„Zusammen: Warum wir für ein gutes Leben Verbündete brauchen – und wie wir sie finden“, so lautet der Titel von Ronja von Wurmb-Seibels aktuellem Buch. In Eichenau hat sie daraus vorgelesen und anschließend mit dem Publikum diskutiert. Wurmb-Seibel ist Journalistin, Filmemacherin und Autorin. Sie ist in Eichenau aufgewachsen und wurde an diesem Tag vom Ortsverband der Grünen in die Friesenhalle eingeladen. In einem leuchtend pinkfarbenen Sweatshirt saß sie vor dem Publikum, ihr Buch mit dem ebenso pinkfarbenen Cover lag auf dem Tisch vor ihr.
Mit wachen Augen und einem Lächeln schaute sie ins Publikum. Gleich zu Beginn der Veranstaltung stellte sie eine Frage: „Was hat euch in den letzten ein bis zwei Wochen Mut gemacht?“ „Die Demo heute in München“, antwortete ein Mann und bezog sich damit auf die große Demonstration für Demokratie auf der Münchner Theresienwiese, die am selben Tag stattgefunden hat. Eine Frau sagte, sie habe in letzter Zeit mehrere tolle Menschen kennengelernt. Wurmb-Seibel schloss daraus: „Es waren eigentlich immer Menschen, die euch Mut gemacht haben.“ Das passe gut zu ihrem Buch, das sich ganz den Themen Gemeinschaft und Beziehungen widme.
Die Idee dazu habe sie durch ein Abendessen bekommen, zu dem sie eingeladen war, erzählte die Autorin. Dort hätten sich zehn Personen getroffen, die sich nicht gekannt hätten. Sie seien aus verschiedenen Berufsfeldern gekommen und hätten ganz unterschiedliche Meinungen gehabt. „Wir waren uns definitiv nicht alle sympathisch“, sagte Wurmb-Seibel mit einem Schmunzeln. Der Abend habe Regeln gehabt: Es solle nur ein Gespräch mit dem gesamten Tisch geführt werden, nicht mehrere kleine, und sie sollten über ihre Wünsche für die Zukunft sprechen. Trotz all der verschiedenen Persönlichkeiten am Tisch, sei ein Wunsch besonders präsent gewesen: mehr Gemeinschaft. Wurmb-Seibel erzählte, dass sie daraufhin begonnen habe, zu dem Thema zu recherchieren. Die Ergebnisse fänden sich nun in den acht Kapiteln ihres Buches.

Sie las einen Ausschnitt vor, in dem es um den Zusammenhang von guten Beziehungen und Gesundheit geht. Gute soziale Beziehungen steigerten die Lebenserwartung und beschleunigten die Erholung nach Krankheiten. Eine Studie habe herausgefunden, dass Soldaten, die in der Truppe Freunde hätten, nach einem Einsatz weniger stark von posttraumatischen Belastungsstörungen betroffen seien als Soldaten, die keine Freundschaften in ihrer Truppe pflegten. Wurmb-Seibel zitiert in ihrem Buch auch eine Harvard-Studie zur Entwicklung Erwachsener („Harvard Study of Adult Development“). Diese untersuche seit mehr als 80 Jahren, was Menschen zu einem erfüllten und langen Leben verhelfe. Die größte Erkenntnis daraus sei: „Es lohnt sich nichts mehr, als in soziale Beziehungen zu investieren.“
Bei der Lesung betonte Wurmb-Seibel die Bedeutung von kleinen, spontanen Gesprächen. Auch eine kurze Unterhaltung mit einem Fremden in der Bahn oder im Supermarkt reiche schon aus, um sich glücklicher zu fühlen. Man solle Fragen stellen und zuhören – das gelte für Fremde und für Freunde. Sie appellierte an die Anwesenden, immer neugierig zu bleiben und nie davon auszugehen, dass man bereits alles über eine Person wisse. Wer mit anderen verbunden sei, schütze Körper, Geist und Seele. „Freundschaft kann magisch sein.“
Wurmb-Seibel nahm sich Zeit für Gespräche mit dem Publikum. Ungefähr 50 Personen kamen zur Lesung. Ein Thema, das von ihnen immer wieder angesprochen wurde, war Frage, wie man mit AfD-Sympathisanten ins Gespräch kommen könne. Wurmb-Seibel betonte, dass es einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Zuspruch zu rechtsradikalen Positionen gebe. Das sei nicht absolut zu sehen aber, „es gibt eine statistische Häufung“. Das nutzten rechtsradikale Akteure gezielt aus, indem sie sich als Familie darstellten.
Kleine Freundlichkeiten im Alltag
An diesem Punkt könne man mit den kleinen, spontanen Gesprächen, die sie vorher empfohlen habe, einhaken, sagte Wurmb-Seibel. Diese Gespräche seien auch Demokratie-Arbeit. Sie würden wahrscheinlich nicht sofort die Wahlentscheidung des Gegenübers ändern, aber man könne zumindest eine kleine Verbindung schaffen. Kleine Freundlichkeiten im Alltag, zuhören, Interesse zeigen: Das sei wichtig in einem angespannten politischen Diskurs, denn mit Vorwürfen könne man niemanden erreichen.
Zum Abschluss rief Wurmb-Seibel das Publikum auf, sich einen Vorsatz zu wählen. Sie habe drei ausgesucht, und jeder solle einen auswählen, den er bis Ende des Monats erfüllen möchte. „Der erste Vorsatz ist, den Namen eines Nachbarn oder einer Nachbarin herauszufinden. Aber nicht, nur auf das Klingelschild schauen!“ Der zweite Vorsatz stehe unter dem Motto: „sich bemerkbar machen“. Man solle sich bei einer Person melden, die man schon lange nicht mehr gesehen hat. Alternativ könne man einer fremden Person etwas Gutes tun, das sei Variante drei. Wurmb-Seibel lädt die Anwesenden dazu ein, ihr zu schreiben, wenn sie einen dieser Vorsätze umgesetzt hätten. Sie würde sich sehr freuen, davon zu lesen.

