Süddeutsche Zeitung

Germering:Buchhändlerin für einen Tag

Die Münchner Verlegerin Julia Eisele hospitiert in Germering

Julia Eisele räumt ihr ganz eigenes Bücherregal in der Buchhandlung ein: Alle aktuellen Romane, die diesen Herbst in ihrem Verlag Eisele erschienen, sind jeweils in vielfacher Ausführung darin aufgereiht - auf Augenhöhe der Kunden. Aufwendig gestaltete Hardcover glänzen durch die Folie hindurch. Das Regal strotzt nur so vor weiblicher Schaffenskunst. Die Kunst der Autorinnen - man liest Namen wie Margery Sharp, Martina Bergmann und Anita Brookner - und die Kunst der Verlagsgründerin: Jedes Buchcover ist umrahmt von dem Eisele-Schriftzug. Ganz schön viel Aufmerksamkeit - für eine Praktikantin. Die Münchner Verlegerin Julia Eisele hospitierte einen Tag lang in der Germeringer Buchhandlung Lesezeichen. Für einen Nachmittag schlüpfte sie im Rahmen der "Woche des unabhängigen Buchhandels" in die Rolle der Buchhändlerin.

Diese Woche soll auf die Wichtigkeit der Buchhandlungen aufmerksam machen, in denen es noch wertvolle Beratung gibt. Eisele hilft zum ersten Mal in einer Buchhandlung aus. Stolz steht sie vor "ihrem" Bücherregal und wartet darauf, lesehungrigen Kunden Empfehlungen geben zu können.

Ihre Chefin für einen Tag ist Helen Hoff, die Inhaberin der Buchhandlung Lesezeichen. Sie ist seit 32 Jahren im Geschäft und liest etwa 350 Bücher im Jahr, um ihre Kunden beraten zu können. Das Schönste an der Arbeit als Buchhändlerin sei "das Erspüren, was ein Kunde lesen möchte". So sehr unterscheidet sich die Arbeit der Verlegerin also nicht von der in der Buchhandlung: Auch sie muss ihre Bücher anpreisen und verkaufen: an Vertreter und Zentraleinkäufer, die ihre Werke dann in die Buchhandlungen bringen. Und so ist der Erfolg eines Buches nicht selten abhängig vom Geschmack einer einzelnen Person.

Bevor sie 2016 ihren eigenen Verlag gründete, hat Eisele lange in großen Verlagen wie Piper und Random House gearbeitet. "Das war oft frustrierend, weil sich das gesamte Verlagsmarketing auf ein paar wenige Bestseller konzentriert hat. Viele Bücher gingen dabei unter." In ihrem eigenen Verlag veröffentlicht sie deshalb nur acht Bücher pro Jahr: vier im Frühjahr und vier im Herbst. Für jedes einzelne Buch nimmt sie sich viel Zeit, es wird mehr Energie in die Covergestaltung und in die Vermarktung gesteckt. Man müsse ein bisschen findiger sein, um die richtige Auswahl zu treffen, sagt Eisele. Statt Massenabfertigung setzt sie auf Sorgfalt: "Alles wird etwas liebevoller bearbeitet."

Auch zweite Chancen gibt es im kleinen Verlag: Aktueller Bestseller bei Eisele ist das Buch "Ich bin Circe" von Madeline Miller, eine fiktive Autobiografie einer modernen Göttin. Das vorige Buch der englischen Autorin wurde in Deutschland kein Erfolg. Es musste sich in den großen Verlagen in der hintersten Reihe anstellen. Ihr zweiter Roman steht nun dank Eiseles Sonderbehandlung ganz vorne im Bücherregal im Lesezeichen.

Die Verlegerin legt den Schwerpunkt auf Belletristik, versucht jedoch, sehr vielseitige Literatur anzubieten. Wichtig sei vor allem, dass ein Buch ihr selbst gefällt, sonst könne sie es nicht verkaufen. Vielleicht ist das der große Unterschied zu dem Job einer Buchhändlerin. Doch die Praktikantin meistert ihre Aufgabe gut - sie empfiehlt nicht nur ihre eigenen Veröffentlichungen. Dass die ersten 20 bis 30 Seiten ausreichen, um einschätzen zu können, wie ein Buch ist, darüber sind sich Eisele und Hoff einig. "Im Idealfall ist es aber so spannend, dass man es bis zum Ende liest", sagt Helen Hoff. Bei 350 Büchern im Jahr gar nicht so einfach. Überlässt man das den Expertinnen, genügt auch die kleine, aber besondere Auswahl des Eisele-Verlags: vier Bücher im Frühjahr und vier im Herbst.

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Quelle:
SZ vom 09.11.2019
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