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Germering:Bob liebt Amy

Bob (Julian Brodaz), Amy (Lisa Bales) und Chris (Josua Ovari) sind die Figuren für ein schwungvolles Bühnenstück im Roßstall-Theater.

(Foto: Günther Reger)

Roßstall-Theater bereitet mit "Frühschicht bei Tiffany" viel Vergnügen

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

Regisseurin Cecilia Gagliardi hat feuchte Augen, als sie sich beim Schlussapplaus auf der Bühne mit ihren Schauspielern verbeugt. Die Erleichterung ist ihr anzumerken. "Endlich, endlich", geht ihr sicherlich gerade durch den Kopf. "haben wir die Premiere von 'Frühschicht bei Tiffany' mit sieben Monaten Corona-Verzug hinter uns gebracht". Die Dreieckskomödie im Germeringer Roßstall-Theater, nicht nur ein Balkon-Balance-Akt der Akteure, geriet auch sonst zum Balance-Akt. Schon wenn man den Saal betritt, ahnt man, welchen Herausforderungen sich das Ensemble an diesem Abend stellen muss. Die kleinen Tische in übergroßen Abständen verteilt im Saal, über jedem Stuhl hängt eine Wärmedecke, und die von gut hundert auf 50 gekürzte Besucherschar sitzt da mit Masken im Gesicht, weil es am gleichen Tag die neue bayerische Hygieneverordnung so wollte. Einer hat eine Bedeckung aufgezogen, die an eine Gasmaske heranreicht.

Verunsichert und hilflos versucht diese oder jener, Bierchen, Prosecco oder Softdrink zu schlürfen, ohne die Maske abzusetzen. Im Roßstall werden Speisen und Getränke serviert, warum dann eine Maske am Platz? Diese neue Masken-auch-am-Platz-Verfügung killt die Stimmung zusätzlich und tritt auf die ohnehin am Boden liegende Kultur. Und so hört man es unter einer Maske murmeln: "Absurd, absurder, Söder" - und brummelnd die Erwiderung: "Uns rettet sowieso nur noch der Humor." Und, vielleicht, so ein kleines süßes Pralinchen, wie es Kerry Renard, die kanadische Autorin mit deutschen Wurzeln von "Frühschicht bei Tiffany" schaffen wollte. Richtig gelesen, "Frühschicht"; es geht hier also nicht um ein Remake des legendären Films mit Audrey Hepburn, sondern um Amy, die in Frühschicht bei Tiffany arbeitet, mit ihrem gesprächigen Papagei namens Brad in New York (mutmaßlich in einem Hochhaus) wohnt und von ihrem Sonnen- zu den Nachbarbalkonen einige Überraschungen erlebt.

Amy (Lisa Bales) lernt den Tourette-Hippie Bob (Julian Brodacz) mit dem grünen Daumen und dem weichen Herzen kennen, der auf dem gegenüberliegenden Balkon seine Blümchen im Hippie-Outfit dauergießt. Und sie entdeckt, dass der Störenfried auf dem Balkon schräg unter ihrem, der ständig nervtötend auf seine alte Schreibmaschine einhämmert, ausgerechnet ihr Ex-Mann Chris (Josua Ovari) ist. Amy, mal im sonnengelben Kleid, mal in Hepburn-Style in Schwarz und mit Sonnenbrille, ist hin- und hergerissen zwischen Zorn und Attraktion, ledert gekonnt uncharmant gegen den ebenfalls ruppigen Ex-Gatten ab. Buddhist und Versicherungsmakler Bob weiß wohl selbst nicht so recht, ist er nun ein Hippie, Friedensaktivist, Gärtner, Autist, Tourettepatient oder einfach nur high, weil er ständig in einem kindlich hohen Tonfall spricht?

Jedenfalls scheint er verliebt in Amy. Chris ringt mit altem Zorn und einer Schreibblockade, und wer erfahren will, ob das noch was wird mit seinem Roman (Thema "Unerfüllte Liebe") und ob die scheue Liebe des verhuschten Balkongärtners sich erfüllt, muss sich ins Roßstall-Theater begeben - für ein "pausenloses" Bühnenvergnügen von 90 Minuten.

Dafür ist alles bestens vorbereitet: Der Saal ist groß, die Abstände sind größer als vorgeschrieben. Es wird gelüftet, aber auch die Heizung funktioniert gut, was genauso wichtig ist. Blitz und Donnergrollen gab es nur von der Technik (Rüdiger Trebes). Fürs exzellente Bühnenbild zeichnen Nina von Schimmelmann und Peter Wimmer verantwortlich. Also: An diesem Abend hätte man sich und andere allenfalls mit guter Laune und Fröhlichkeit anstecken können. Und was trägt in winterkalten Tagen mehr zu guter Laune bei als Theater und Kultur? So überrascht schließlich auch der Kommentar von Regisseurin Gagliardi nicht: "Das Stück war eine Herausforderung in dieser düsteren Zeit, und ich finde es unheimlich toll, wenn Menschen heute Abend freudig dabei gewesen sind und Sorgen und Angst kurz vergessen konnten."

"Frühschicht bei Tiffany", Roßstall-Theater, weitere Aufführungen am 22., 24. und 25. Oktober. Die notwendige Kartenreservierung ist unter der Nummer 089/8414774 möglich.

© SZ vom 22.10.2020

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