SZ-Serie "Vom Malz zur Mass" (Folge 5) Die große Vielfalt

900 Biere von 120 Brauereien aus aller Welt gibt es in der Germeringer Landbierzentrale. Simon Liebick nutzt gerne ein altes Lastenfahrrad, um neue Kästen in das Geschäft an der Sankt-Cäcilia-Straße zu bringen.

(Foto: Günther Reger)

Die Landbierzentrale in Germering verkauft 900 Biersorten von kleinen Brauereien in Deutschland, Europa, den USA und China. Wichtig ist, dass das Getränk traditionell hergestellt wurde, aber manches widerspricht dem Reinheitsgebot

Von Isolde Ruhdorfer, Germering

"Weißbier-Paradies" steht auf einem Schild. "Internationale Bierkreationen" auf einem anderen. Dazwischen: Flaschen. Flaschen mit bunten Etiketten, Flaschen in Regalen und in Kästen, die fast bis zur Decke gestapelt sind. Über 900 Land- und Craft-Biere sind in dem riesigen, scheunenartigen Raum nach einem System geordnet, das nur die Liebick-Familie versteht. Ihre Landbierzentrale ist ein Getränkehandel, der auf traditionell hergestelltes Bier spezialisiert ist.

Simon Liebick, 27 Jahre, arbeitet schon in vierter Generation in dem Germeringer Familienbetrieb. Er ist ein Allrounder, verwaltet die Bestellungen, hilft beim Be- und Entladen, doch hauptsächlich ist er im Verkauf tätig. Die Landbierzentrale kauft das Bier kleiner Brauereien. Es gibt wöchentliche Beschaffungstouren, das heißt, vier Mal im Monat werden die süddeutschen Brauereien angefahren. Dieses Bier wird dann an den Groß- und Einzelhandel geliefert. Aber auch Privatkunden können sich in dem Geschäft in der Sankt-Cäcilia-Straße beraten lassen. Aus 120 Brauereien stammt das Sortiment der Landbierzentrale - aus Deutschland, Europa, den USA und sogar aus China. Die meisten kommen aber aus Bayern. "Der Verbraucher mag bayerisches Bier lieber", sagt Liebick.

Der gelernte Schreiner hat sich, seit er vor sechs Jahren ins Geschäft einstieg, zu einem echten Kenner entwickelt. Wenn er über Bier spricht, dann bekommt er glänzende Augen und erzählt von Kaffeearoma, verfeinert mit Vanilleschote. "Das ist der Hammer", schwärmt er. Auch Wörter wie Lakritze, Schokolade oder Dörrobst benutzt er, um den Geschmack von Bieren zu beschreiben. Dabei handelt es sich streng genommen dabei gar nicht um Biere, sondern um Brauereierzeugnisse. Sein Wissen habe er sich über die Jahre angeeignet, außerdem tausche er sich oft mit Biersommeliers aus. Simon Liebick ist zwischen Flaschen und Getränkekisten aufgewachsen. Schon als Kindergartenkind habe er Fässer gerollt und Leergut aufgeräumt, erzählt seine Mutter. Trotzdem wollte er ursprünglich nicht in den Familienbetrieb einsteigen. Doch nach seiner Ausbildung zum Schreiner wurde er in der Landbierzentrale, die damals noch Bier-Point hieß, gebraucht. Heute, sechs Jahre später, denkt er nicht mehr daran, etwas anderes zu machen. Er hat noch viel vor mit dem Getränkehandel, den sein Urgroßvater vor 88 Jahren gründete.

1930 begann Wilhelm Liebick aus Germering, Kunden mit Getränken und Hopfen zu versorgen. Sein Lagerort war eine Garage, sein Transportmittel eine Schubkarre. Sein Sohn Walter beschränkte sich auf den Vertrieb von Getränken. Die Schubkarre wurde durch modernere Fahrzeuge ersetzt. Eines davon ist ein knallroter Ford Transit, Baujahr 1967. Er wird "Feuerwehr-Ford" genannt und kommt bei Engpässen immer noch zum Einsatz.

Walter Liebick Junior, ein gelernter Brauer, führt das Geschäft seit 1989. Er gründete den Bier-Point, um kleine und mittlere Brauereien zu unterstützen. Bei den großen Münchner Brauereien könnten sie gar nicht mehr einkaufen. Das gehe nur noch ab einer bestimmten Literzahl, die so groß ist, dass kleine und mittelständische Unternehmen nicht mehr mithalten können. Auf den "Hektoliterabsatzwahn" schimpft Walter Liebick auf der Website. Schließlich habe seine Firma in den Sechzigern und Siebzigern die Münchner Brauereien als Direktkunde aufgebaut und gefördert. Doch nun seien die Germeringer als Kunden nicht mehr attraktiv.

In einem Regal am Eingang präsentieren Liebicks ihre Neuheiten. Da ist auf dem Etikett auch schon mal ein Chamäleon abgebildet.

(Foto: Günther Reger)

Nicht nur der "Hektoliterabsatzwahn" ist ein Grund, weshalb sich die Familie Liebick auf Land- und Craft-Biere spezialisiert hat. Auch geschmacklich unterscheiden sich die Biere, je nach Größe der Produktionsstätte. "Eine große Brauerei gibt dem Bier keine Zeit", erklärt Simon Liebick. In zwei bis drei Wochen müsse es fertig sein. Oft werde ein Muttersud zu sechs verschiedenen Bieren weiterverarbeitet. Statt richtigem Hopfen werde Hopfenextrakt verwendet. Das ist zwar dem Reinheitsgebot nach erlaubt, aber Liebick sagt: "Du schmeckst das." Extrem süß sei das Bier, außerdem habe es einen unangenehmen Nachgeschmack. Kleine Brauereien dagegen geben dem Bier bis zu sechs Wochen Zeit, um zu lagern. Zeit, um einen einzigartigen Geschmack zu entwickeln.

Zwischendurch muss Simon Liebick an die Kasse. Der persönliche Kontakt zu den Menschen und die Beratung der Kunden sind hier wichtig. "Bei der großen Auswahl können sich die Leute oft nicht entscheiden", sagt er. Deshalb hat er den einen oder anderen Geheimtipp parat. "Es ist selten eines dabei, das den Leuten nicht schmeckt."

Gerne lässt er die Kunden probieren. Schwungvoll schenkt er ein alkoholfreies Helles ein. "Erst daran riechen", sagt er. "Dann merkt man, wie fruchtig es ist. Das kommt durch den Aromahopfen." Dann erklärt er, dass das Bier aus einer Hamburger Brauerei stammt, gegründet vom Weltmeister der Sommeliers für Bier. Etwas über die Entstehung des Biers und vor allem über die Brauerei selbst zu erzählen, gehört für ihn zur Beratung dazu. Viele der 120 Brauereien im Sortiment kennt die Familie Liebick persönlich. "Die Leute stehen selbst am Telefon oder hinter dem Sudkessel", erklärt er. "Das gibt es bei einer großen Brauerei nicht."

Reinheitsgebot

Das Reinheitsgebot wird als das älteste, noch gültige Verbraucherschutzgesetz gehandelt. In einer am 23. April 1516 in Ingolstadt verkündeten Verordnung wurde festgelegt, dass "zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen". Als die genaue Wirkung der Hefe erkannt wurde, wurde sie als Zutat ausdrücklich hinzugefügt.

Heute ist diese Regelung im "Vorläufigen Biergesetz" festgehalten. Dort steht: "Farbebier muss aus Gerstenmalz, Hopfen, untergäriger Hefe und Wasser hergestellt werden, es muss vergoren sein." Damals wollte man unter anderem die Menschen vor schädlichen Stoffen schützen. Es wurden nämlich nicht nur harmlose Kräuter, sondern auch giftige Pflanzen, wie zum Beispiel Tollkirsche oder Stechapfel hinzugefügt. Der Ethnopharmakologe Christian Rätsch betrachtet das Reinheitsgebot als ein frühes Drogengesetz. Denn Zusätze wie Bilsenkraut oder Schlafmohn haben psychoaktive Effekte. Von manchen, wie dem Sumpfport, ist eine aufputschende Wirkung bekannt. Hopfen hingegen wirkt beruhigend.

Der Soziologin Eva Barlösius zufolge sollte das Reinheitsgebot vor allem den heimischen Brauereien Vorteile verschaffen. Denn im Norden Deutschlands wurden dem Bier Kräuter beigegeben, die es in Bayern nicht gab. Heute wird über das Reinheitsgebot die Zugabe von Aromen, Farbstoffen, Stabilisatoren, Enzymen, Emulgatoren und Konservierungsstoffen verhindert.

Knapp 250 Hopfensorten, 200 Hefestämme und rund 40 Malzsorten lassen mehr als eine Million Wege zu, ein Bier zu brauen. Auch das eingesetzte Wasser kann den Geschmack des Bieres verändern. isru/ihr

Dass sie selbst wissen, wie es hergestellt wurde, macht es den Liebicks einfacher, die Qualität des Biers zu garantieren. Simon Liebick achtet darauf, dass es "vernünftig" hergestellt wurde. Das Reinheitsgebot allein sei nicht zwingend eine Garantie für Qualität. Überhaupt, diese Sache mit dem Reinheitsgebot. Er seufzt. "Man ist schon stolz darauf", sagt er. "Aber man sollte mehr zulassen." Beispielsweise gebe es hervorragende belgische Fruchtbiere, sogenannte "Lambics". Dabei werden Früchte in den Brauprozess integriert. Außerhalb Bayerns ist der Deutsche Brauerbund ohnehin nicht so streng wie im Freistaat. In allen anderen Bundesländern gibt es eine Ausnahmeregelung für "besondere Biere", die es erlaubt, spezielle Zutaten wie Anis oder Zimt zu verwenden. Außerdem dürfen in Deutschland ausländische, nicht nach dem Reinheitsgebot gebraute Biere, verkauft werden. Dass ein Bier aus dem Ausland komme, sei keinesfalls gleichbedeutend mit minderer Qualität, sagt Simon Liebick. Er wünscht sich mehr Variationen, mehr Experimentierfreude mit Bier. Egal, ob es mit Himbeeren, Koriander oder Salz verfeinert wird: "So was finde ich interessant." Schließlich lebt die Landbierzentrale von Vielfalt. Von Bier, das nach Obst, Vanille oder Kaffee schmeckt. 900 Sorten sind noch nicht genug.

Vom Malz zur Mass

Hier gibt's alle Folgen der SZ-Serie "Vom Malz zur Mass"

  • Vom Kultgetränk zum Craft-Bier - Seit 1556 gibt es Brauereien im Landkreis. Immer mehr Menschen stellen selbst Bier her
  • Brauen wie in der Steinzeit - Eine Arbeitsgruppe des Historischen Vereins probiert sich am Bierherstellen
  • Die vier Diven - Hefe, Malz, Hopfen und Wasser - die vier brauchen viel Pflege, damit sie im Brauprozess ihr volles Potenzial entfalten können
  • Angesehen und einflussreich - vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein waren die Brauereien in Fürstenfeldbruck und im Landkreis einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren. Der Aufstieg der Münchner Konkurrenz im 19. Jahrhundert durch neue Technologien bedeutete für die meisten das Aus
  • "Der klassische Biertrinker ist eher konservativ" - Oliver Lentz und Thomas Lillpopp, Geschäftsführer und Marketingleiter der König Ludwig Schlossbrauerei Kaltenberg, über Craft Bier als neue Konkurrenz und den eigenen Fanclub
  • Die große Vielfalt - die Landbierzentrale in Germering verkauft 900 Biersorten von kleinen Brauereien in Deutschland, Europa, den USA und China
  • Der Radius um den Schornstein wird größer - die Brauerei Maisach kann auf eine Jahrhunderte alte Firmengeschichte zurückblicken. Doch erst seit zwei Jahren wird die Marke auch über den Landkreis hinaus bekanntgemacht
  • Der neue Bräu im alten Gut - noch wird das Bier der Olchinger Braumanufaktur in Nesselwang hergestellt, doch bald soll im früheren Pferdestall des Graßlfinger Anwesens gebraut werden
  • Aus dem Keller auf den Tisch - die Biere, die Andreas Hartl braut, sind nur im Gasthof "Unterwirt" in Türkenfeld zu haben
  • Weihnachtsüberraschung - Markus Geier, eigentlich IT-Experte, hat nach einem Geschenk für seine Kunden gesucht. Daraus ist eine eigene Biermarke entstanden: Hop Code heißt das neue Helle