Süddeutsche Zeitung

Germering:Gestalten auf grauer Grundlage

Der Abrieb der Gummibälle animiert den Germeringer Squashcenter-Betreiber und Bildhauer Klaus Högner zu einer ungewöhnlich kreativen Putzaktion. Die Betonwände der Courts zieren nun pointillistische Szenen

Die Wände verdunkeln sich. Bei diesem Spiel prallt pausenlos ein Gummiball gegen sie und hinterlässt einen halbkreisförmigen Abrieb. Und mit der Zeit verdichten sich die schmutzigen Spuren zu einer grauen Fläche. 70 bis 80 Quadratmeter pro Court hätte er wieder einmal säubern müssen, sagt Klaus Högner, was wohl eine ebenso mühselige wie im Grunde auch unergiebige Arbeit ist. Schließlich geht der Betrieb ja weiter und würde jeder Putzmann schon mit dem nächsten Ballwechsel um die Früchte seiner Arbeit gebracht. Also hat der Germeringer, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Irene ein Squashcenter betreibt, nach einer Lösung gesucht, der unausweichlichen Verschmutzung entgegen zu wirken: "Ich wollte etwas Leichtes reinbringen", sagt der 59-Jährige und schöpfte seine Idee aus seiner ursprünglichen beruflichen Ausbildung, der Holzbildhauerei, erlernt an der Schnitzschule in Berchtesgaden. Freilich hat Högner, der zudem die Kunstakademie absolviert hat, nun nicht Heilige aus dem Beton gemeißelt, sondern die Figürlichkeit des plastischen Arbeitens im Flächigen wiederbelebt.

Im Stile eines Pointillisten arbeitete er Mensch, Tier und Szenen heraus, indem er schlicht den Gummiabrieb als gestalterisches Element verwendete, mit ihm gewissermaßen malte und um die Figuren herum das Grau entfernte. Im "Squash Pit" begleiten nun in drei Courts die Sportler lebensgroße Bilder, die thematisch zwar nicht zwingend zusammenpassen, aber in der Summe der Motive durchaus eine narrative Verknüpfung ermöglichen: angefangen vom Sündenfall mit Adam, Eva, Schlange und der ironischen Brechung eines Squash-Schlägers über der Unterwasserbegegnung eines Tauchers mit einem Hai und der Idylle eines röhrenden Hirsches vor einem Wäldchen bis hin zum stilisierten Weltraum: "Diese Fantasiereise kann man beim Spiel erleben", fasst Högner das unterhaltsame Ergebnis seiner "spontanen Aktion" zusammen.

Er selbst wird damit aber nicht vollständig zu seinen künstlerischen Wurzeln zurückkehren wollen. Bildhauerei, sagt er, beanspruche viel Zeit und mit der freien Kunst sei es eh schwierig. Das waren auch die Gründe, dass er vor gut 20 Jahren einen ganz anderen Weg einschlug und eben zum Sporthallenbetreiber wurde. Damals war Squash noch ein trendiger Freizeitsport, der aber inzwischen an Zugkraft verloren hat. Einige Hallen hätten zugemacht, es fehle schlicht der Nachwuchs, bedauert Högner. Und: "Es mangelt an Öffentlichkeit." Der Germeringer Familienbetrieb scheint den Niedergang aber überstanden zu haben. Sein Center habe sich auf niedrigem Stand etablieren können, skizziert er die Situation im sicherlich harten Wettbewerb der sportlichen Freizeitangebote, von denen es heute ja so unendlich viele gibt.

Wer aber den rasanten wie dadurch extrem schweißtreibenden Sport Squash liebt, der kann in Germering gewissermaßen noch einen ästhetischen Genuss kostenlos mitnehmen. Allerdings ist dieses Vergnügen nur ein vorübergehendes. Denn die Freude an dieser Form der angewandten Kunst trübt der Umstand, dass diese mit jedem Ballwechsel unweigerlich der Zerstörung ausgesetzt wird. Und sich Adam, Eva und der Hirsch in ihren Konturen auflösen und Gummispur um Gummispur am Ende wieder in einer grauen Fläche verschwinden werden. In ein bis zwei Jahren sei die Wand wieder vollständig grau, sagt Högner. Mal sehen, was dem Künstler dann einfällt.

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SZ vom 11.09.2019
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