Gleich hinter der Tür des ersten Gebäudes der alten Bundeswehrkaserne taucht der Besucher in ein Farbenmeer ein. „Raum der Fantasie“ nennt Künstlerin Margherita Moroder, was hinter der Tür so farbenprächtig zu finden ist. Fünf Kinder der Eugen-Papst-Förderschule haben mit dicken Acryl-Stiften Wände und eine große Folie auf dem Boden bemalt. Giraffe, Pinguin und Elefanten sind beliebte Motive der Schülerinnen und Schüler. „Die Kinder malen farbenfroh und kräftig und einfach drauflos“, erzählt Moroder, die auch die Germeringer Malschule leitet. Ihre Empfehlung für die Kinderkunst: „Nicht viel denken beim Malen ist oft das Beste.“
Kunst in der Kaserne? Nicht nur das. Die Planungen des Germeringer Stadtrates, aus der ehemaligen Wehrmachtkaserne aus den 1930er-Jahren und späteren Bundeswehrkaserne mitsamt ihrem großen Gelände am südlichen Rand von Germering einen großen Kultur- und Veranstaltungsort zu machen, reichen mehr als ein Jahrzehnt zurück. Passiert ist noch nichts dergleichen, weil auch der Stadt das Geld dazu fehlt.

Vor einigen Jahren begannen Bildhauer und Holzkünstler im Sommer, im Freien Werke zu produzieren und auszustellen. Jetzt nutzen in einem der fünf Gebäude sechs „interdisziplinäre Künstlerinnen und Künstler“ aus Germering und Umgebung die vorhandenen Räume, um ihre Werke zu präsentieren. Die Kunstausstellung nennen sie „Raum³“. Es geht um Räume aller Art: „Zwischenräume, Freiräume und innere Räume … können Geborgenheit schenken oder Grenzen setzen, sie können offen sein oder verschlossen, still oder voller Bewegung“, beschreiben die Macher das Konzept im Ausstellungsführer.
Die Kunst findet aktuell in Räumen oder Zimmern der Kaserne statt. Projektleiterin und Künstlerin Vera Greif weist im Flur auf die „Pinakothek der Kaserne“ hin, einen „Galerieraum im Kleinformat“, in dem Lutz Walczok mit Bildern an die Wirtschafts- und Forschungsstelle (WiFo) erinnert, in der ab 1930 militärische Treibstoffe entwickelt und produziert wurden. Ein Werk mit dem Titel „Mega Benzinkanisterlager“ zeugt eindrucksvoll von damals, dem Barackenleben der Arbeitenden und von armen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Natur spielt bei den Künstlern eine wesentliche Rolle, auch bei der Installation mit dem Titel „Inside Out“: Peter Hill hat in einem Zimmer einen zwei mal zwei Meter großen „lebendigen Garten“ platziert, einen Blumenkasten mit einer halben Tonne Erde, Rasen und Blühpflanzen obendrauf. Schaut man aus dem Fenster, findet sich draußen eine ebenso große Fläche, allerdings nur mit nackter Erde. Der „Störraum“ von Daniel Mihaila ist eine interaktive Audioinstallation. Ökosysteme reagieren sensibel, wenn Menschen in den Raum kommen, da ändern sich die Klänge. Bei „Raumpuls“ von Mihaila entsteht der gleiche Effekt mit Möbeln im Raum. Im „Chaos“-Raum von Giuseppe Tore findet sich eine Installation aus systemlos angebrachten Holzstangen. An einer Stange ist ein alter Telefonapparat aus einer Telefonzelle angebracht. Die Welt, die bald einstürzen kann?


Vera Greif hat einen Raum großformatig mit Zeitungen tapeziert. An einer Wand entdeckt der Besucher kleine Zeitungsausschnitte, die großteils geschwärzt sind. Was übrig bleibt, sind einzelne Wörter oder kurze neue Sätze, wie „Social Media … auf eigene Gefahr“. Die Künstlerin will damit zu „genauem Hinsehen“ animieren. Greif lässt im „Zwischenraum“ das Gedicht „An die Sonne“ von Ingeborg Bachmann durch die Stimme von Ruth Geiersberger per Lautsprecher vortragen. Ein Pflegebett in der Mitte des Raumes soll die Zeit zwischen Leben und Tod symbolisieren. Greif hat zusammen mit Moroder auch das „Kaleidoskop“ geschaffen. „Kräftige, bunte Farben reflektieren in einem Gitter aus kleinen Spiegeln“, so die Beschreibung der Installation. Diese soll den Betrachter „in eine visuelle Welt der Symmetrie und Farben entführen“.
Die Kunst mit sehenswerten Installationen und Werken zieht jetzt für vier Wochen in die Kaserne ein. Darunter auch der Raum „Oliver“, eine Installation zur Erinnerung an den Künstlerkollegen Oliver Beran, der kurz vor dem Projektbeginn verstarb. Ob irgendwann doch das angedachte Bürgerhaus mit Veranstaltungs- und Seminarräumen, Werkstätten und einem Kulturcafé, diversen Sportstätten und Festspielwiese kommen wird, steht derweil noch sozusagen in den Sternen. „Abends ist alles beleuchtet, drinnen und draußen“, macht Vera Greif noch einmal Werbung für den Ausstellungsbesuch. Sechs Wochen Aufbau und das Verlegen vieler Stromleitungen sollen sich doch lohnen.
Die Ausstellung ist von 10. April bis 10. Mai, jeweils Donnerstag und Freitag von 17 bis 20 Uhr und am Samstag und Sonntag von 15 bis 20 Uhr, geöffnet. Ein Audioguide auf Deutsch und Englisch steht den Besuchern zur Verfügung. Führungen werden am 12., 16. und 26. April um 16 Uhr angeboten. Eine inklusive Führung für Menschen mit Sehbehinderung findet am 16. April um 17 Uhr statt. Anfahrt zur Bundeswehrkaserne über die Otto-Wagner-Straße 81, dann über die Autobahnbrücke. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Ausführliche Informationen gibt es im Internet unter raum3.art

