Süddeutsche Zeitung

Germering:Die Flaneure bleiben aus

Der Germeringer Wirtschaftsverband testet verlängerte Öffnungszeiten für den Samstag. Aber die Resonanz auf die einmalige Aktion in insgesamt 23 Geschäften fällt doch eher enttäuschend aus

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

Ziel ist es, dass die Kunden am Samstagnachmittag zum Einkaufen in die Germeringer Einzelhandelsgeschäfte strömen. Doch gegen 17 Uhr ist kaum noch ein Passant auf der Unteren Bahnhofstraße auszumachen. Der örtliche Wirtschaftsverband versucht immer wieder den Einzelhandel - besonders in der Ortsmitte - noch mehr in Schwung zu bringen. Diesmal gibt es einen langen Samstag. Nein, keine Einkaufsnacht, sondern lediglich eine Verlängerung der Ladenöffnungszeiten bis 18 Uhr, doch die Resonanz ist sehr überschaubar gewesen.

"Zeit für bummeln, entdecken, flanieren, stöbern in Germering" steht auf dem Handzettel, den der Wirtschaftsverband verteilt hat. Bummeln und flanieren in Germering? Wo geht das überhaupt in der Unteren Bahnhofstraße oder in der Otto-Wagner-Straße? Der Flanierfaktor ohne eine Fußgängerzone ist doch sehr begrenzt, das ist allseits bekannt. Darunter leiden natürlich auch die Geschäfte. Immerhin beteiligen sich jenseits des Lebensmitteleinzelhandels 23 Geschäfte, darunter auch der Techno-Markt und Möbel Grollmus im Stadtteil Neugermering, am längeren Samstag. "Wir leben hauptsächlich von unseren Stammkunden", sagen Marion Kohlmaier und Peggy Alter, Mitarbeiterinnen im Modehaus M&N am Bahnhofsplatz/Ecke Untere Bahnhofstraße, übereinstimmend. Gegen 17 Uhr ist keine Kundin mehr im Laden anzutreffen. "M&N Moden" offeriert nur Damenmode von namhaften Herstellern. "Bis 16 Uhr hat es sich eher gelohnt", meint Kohlmaier rückblickend. Das schöne Wetter sei sicherlich ein "Killer fürs Einkaufen", so die Mitarbeiterinnen. Sie beklagen auch andere aktuelle Rahmenbedingungen draußen, die sich negativ auswirken. Wird doch schräg gegenüber das Edeka-Einkaufszentrum mit der ehemaligen Post am Kreisel gerade abgerissen, so dass die Passantenfrequenz stark abgenommen hat, vom Flanieren ganz zu schweigen.

Weiter die Untere Bahnhofstraße hoch. In der Buchhandlung "Lesezeichen" sind um 17.30 Uhr noch zwei, drei Kunden anzutreffen. "Die Besucher haben es genossen, mehr Zeit zum Stöbern zu haben", kommentiert Mitinhaberin Helen Hoff positiv. Ein längerer Samstag ist für die Buchhandlung nicht ganz neu. Vor der Coronakrise hat das Geschäft bereits bis 16 Uhr geöffnet gehabt. Auch beim Juwelier Luboss kommen Brautpaare samstags immer bis 16 Uhr ins Trauringstudio, um sich die passenden Hochzeitsringe auszusuchen. "Noch länger offen zu haben, hat sich nicht gelohnt", sagen die Mitarbeiter, dafür sei es viel zu ruhig gewesen.

Mehr vom längeren Samstag hat sich auch Verena Thumann erhofft. Sie hat in ihrem Schuhgeschäft ein buntes Glücksrad aufgebaut. "Das hat leider auch nicht gezogen", sagt sie. In diesem Jahr ist "Schuh & Leder Thumann" seit 50 Jahren in Germering. "Es ist heute durchwachsen gewesen", sagt Thumann, "aber auch zu wenig los." Für Winterschuhe sei es auch zu warm gewesen. Dabei wäre es jetzt an der Zeit, Umsatz zu machen. Während der Corona-Krise hat das Geschäft - wie alle anderen auch - mindestens drei Monate geschlossen gehabt. "Das holt man nicht mehr auf", sagt Thumann. Sie setzt fortan weiterhin auf ihre Stammkunden. "Die Germeringer sind treue Seelen", zeigt sie sich überzeugt, dass diese sie nicht im Stich lassen.

Nebenan hatte sich Michael Huber, der Geschäftsführer des Radl-Marktes, von vornherein vom längeren Samstag nicht viel ausgerechnet. Vier Mitarbeiter stehen um halb sechs für mögliche Kunden bereit, die jedoch nicht kommen. "Die Saison ist für uns sowieso gelaufen", sagt Huber, "wir machen unser Geschäft im Frühjahr." Da habe der Radl-Markt, der 2021 sein 25-jähriges Bestehen in Germering feiert, von März bis Mai samstags immer bis 16 Uhr auf. Ab Juni würden die Leute zum Baden gehen. An diesem Samstagnachmittag sei nichts los gewesen, da hätte auch die Öffnung bis 14 Uhr gereicht. Draußen ist dann auch niemand mehr auf der Straße anzutreffen. Flaniert wurde heute offenbar woanders, jedenfalls nicht in Germering.

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SZ vom 27.09.2021
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