Germering:Humor in allen Variationen

Unterhaltsame Lesung der Wortfamilie in der Bibliothek

Von Sonja Pawlowa, Germering

Die Lesung der Wortfamilie in der Stadtbibliothek Germering kann auch als multimediales Ereignis bezeichnet werden. Von der Videobotschaft bis zum Whatsapp-Audio, körperliche Ferne ist kein Hindernis mehr.

Dass Christian Springer, dem die Eintrittsgelder der rund 30 zahlenden Zuschauer für seine Orienthelfer gespendet werden, nicht persönlich in Germering seine Dankesrede hält, ist nicht überraschend. Aber dass Anton G. Leitner seinen Auftritt verpasst, ist einem Mega-Stau zwischen Rügen und Berlin zu verdanken. Sein Audio-Kommentar, der am Vorabend der Bundestagswahl die Lage der Nation auf der gesperrten Autobahn vor Berlin beschreibt, gipfelt im Vergleich der Lage mit Caligulas Ernennung eines Pferdes zum Konsul. Der errichtete damals Straßensperren, um die Ruhe und Konzentration seines Pferdekonsuls nicht zu stören.

Politik und Wahl, das bestimmt das Leben von Sophie Schuhmacher bestimmt. Als Dritte Bürgermeisterin Germerings, Vertreterin der Poetry-Slam-Szene und Klima-Aktivistin liegt sie voll im Trend. Bei ihrem Auftritt weist sie mit einem älteren Text auf ein aktuelles Zeitproblem hin. In "Wie es mir geht" beschreibt sie, wie sich Depression und Borderline-Sydrom konkret anfühlen. Dass sie als Betroffene deshalb wenig Hoffnung hegt, als Lehrerin verbeamtet zu werden, prangert sie an und erntet Applaus und Betroffenheit.

Doch auch Humor kann Politik. Den Beweis liefert Mate Tabula mit dem ersten echt witzigen Beitrag zum Tierwohl und Insektensterben überhaupt. Mit seiner Forderung, jedem Tier einen Namen zu geben, läutet er ein neuartiges Denk-Universum ein. Einerseits eine flammende Rede für fleischloses Essen, andererseits ein flammendes Bekenntnis zum Leben und leben lassen vergangener Tage. Mate Tabula lümmelt sich hin, statt, wie die Moderatoren, die energische Siegerhaltung des stehenden Vortrags zu nutzen. "Ich habe eine Schilddrüsenunterfunktion," sagt er. Lässig und unaufgeregt nimmt er beim Thema Fleisch sogar dem vegansten Veganer und dem hitzigsten Grillmeister den Wind aus den Segeln. Wenn im Restaurant das Schwein mit Namen Grunzi, Specki oder Günther unterm Tisch säße und der Bernhardiner im Chihuahua-Speckmantel mit Knödeln auf dem Teller, wäre der Fleischverzicht für manchen verständlicher.

Aber den Blutdruck mittels Hundekot-Identifizierung zu erhöhen, fiele dann auch weg. Dabei ist das unerlässlich für die Diagnose der "Obzessiven Normanomie", die die Hausärztin Grög! alias Georg Eggers stellt. Denn Symptome wie "zwanghafte Anpassung an Gesellschaftskonventionen" bringt die Ärztin auf den knallharten Punkt: "Sie sind ein Spießer," sagt sie. Ansteckende Selbstironie veranlasst das Publikum zu heftigem Applaus und zu Unverständnis beim Künstler, der beteuert, keinen ungeschützten Sex im Reihenhaus in der Bausparphase gehabt zu haben. Georg Eggers schlägt mit leisen Tönen unter die Gürtellinie, mit lautem Lachen stecken es die Zuhörer ein.

Ernsthafte Gedichte, Tiergedichte, jonglierte Schüttelreime, kryptische Stimmungsfetzen und Erinnerungen aus dem eigenen Biedermeier bilden einen Blumenstrauß zeitgenössischer Lyrik ab, den Marie-Sophie Michel auf nur vier Worte reduziert: "Am See/Tröstung/Labung/Blauung".

Svende Bielefeld beleuchtet die gefährliche Fantasy-Welt ihrer kindlichen Heldin Fiona, während Martin Pollok mit seinem Kinderflügel und missglückten Reimen die echte Welt gar nicht lustiger abbilden könnte.

Die offensichtliche Freude, die die Moderatoren Dominik Erhard, Martin Pollok und Benedikt Hakel ausstrahlen, spiegelt die tiefgründige Freude von Gerhard Salz, der die Gruppe Wortfamilie seit 2002 begleitet. Mehr von der Germeringer Wortfamilie gibt es im Oktober in Gräfelfing.

© SZ vom 29.09.2021
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