Geglückte Premiere in Germering:Pandemische Theaterfreuden

GERMERING: Aufführung UMKEHRHORIZONTE

In einer WG im fernen Jahr 2060 spielt das neue Stück "Umkehr-Horizont" im Roßstall-Theater.

(Foto: Leonhard Simon)

Eine sehr zeitgemäße Eigenproduktion packt das Publikum im Roßstall

Von Sonja Pawlowa, Germering

Unterhaltung, Humor und Leichtigkeit ist eine Erwartung, die im Germeringer Theater im Roßstall zuverlässig erfüllt wird. Anhaltender Applaus und lachende Gesichter zeugen von der heiteren Stimmung im Publikum. Erstaunlich, dass das selbst mit dem aktuellen Stück "Umkehr-Horizont" glückt, obwohl das Thema Pandemie doch ein sehr rutschiges, aber eben humorbefreites Minenfeld zu sein schein.

Normalerweise greift Cecilia Gagliardi als Regisseurin auf erfolgreiche Boulevard-Komödien zurück. Das bedeutet Kosten für die Lizenzrechte im Rahmen der Aufführungen in einer definierten Spielzeit. Wenn allerdings die Spielzeit wegen Lockdown-Bestimmungen ins Wasser fällt, bleibt das Theater auf den Kosten sitzen. Für ein unabhängiges Theater bedeuten jedoch schon die Fixkosten ein schmalen Grad zwischen Sein oder Nichtsein.

Die Unsicherheit, Corona-bedingte finanzielle Einbußen, aber auch der Drang, trotz allem etwas machen zu wollen, haben dazu geführt, dass Cecilia Gagliardi kurzerhand im Lockdown ein Theaterstück zu schreiben begann - notfalls für die Schublade. Was dabei am Ende herauskam, ist einzigartig zu nennen. Ohne Corona mit einem Wort zu erwähnen, verdeutlicht Gagliardi eindringlich, dass ein Leben ohne Kultur vielleicht möglich, aber eben auch sinnlos ist.

Im fiktiven Jahr 2060, also weit weit weg, leben graue Menschen in nicht weniger grauen Wohngemeinschaften. Nicht etwa, um sich die Miete zu teilen. Ganz im Gegenteil: Als der Vermieter Edi (Oliver Kübrich) eine weitere Mitbewohnerin (Anna Luna Richter) ankündigt, will er die Miete sogar erhöhen. Das nehmen Mia (Katja-Lisa Engel), Ila (Katrin Bielski) und Leo (Josua Ovari) gern in Kauf. Jede weitere Person bringt Abwechslung in den grauen Alltag. Das sterile Ambiente einer grau-klinischen 50-Shades-of-Grey-Zukunft wird lustvoll im Bühnenbild und den Kostümen gezeichnet.

Hübsche Regie-Ideen wie etwa OP-Hauben und Gummistiefel als Schutzmaßnahme vor der Kultur-Virus-Pandemie statt FTP-Masken einzusetzen, werden durch das großartige Spiel des jungen Ensembles in seiner Wirkung noch gesteigert. Wenn Katja-Lisa Engel umständlich ihre Hände desinfiziert und dabei jede Hautfalte zwischen den Fingern massiert und sich wie ein neurotischer Dr. House gebärdet oder Josua Ovari seinen blütenweißen Arztkittel-Trenchcoat an die Garderobe hängt, um zackig an die Hausbar zu gelangen, schwebt das Amüsement zwischen bitterem und befreiendem Lachen.

Alkohol als einzige Lösung, um gesund zu bleiben, und eine Pille mit Pizzageschmack vom Lieferservice sind in der Tat eine bittere Pille, die den Zuschauern da vorgeführt wird. Der einvernehmliche Gleichtakt beim Sitzen und Trinken mündet in militärische Leibesübungen, die wohl getaktet mit der Echo-Dot-Abhöranlage Sirixa zu sofortigem Gehorsam aufruft. Ein langweiliges Leben führen sie da 2060. Das Publikum verharrt in schweigsamer Stille und lacht verhalten, wenn die Essenspillen vor dem Schlucken sicherheitshalber desinfiziert werden.

Alles ändert sich mit dem Auftritt von Anna Luna Richter als Ely Fröhlich, deren Name Programm ist. Aus Kniebeugen werden John-Travolta-Moves, aus Pillen Schokolade und aus Sprechtheater wird ein Musical. Oliver Kübrich rauft sich das schlohweiße Haar und mutiert mit einem Griff zu Beethoven. Shakespeare-Dialoge, Schlager, explosives Tanzen unter Einsatz eines Disco-Stroboskops wird mit spontanem Publikumsapplaus und explosiv guter Laune gefeiert. Besonders Katja-Lisa Engel schlägt ein wie eine Stimmungsbombe, als sie zu "I'm so excited" ein tänzerisches Solo so kraftvoll hinlegt, als hätte sie zwei Jahre nicht getanzt.

Dass nicht nur die WG-Bewohner vom Kultur-Virus mit Freude infiziert wurden, sondern auch die Zuschauer im Saal, steht außer Zweifel. Am Ende sind alle in Freude vereint. Einzelne lösen sich sogar von den Stühlen und tanzen an ihrem Platz zum schmissigen "Theater, Theater"-Medley. "Eine positive Überraschung," kommentiert da ein Geburtstagskind aus dem Publikum. Der Mann wusste gar nicht, wohin ihn seine Dame an seinem Ehrentag entführen würde. Weder vom Germeringer Roßstall noch vom dargebotenen Stück ahnte er etwas. Umso größer der Genuss: "Sonst bin ich gern ins experimentelle Theater nach Zürich gefahren. Dabei gibt es das gleich nebenan."

"Umkehr-Horizont", Roßstall-Theater in Germering, weitere Aufführungen am 12.,13., 19., 20. und 28. November. Kartenreservierung unter der Nummer 089/8414774 oder online www.germeringer-rossstall.de.

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