauleiter Evgeny Ostapenko, die das Hochhaus nach sieben Jahren Bauzeit bald fertigstellen wollen. Kürzlich wurde der Rohbau mit Fenstern ausgestattet. Bauherr des Hochhauses und auch der Kita ist Wolfgang Bauer, Inhaber einer IT-Firma mit unternehmenseigener Bauabteilung. Die zahlreichen Festgäste stehen im Spielgarten gleich neben einem „Wolkenacker“, in dem die Erzieherinnen zusammen mit den Kinder Zucchini, Tomaten oder Kartoffeln anbauen und ernten. Vom Trägerverein Allnest ist auch Brigitte Breidenbach gekommen. Sie freut sich über „den Ort der Geborgenheit“ für die Kinder.


Eine Kita im Germeringer Gewerbegebiet, neben Hochhaus, Tankstelle, großer DHL- und Postansiedlung, ist ungewöhnlich. Und sie ist auch etwas ab vom Schuss. Die Eltern müssen ihre Kinder vornehmlich mit dem Auto oder mit dem Lastenrad zum Wolkennest bringen. Nur ganz wenige kommen zu Fuß. „Eine Bushaltestelle hier wäre schön“, sagt Hermes und schmunzelt, weil diese Erwartung wohl nicht ganz realistisch ist. Als gelernte Diplom-Kauffrau muss sie erst einmal auf die Wirtschaftlichkeit ihres Unternehmens achten. „Finanziell wird es immer schwieriger für uns“, erklärt sie. Alle Kostenstellen gingen nach oben, die Einnahmen wüchsen aber nicht im gleichen Maße.
Weil auch die staatlichen Zuschüsse anders gestaltet sind, ist die private Kita teurer als eine städtische Einrichtung. So reichen die Elternbeiträge in der Krippe je nach Betreuungszeit von 436 (fünf Stunden) bis 656 Euro (zehn Stunden) plus 80 Euro Essensgeld. Die Elterngebühr für Kindergartenkinder beträgt 229 bis 349 Euro, für Vorschulkinder 335 bis 505 Euro. Dazu kommen jeweils 90 Euro Essensgeld. Hundert Euro Zuschuss gibt es für Kinder- und Vorschulkinder vom bayerischen Staat. „Unsere Kinder werden hier inklusive Eingewöhnung sehr gut betreut“, sagt die Mutter eines Krippen- und eines Kindergartenkindes. Das sei den Eltern den höheren Beitrag wert.
Die Boogie-Tanzgruppe hat sich zum Fest gerade auf der Treppe positioniert. Für den Bären-Boogie gibt es viel Applaus, genauso für das Vogelfänger-Lied aus der Oper „Die Zauberflöte“, das die Vorschulkinder singen. Danach präsentiert das „Team Wolke“ noch einen eigens komponierten Song. Ja, die „Wolke“ unten auf der Erde über der Tiefgarage des Hochhauses wird vom Wolkenkratzer überragt. Wie das Verhältnis sein wird, wenn der Bau fertig ist? Für die Kinder sind die spannenden Baustellenerlebnisse dann vorbei.

