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Germering:Eine haarige Situation

Hundefriseurin Karoline Lidke

Auch den eigenen Zwergschnauzern schneidet die Germeringer Hundefriseurin Karolina Lidke natürlich die Haare.

(Foto: Leonhard Simon)

Auch die Germeringer Hundefriseurin Karolina Lidke kann nach einem mehrmonatigen Lockdown seit Kurzem wieder arbeiten

Von Christian Hufnagel, Germering

Während dem Menschen im Lockdown die Haare buchstäblich über den Kopf gewachsen sind und er sich den kommenden Montag herbeisehnt, wenn Friseure wieder ihn in Form bringen dürfen, hat sein vermeintlich bester Freund bereits einen zeitlichen Vorsprung herausholen können. Hunde dürfen schon seit zwei Wochen wieder Fachkräfte wie Karolina Lidke aufsuchen, um sich baden, föhnen, zupfen und schneiden zu lassen. Eine Änderung der Infektionsschutzverordnung ermöglicht es der Germeringerin nun wieder, ihren Beruf nachzugehen, wenngleich mit Einschränkungen - nämlich vor allem der "entsprechenden Anwendung der Click-and-Collect-Regeln". Bedeutet: Das Tier muss ohne viele Kontakt abgegeben und abgeholt werden.

Ein noch weitaus haarigere Sache waren allerdings die Wochen seit Mitte Dezember, als strengere Corona-Maßnahmen zur Schließung der Hundesalons, etwa 20 gibt es von ihnen im Landkreis, und damit fast auch zu einem Arbeitsverbot für Hundefriseure wie Lidke führten. Wer eine Behandlung für sein Tier wollte, musste sich nämlich ein tierärztliches Attest besorgen. Die Folge: "Sind es in normalen Zeiten bis zu zehn Hunde am Tag, war es höchstens nur noch einer", klagt die 37-Jährige. Die Tierbesitzer hätten damit doppelte Ausgaben gehabt, was diese natürlich abgeschreckt hätte. Und auf der anderen Seite wären Arzte auch vorsichtig mit Attesten gewesen: "Sie wollten nicht für etwas haftbar gemacht werden", sagt die Germeringerin. Die Zahl der Kunden ging also dramatisch stark zurück.

Wenn sie nicht " so gute Rücklagen" gehabt hätte, wäre es im zweiten Lockdown existenziell bedrohlich geworden. Und auch das "zweites Standbein" half der Tiermedizinstudentin über die vergangenen Monate wie über das ganze Corona-Jahr hinweg. Sie ist Werkstudentin in der Germeringer Tierklinik. Staatliche Hilfe würde sie nicht bekommen, als Studentin falle sie durch alle Raster. Deshalb bezeichnet die gebürtige Kölnerin die Situation für sich und viele Gewerbetreibende als "vollkommen unerträglich". Perspektivlosigkeit, ständiger Wechsel der Maßnahmen und Unlogik in Bezug auf Hundesalons im Besonderen lauten ihre Vorwürfe an die Politik in der Bekämpfung der Pandemie.

Zu letztgenanntem Punkt gehört eben für sie die zwischenzeitliche Attestpflicht. Wenngleich damit aber anklingt, dass ihre Arbeit bei weitem keine rein kosmetische ist und sie nur Vierbeiner aufhübscht: "Es ist auch Gesundheitsvorsorge", sagt Lidke und veranschaulicht dieses Präventionsarbeit mit Beispielen. Terrier oder Schnauzer etwa müssen getrimmt werden, Haare werden ihnen aus dem Fell ausgezupft. Grund: Das abgestorbene Deckhaar wird entfernt, um Hautreizungen und Ekzeme zu vermeiden. Schäferhunde und Golden Retriever befreit die Friseurin von ihrer dicken Unterwolle, damit sie es im Sommer angenehmer haben. Und Maltesern und Shih Tzus müssen allein aus Gründen des Durchblicks regelmäßig die Haare über den Augen gestutzt werden. Selbst das Baden hat einen Gesundheitsaspekt: Hunde bewegten sich auf Höhe der Abgase. Am Fell blieben Toxine haften, die das Tier über die Haut aufnähme, so Lidke.

Mehr als der Menschenfriseur scheint die Kollegin für den Hund medizinische Aspekte zu erfüllen. Gleichwohl ist es nicht einmal Lehrberuf. Die Germeringerin hat erste Praxis gewissermaßen an ihrem eigenen Hund gesammelt, neben einem abgeschlossenen Jurastudium dann diese Beschäftigung seit 2008 zum Job gemacht und seither natürlich Fortbildungen und Seminare besucht. Und auch ihr zweites Studium finanziert sie sich mit durch diese Arbeit, mit der sie mit der jüngsten Lockerung wieder gut ausgelastet ist: "Es rufen täglich viele Leute an."

Dass die Menschen ihren Hund nach Click-and-Collect-Manier bei ihr abgeben und abholen müssen, ist im Übrigen keine Schikane für sie. Im Gegenteil. Das sei sonst auch üblich, sagt Lidke. Denn: "Der Besitzer mache das Tier eh nur bekloppt und die Prozedur würde sonst doppelt so lange dauern."

© SZ vom 27.02.2021
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