Simone Hochfilzer sitzt auf ihrem Sofa und lächelt; sie wirkt nicht verzweifelt, obwohl sie allen Grund dazu hätte. Hochfilzer ist seit 2016 querschnittsgelähmt, sie wohnt mit ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter in Germering. Ihre Mietwohnung, das ist wichtig, befindet sich nicht im Erdgeschoss, sondern im ersten Stock des Hauses. Sie bewegt sich mit Rollstuhl in der Wohnung, aus dem Haus kommt sie mit dem eingebauten Treppenlift. Eine barrierefreie, behindertengerechte Wohnung sucht Simone Hochfilzer schon seit einigen Jahren – sie findet aber keine. „Wenn ich erwähne, dass ich Rollifahrerin bin, ist es oft schnell aus“, berichtet sie von ihrer bereits lang andauernden erfolglosen Wohnungssuche. Erste Anzeichen einer Querschnittslähmung ereilten sie mit Anfang 40. Jetzt ist Hochfilzer 56 Jahre alt. „Zunächst waren es Taubheitsgefühle“, erinnert sie sich gut. Die entstanden zeitgleich mit der Geburt ihrer heute 16-jährigen Tochter Lena. „Ich war mit ihr, als sie ein halbes Jahr alt war, im Freibad und empfand plötzlich das kalte Wasser dort als warm.“ Nach einer langen Ärztetournee – „zehn waren es bestimmt“ – bekam sie schließlich die Diagnose Myelitis. Vereinfacht erklärt bedeutet das eine Rückenmarksentzündung. Bakterien haben sich in ihrem Rückenmark ausgebreitet, die dann zur Querschnittslähmung führten. „Das passiert äußerst selten“, sagt sie. Etwa eins zu einer Million sei die Wahrscheinlichkeit, habe man ihr erzählt.
Querschnittgelähmt blieb sie damals in der Wohnung, in der sie noch heute lebt. Das war mühsam genug. Das Leben im ersten Stock schaffte vor allem auf dem Weg nach draußen große Probleme. Sie musste erst auf dem Hosenboden die Treppe herunterrutschen, um unten an ihren Rollstuhl zu kommen. „Das ging sicherlich zwei Jahre lang so“, erinnert sich Hochfilzer, die in Biberach aufgewachsen ist. Die Deutsche Rentenversicherung hat ihr dann einen Treppenlift bezahlt. Zur Arbeit in der Germeringer Schülerhilfe ist sie zunächst mit einem Behindertentransport gekommen. Diese Abhängigkeit wollte sie unbedingt ändern. Sie hatte einen Führerschein, brauchte aber noch eine Ergänzung, um mit Handgas fahren zu können. Die Umbaukosten ihres Autos übernahm wieder die Rentenversicherung.


Doch das Problem mit der nicht für sie passenden Wohnung blieb. Die Bewerbungen um ein möglichst barrierefreies neues Zuhause kosteten Energie, und die vielen Absagen frustrierten. Wenn es überhaupt Absagen gab. Wenn sie erwähnte, dass sie behindert ist, bekam sie oft überhaupt keine Antwort mehr. „Liegt es daran, dass Menschen mit Handicap eine längere Kündigungsfrist haben?“, fragt sich Hochfilzer. Sie schauten sich auch im nahen neuen Münchner Stadtviertel Freiham um. Dort kamen sie etwas zu spät. „Die Wohnungen für Behinderte waren schon an ‚Fußläufige‘ vergeben worden“, erzählt sie. Andere Wohnungen dort waren dann nicht barrierefrei. Auch über Wohngenossenschaften eine Wohnung zu bekommen, blieb ohne Erfolg.
Immer wieder unternimmt Hochfilzer zusammen mit ihrer Tochter, die gerade eine Ausbildung zur Erzieherin macht, und mit ihrem Lebensgefährten Heiko Weigelt, der als Krankenpfleger tätig ist, einen neuen Anlauf, eine Dreizimmerwohnung zu finden. Zumal die aktuelle Vermieterin ihr signalisiert hat, sie möge doch bitte bald ausziehen. Doch nun kommt ein weiteres Problem hinzu: Simone Hochfilzer erhält als zusätzliche Hilfe, um den Alltag besser bewältigen zu können, Anfang kommenden Jahres einen ausgebildeten Assistenzhund. Neulich gab es eine Chance, in Olching eine Wohnung zu bekommen, aber dann war es doch wieder vergebens. Hochfilzer ist sich sicher: „Da war es dann der Hund.“
Das Schlimmste ist für sie momentan, dass sie nicht mehr alleine ohne fremde Hilfe duschen kann. In ihrem Badezimmer gibt es nur eine Badewanne, keine ebenerdige Dusche. Der Einstieg in die Wanne, für Menschen ohne Handicap kein Problem, ist für Hochfilzer zu hoch. Einen Umbau würde die Vermieterin nicht erlauben, schon aus Kostengründen. Da ist der Treppenlift, der häufig auf dem Weg nach unten ins Erdgeschoss stehenbleibt, das kleinere Problem.


„Ich komme in die Badewanne nicht mehr rein und raus“, sagt Simone Hochfilzer und klingt dann doch ziemlich verzweifelt. Sie habe sich jetzt einen Notknopf besorgt für alle Fälle, wenn gerade sonst niemand in der Wohnung ist. Dabei ist sie gerne selbst aktiv – auch körperlich. Sie hat sich ein Handbike zugelegt und ist damit draußen unterwegs, wann immer es geht, „um fit zu bleiben“, damit die Muskulatur nicht erschlafft. Ihr Lebensgefährte Heiko Weigelt sei auf dem Fahrrad mit dabei und habe manchmal Mühe, zu folgen.
„Ich bin gerne draußen in der Natur“, sagt Hochfilzer. Noch schöner wäre wohl nur eine passende neue Wohnung. Spottbillig muss diese nicht sein, sie und ihr Lebensgefährte könnten zusammen eine Miete bis zu 1700 Euro warm bezahlen. Die Hoffnung besteht immer noch, dass es endlich klappt.

