Andrea Schaal, die Vorsitzende des Fördervereins Stadtmuseum, bemüht sich seit gut einem Jahr darum, dass die Geschichte Germerings mehr ist als die von der Steinzeit der Jäger und Sammler bis zum frühen Mittelalter. Diese Epoche ist mit vielen Funden im Museum und in mehreren Schaukästen draußen im Stadtgebiet sehr gut dokumentiert. Schaal möchte auch die jüngere Vergangenheit der Stadt, die aus zwei Dörfern entstanden ist, gerne in den Blickpunkt der Öffentlichkeit bringen. Vieles davon ist nahezu unbekannt, weil nicht erforscht. Vor allem ist es die Zeit von 1933 bis 1945 und der Nachkriegsjahre. Wer weiß etwa schon, dass es 1943 in der NS-Herrschaft bereits eine Zwangsvereinigung der Verwaltung von Germering und Unterpfaffenhofen gegeben hatte?

Schaal zeigt sich ziemlich überrascht, dass Sophie Schuhmacher, die Grünen-Kandidatin für das Germeringer Oberbürgermeisteramt, gerade jetzt dafür plädiert, Gedenkorte einzurichten, die an NS-Vergangenheit und -Verbrechen erinnern. Zusammen mit dem Linken-Politiker Ulrich Seibert, der als Stadtrat nachgerückt ist und sich jetzt als parteilos bezeichnet, hat Schuhmacher einen Antrag im Stadtrat erfolgreich durchgesetzt, die NS-Vergangenheit Germerings sichtbarer werden zu lassen. Einen Kontakt oder Absprache mit Andrea Schaal hat es nicht gegeben. „Das hat wohl mit dem bevorstehenden Wahlkampf zu tun“, mutmaßt Schaal, die für die SPD im Stadtrat sitzt. In der Sache will sie Schumacher aber gar nicht widersprechen.
Vor allem Archäologie
Hat doch sie selbst als Vorsitzende des Fördervereins Stadtmuseum schon seit ihrer Wahl im April 2024 die neuere Geschichte Germerings im Visier. Bisher beherbergt das Museum „Zeit und Raum“ vor allem Archäologie. Auch draußen auf dem „Roten Rundweg“ können 13 Stationen vom „Römischen Ziegelbrennofen“ bis zu den „Reihengräbern des frühen Mittalalters“ abgelaufen werden. Zu verdanken ist das auch der vorbildlichen jahrelangen emsigen Ausgrabungstätigkeit des Stadtarchivars Marcus Guckenbiehl. Die Leerstellen der vergangenen hundert Jahre der einst selbständigen Dörfer Germering und Unterpfaffenhofen will Schaal nun mit und im Museum füllen. Auch gerne mit dem Beschluss des Stadtrates auf Antrag von Schuhmacher und Seibert. Schaal ist jedoch der Meinung, dass sich die Forschungsarbeit nicht nur aufs Gedenken reduzieren sollte, sondern die NS-Zeit komplexer zu bearbeiten sei.

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Der Stadtrat hat nun beschlossen, einen Historiker mit einem Projekt zu beauftragen, das den Opfern der NS-Zwangsherrschaft ihr Gesicht und ihre Würde zurückgeben soll. Und es sollen die Zusammenhänge vor, während und unmittelbar nach dem Krieg erforscht, historisch eingeordnet und dargestellt werden. Schaal nennt die zu erforschenden Orte der NS-Diktatur, die sie als gelernte Geschichtslehrerin auch nach eigener Recherche eruiert hat. Es sind die ehemalige Lagerstraße (heute Dornierstraße/Obere Bahnhofstraße), die früher eine unterbunkerte Barackensiedlung gewesen war, die von KZ-Häftlingen aus Dachau erbaut und belegt wurde. Auch die Gegend des alten Dorfkerns Germerings mit dem ehemaligen „Mayerwirt“/heute Hotel Mayer müsse Gegenstand der Forschung werden. Interessant sei auch, wie es zur Umbenennung der Dorfstraße, der Germeringer Hauptstraße, zur Adolf-Hitler-Straße gekommen sei und welche prägenden Straßennamen es in der NS-Zeit in Germering und Unterpfaffenhofen gegeben habe.

Auf den heute landwirtschaftlich genutzten Flächen Richtung Puchheim-Ort befanden sich im Zweiten Weltkrieg drei Flugabwehrkanonen (Flak) mit Barackensiedlungen. Die wurden von 1943 bis 1945 auch von Gymnasiasten des Münchner Theresien-Gymnasiums bedient. Der ausgegrabene eiserne Unterbau einer Flakstellung ist im Museum zu besichtigen. Zudem verbirgt sich hinter dem heutigen kulturellen Zentrum Germerings mit Stadthalle und Bibliothek die Geschichte der Zwangsarbeiter der damals dort angesiedelten Baufirma Stöhr. Dann ist da die SS-Angestelltensiedlung der Tarnfirma Wifo (Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft) zur Erforschung und Produktion von Erdöl- und Erdgasderivaten im Kreuzlinger Forst zusammen mit der Kaserne am Ende der Otto-Wagner-Straße.

Der seit 2012 für Germerings kommunales Archiv hauptverantwortliche Marcus Guckenbiehl übernimmt die Leitung eines Gremiums, das sich erst einmal mit der Beschriftung von Erinnerungs- und Informationsorten in Germering beschäftigt. In die vielköpfige Arbeitsgruppe entsenden laut Stadtratsbeschluss die Stadtratsfraktionen, der Förderverein Stadtmuseum, also Andrea Schaal, der Förderverein für Heimatpflege und das Kulturamt ihre Vertreter. Das Geld dafür ist im Haushalt eingestellt. Los geht es sicherlich erst, wenn der neue Stadtrat am 8. März kommenden Jahres gewählt ist. „Es soll auch deutlich werden“, so Schaal, „dass das Museumskonzept nicht deckungsgleich mit der archäologischen Dauerausstellung ist“.

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Der Förderverein will zukünftig auch die Orts- und Stadtgeschichte auf einer interaktiven Medienstation im Museum, also auf einem Bildschirm, präsentieren. Die Vorarbeiten dafür sind bald abgeschlossen. Außerdem führt der Verein weiterhin ehrenamtlich durch die archäologische Dauerausstellung, gestaltet Aktionstage und Vortrags- sowie kleine Ausstellungsprojekte. „Das Museum soll noch mehr Bildungs- und Kommunikationsraum werden“, so der Anspruch von Andrea Schaal. So wird es zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar eine Veranstaltung mit einer Historikerin und dem Zeitzeugen Erich Kasberger geben. „Germering ist ein Ort voller Geschichten“, bekräftigt die Vorsitzende des Fördervereins noch einmal. Eine davon ist die Erzählung, dass nach 1945 angeblich die Schwester von Adolf Hitler in Germering gewohnt habe und häufig beim „Mayerwirt“ gesehen worden sei.

