Ausdauerathletin:"Ich habe ein positives Verhältnis zum Sterben entwickelt"

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Dauerläuferin Anja Kobs (Mitte) aus Alling betreut zusammen mit Tina Lamprecht das Hospiz-Café' in Germering. (Foto: Jana Islinger)

Die Profisportlerin Anja Kobs trifft sich regelmäßig mit Sterbenskranken im Germeringer Hospiz. Das gibt der 47-Jährigen auch Kraft für ihre Wettbewerbe.

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

Anja Kobs ist kurz zuvor noch Rad gefahren und geschwommen, um für einen kommenden Triathlon zu trainieren. Am Nachmittag sitzt die Ausdauerathletin im Speiseraum des Germeringer Hospiz mit den dortigen Bewohnern und deren Angehörigen zusammen. Kobs hat zum "Hospiz-Café" eingeladen. "Das mache ich seit drei Monaten alle zwei Wochen am Mittwochnachmittag", erzählt die Allingerin. Sie ist ausgebildete Hospizbegleiterin und spürbar froh über diese Tätigkeit: "Die Arbeit hier tut mir für den Sport gut."

Anja Kobs hatte sich vor zwei Jahren entschieden, als Ausdauerathletin noch einen Gang höher zuschalten. Sie ist Profisportlerin geworden. Nicht Vollzeit, arbeitet sie doch als Personalleiterin in einem 30-Stunden-Job. Das Lauf- und Triathlontraining hat sie auf 15 Stunden in der Woche ausgebaut. "Mit Presse- und Organisationsarbeit komme ich wohl auf etwa 30 Stunden", so Kobs. Profisportlerin mit damals 45 Jahren - jetzt ist sie 47. Das umfangreichere Training blieb nicht ohne positive Folgen. Sie verbesserte ihre Bestzeiten im Halbmarathon auf 1:22:39 Stunden und im Marathon auf 2:54 Stunden. Viele Siege und Erfolge stellten sich ein. Ihr größter Coup gelang Kobs im vergangenen Jahr bei der Trail-WM in Innsbruck, als sie zur deutschen Nationalmannschaft gehörte, viele jüngere Athletinnen hinter sich ließ und im Fünf-Stunden-Rennen zweitbeste deutsche Bergläuferin wurde. Besonders bergauf ist sie sehr schnell, bergab etwas vorsichtiger.

"Natürlich ist das auch Talent", sagt Anja Kobs, "aber auch hartes Training", das sie diszipliniert absolviert. Dazu habe sie sich die nötige Gelassenheit angeeignet. Die Sportlerin sicher: "Druck spüre ich nicht mehr." Viele Menschen hatten ihren Wechsel mit 45 Jahren ins Profigeschäft skeptisch beäugt. "Mein Alter ist nur eine Zahl", sagt sie dazu. "Diese Zahl ignoriere ich, fühle mich nicht so." Dass ihre Gegnerinnen teilweise ihre Kinder sein könnten, nimmt sie mit Humor. Oft ist sie nach einem anstrengenden Wettkampf schneller wieder fit als die 20-Jährigen. "Ich schlafe sehr viel und regeneriere sehr gut." Muskelkater kenne sie nicht, auch nicht nach einem 50-Kilometer-Lauf, den sie neulich absolvierte.

Vor 14 Jahren hatte Kobs ihr Schlüsselerlebnis, als sie berufsbedingtes Burn-out traf. Sie arbeitete damals als leitende Angestellte einer großen deutschen Versicherung in den USA. "Mir wurde klar, dass ich etwas in meinem Leben ändern musste", erzählt sie rückblickend. Sie kündigte diese Tätigkeit und begann gleichzeitig mit dem Laufsport. Sport war ihr nicht fremd, hatte sie doch viele Jahre Handball gespielt. Wieder zurück in Alling knüpfte sie auch Kontakte zum damaligen ambulanten Hospiz- und Palliativdienst der Caritas in Fürstenfeldbruck. Sie nahm an Benefizveranstaltungen teil oder organisierte selbst welche und sammelte bei ihren zahlreichen Aktivitäten Spenden für die Brucker Einrichtung ein. Vor bald zwei Jahren eröffnete das stationäre Germeringer Hospiz und Anja Kobs wurde quasi zu dessen sportlicher Botschafterin und Unterstützerin. Zehn Plätze mit 1:1-Betreuung hat das Hospiz. Das erstrahlt überall sehr hell und wohltuend. Trotzdem sterben dort die Bewohner nach Tagen, Wochen oder Monaten, aber sie sterben in einer angenehmen Umgebung.

Hospizleiterin Tina Lamprecht (links) und Anja Kobs aus Alling. (Foto: Jana Islinger)

Sterbende Menschen um sie herum - wie hält Kobs das aus? "Ich habe durch meine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin ein positives Verhältnis zum Sterben entwickelt", sagt sie. Das habe ihr geholfen, sich nicht mehr aufzuregen und jeden Tag als Geschenk zu betrachten. Trotzdem bekennt sie: "Immer, wenn ich hier rausgehe, atme ich tief durch und bin sehr froh, dass ich gesund bin."

Tina Lamprecht, die Leiterin des Hospizes, ist sehr erfreut über die Café-Intiative: "Es ist eine tolle Sache, dass Anja das begonnen hat." Mal kämen mehr, mal auch weniger Gäste, alles sei noch ausbaufähig. "Es ist gut nach außen zu zeigen, dass nicht alle hier im Bett liegen", so Lamprecht. 871 Anmeldungen gab es 2023 in Germering, 107 Gäste wurden aufgenommen. Das Café alle zwei Wochen wäre auch etwas für Externe oder Besucher, die Lamprecht gerne einlädt.

Anja Kobs wird ihren Sport unter Profibedingungen am Ende dieses Jahres einstellen. "Ich will selbst bestimmen, wann ich aufhöre und nicht, dass mein Körper das Ende vorgibt." Leistungssport sei nicht immer gesund. Bisher hatte sie keine ernsthaften Verletzungen. Das soll so bleiben. "Ich will noch mit 70 in die Berge", sagt Anja Kobs und dass noch: "Mit 47 bin ich auf der Kürseite des Lebens, was noch kommt, ist Zugabe." Sie wird im nächsten Jahr nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen, aber bei Benefizläufen weiterhin Geld fürs Hospiz sammeln. Auch beim Kinderlebenslauf am 28. Juli in Inning wird sie dabei sein; ebenso demnächst am 5. Mai in München beim großen Charity-Lauf "Wings for Life World Run".

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