Germering:Der Mann aus dem ewigen Eis

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Germering: Blauer Himmel, schneeweiße Landschaft: Blick auf die Terra Nova Bay in der Antarktis.

Blauer Himmel, schneeweiße Landschaft: Blick auf die Terra Nova Bay in der Antarktis.

(Foto: Yonhap News Agency/dpa)

Niemand hat so viele Jahre am Südpol gelebt, wie der Astrophysiker und ehemalige Germeringer Robert Schwarz. Zusammen mit der Mitschülerin und Autorin Felicitas Mokler hat er seine Erlebnisse in einem Buch veröffentlicht.

Von Noah May, Germering

Robert Schwarz und Felicitas Mokler lernten sich als Schüler vor vielen Jahren am Max-Born Gymnasium in Germering kennen. Damals forschte Schwarz noch nicht zur Entstehung des Universums, die Amundsen-Scott-Südpolstation war ein ferner Ort und dorthin zu gelangen noch nicht einmal ein Traum. Trotzdem beginnt das Abenteuer in den Schulräumen in der Johann-Sebastian-Bach-Straße. Das Interesse an Physik und den astronomischen Erscheinungen, die jeder am Nachthimmel sehen kann und deren Entstehung doch so schwer zu erklären ist, führt beide in die Sternwarte des Astronomie-Wahlkurses des Gymnasiums. Dort rücken die fernen Sterne ein Stückchen näher, auch durch die Berechnungen und Theorien über sie. Die Welt der Erklärungen begeistert Schwarz so sehr, dass er, als in seinem Jahrgang kein Physik-Leistungskurs zustande kommt, aufs Carl-Spitzweg-Gymnasium wechselt, um diesen belegen zu können.

Germering: Robert Schwarz in Südpol-Bekleidung.

Robert Schwarz in Südpol-Bekleidung.

(Foto: Robert Schwarz)

Die beiden heutigen Wissenschaftler sind seit ihrer Schulzeit in Kontakt geblieben und erinnern sich gern an das Gymnasium zurück, denn dort wurde ihr Interesse an der Astronomie gefördert: "Wir hatten sehr engagierte Lehrer, die die Schüler über den normalen Lehrplan hinaus an ihre Interessen herangeführt haben", denn die Lehrkräfte hätten nicht die Einstellung gehabt, "jetzt mache ich mal den 08/15-Unterricht und dann gehe ich nach Hause", erinnert sich Schwarz. Er studiert in München und in den USA Physik und Astronomie.

Ein Zufall bringt ihn an den Südpol

Doch der Zufall mischt sich schnell in das von Berechnungen und Konstanten geprägte Leben des Studenten. Er hat eine dringende Frage, doch sein schwerbeschäftigter Professor lässt ihn vor dem Büro warten. Gelangweilt sitzt der damals 26-Jährige auf dem Gang und beginnt als Überbrückung der Wartezeit ein paar Aushänge in einem Schaukasten durchzulesen. Er überfliegt die bedruckten Zettel, irgendwann verfestigt sich sein Blick: Auf einem Zettel wird ein Forschungsaufenthalt in der Antarktis angeboten. "Antarktis, Südpol? Das war einfach so ein Wow-Effekt", sagt Schwarz rückblickend. Er schreibt eine E-Mail mit der Bitte um nähere Informationen, schnell bekommt er eine Antwort: "Dann kam so ein Einzeiler zurück, ich soll bitte einen Lebenslauf schicken und drei Referenzen angeben. Eine Woche später wurde mir der Job angeboten." Er unterbricht sein Studium und packt seine Sachen.

"Als ich da unten ankam und aus dem Flugzeug gestiegen bin, war es gleißend hell", auch die Temperatur ist gewöhnungsbedürftig, denn "obwohl es nur minus 40 Grad waren, schneidet es ganz schön", erklärt der heute 52-Jährige. Flugzeuge können das gefrorene Festland nur bei sommerlichen Temperaturen von weniger als minus 50 Grad ansteuern, die restlichen acht Monate geht die Sonne weder auf noch unter, sind die Amundsen-Scott-Südpolstation und ihre Bewohner abgeschnitten vom Sonnenlicht. Er überwintert mit den restlichen Forschern, sein erster Aufenthalt dauert mehr als ein Jahr. Der Leiter fragt ihn augenzwinkernd, ob er im nächsten Winter wieder dabei ist - und aus Spaß wird schnell Ernst. Schwarz kehrt zurück und bleibt mehr als neun Monate. Insgesamt verbringt der Forscher mehr als 13 Jahre am geografischen Südpol, so lange wie kein anderer Mensch.

Er forscht zur Urknalltheorie

Zwischen den Antarktisaufenthalten beendet Schwarz sein Studium. Während er sich in der Antarktis aufhält, forscht er mit Teleskopen zur kosmischen Hintergrundstrahlung. Sie gilt als Beweis der Urknalltheorie, denn die Strahlung soll noch von diesem Ereignis herrühren. In Wissenschaftskreisen zweifle niemand am Urknall, "aber es gibt ein paar Probleme, die man noch nicht schlüssig erklären kann", sagt der Astrophysiker. Die Inflationstheorie könnte Antworten geben. Seine Kollegen und er versuchen deshalb, ein bestimmtes Muster in der Hintergrundstrahlung nachzuweisen, das ein Beleg für diese Theorie wäre.

Mit Mockler kommt Schwarz ebenfalls eher zufällig zusammen. Er arbeitete als Lektor bei Kreuzfahrten in der Antarktis und hielt Vorträge über das Leben im ewigen Eis. Nach einem Vortrag kam ein Passagier auf ihn zu, der sich als Mitarbeiter eines Verlages zu erkennen gab und ein Buch zu schreiben vorschlug. Das Problem für Schwarz: "Deutsch war nicht mein starkes Fach in der Schule. Milde ausgedrückt: Schreiben mochte ich nicht." Deswegen habe er nach Unterstützung gesucht, um seine Erlebnisse und Erfahrungen in der Eiswüste auf Papier zu bringen.

Germering: Seit der Schulzeit ist die Autorin Felicitas Mokler begeistert von Sternen und Weltall.

Seit der Schulzeit ist die Autorin Felicitas Mokler begeistert von Sternen und Weltall.

(Foto: Felicitas Mokler)

Die Autorin ist eine Mitschülerin

Die Unterstützung fand er überraschend, als er sich mit seinem ehemaligen Physiklehrer vom Max-Born Gymnasium traf, auch Felicitas Mokler war dabei. Die Physikerin, Autorin und freie Journalistin bot ihm die gesuchte Hilfe an. In ausführlichen Gesprächen vermittelte Schwarz seine Eindrücke an die 46-jährige, die selbst noch nie am Südpol war. "Ich musste mich in ihn hineindenken", erzählt Mokler, aber: "es hat gut funktioniert und unglaublich viel Spaß gemacht!" Das Buch mit dem Titel "Unter den Polarlichtern der Antarktis" enthält Anekdoten, schildert aber auch die wissenschaftliche Arbeit von Schwarz am Südpol. Einfach sei es nicht gewesen, die Erlebnisse zu filtern bei diesem langen Zeitraum, sagt sie über den Schreibprozess.

Das letzte Mal war Schwarz im November 2019 am Südpol. Seitdem holt er den Sommer nach, den er in seiner 13-jährigen Eiszeit verpasst hat, so beim Segeln im Mittelmeer. Denn er sei ein Sommermensch, versichert er. Er und Mokler treffen sich regelmäßig mit ehemaligen Lehrern, Schwarz pflegt den Kontakt zu den damaligen Mitschülern aus dem Physik-Leistungskurs. Beide wohnen zwar nicht mehr im Landkreis, haben aber noch Familie und Freunde in Germering. Momentan schreibt Felicitas Mokler ihr zweites Buch über das Universum. Robert Schwarz begibt sich in zwei Monaten auf die nächste Kreuzfahrt in die Antarktis.

Die Lesung aus "Unter den Polarlichtern der Antarktik" findet am Montag, 10. Oktober, in der Stadtbibliothek Germering statt. Beginn ist um 19 Uhr. Die Karten kosten zehn Euro, ermäßigt acht Euro. Das Buch ist im Knesebeck Verlag erhältlich.

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Felicitas Mokler

Germering
:Blick in die Sterne

Felicitas Mokler ist Astrophysikerin und Wissenschaftsjournalistin. Die Faszination für das Weltall hat sie in der Sternwarte des Germeringer Max-Born-Gymnasiums gepackt. Jetzt erscheint ihr Buch über den Kosmos

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