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Geglückte Premiere:Freddie rockt die Leinwand

Auto-Tetris: Knapp 200 Wagen müssen so platziert werden, dass jeder Besuch gut sieht

(Foto: Günther Reger)

Lange Schlangen am Einlass, reibungsloser Ablauf beim Einweisen der Fahrzeuge: Auf dem Brucker Volksfestplatz eröffnet das Autokino mit der Queen-Biografie "Bohemian Rhapsody"

Es ist der 13. Juli 1985, als im Londonor Wembley-Stadion Freddie Mercury im weißen Unterhemd und weißer Hose auf die Bühne stürmt. Am Klavier stimmt er die ersten Takte der "Bohemian Rhapsody" an und die 75 000 Besucher des Live-Aid-Konzertes geraten in Ekstase. Was folgt, sind die vielleicht 20 bewegendsten Minuten der Musikgeschichte. Es ist die Wiederauferstehung der Band "Queen", ihre Rückkehr in die Öffentlichkeit nach der großen Auszeit. Zumindest stellt es der Film "Bohemian Rhapsody" so dar. Die Realität der Band war weit weniger dramatisch, die Stimmung im Wembley-Stadion dafür umso mitreißender. Und so passt dieser pathetisch-dramatisierte Leinwand-Moment so wunderbar zu diesem Abend des 29. Mai 2020 auf dem Brucker Volksfestplatz. Denn auch hier wird eine Wiederauferstehung gefeiert: die des Kinos.

Zehn Wochen, seit Mitte März, mussten die Leinwände weiß bleiben. Für die Lichtspielhäuser gilt das auch weiterhin, bis zum 15. Juni. Ausnahmegenehmigungen gibt es für Autokinos. Und so wurden in den vergangenen Wochen mehr als 120 Anträge in ganz Deutschland gestellt, so wie in Fürstenfeldbruck.

Organisator Markus Eisele bei der Einweisung der Autos

(Foto: Günther Reger)

Wie groß die Sehnsucht der Menschen nach Kultur ist und dass diese vielleicht systemrelevanter ist, als von der Politik anerkannt, zeigt sich schon lange vor Filmbeginn. Vor der Eingang bildet sich eine Autoschlange, die sich nicht verstecken muss vor denen, die man nach der Wiedereröffnung der Wertstoffhöfe überall im Landkreis gesehen hat. Knapp 200 Autos, überwiegend mit Brucker Kennzeichen, drängen an diesem Abend auf den Volksfestplatz, die genaue Besucheranzahl lässt sich nicht ermitteln, weil pro Wagen abgerechnet wird.

Mit ihren vorab im Internet gekauften Tickets rollen die Filmfans also nacheinander auf den Eingang zu. Dort wird durch die geschlossene Scheibe die Eintrittskarte von einem Mitarbeiter gescannt. Wer sich auch Snacks bestellt hat, bekommt einen kleinen gelben Zettel mit der entsprechenden Menge unter die Windschutzscheibe geklemmt und darf ein paar Meter weiterfahren. Bis zu einem Tisch, auf dem Chips, Süßigkeiten und Getränke aufgestellt sind. Unter dem Blick des nächsten Mitarbeiters darf sich jeder dann soviel nehmen, wie es die Zahl auf dem Zettel angibt. Ein schnelles effektives Verfahren, komplett kontaktlos, sozusagen corona-sicher. Die Organisation ist gut, alles läuft schnell und reibungslos. Die Snacks also sind verstaut, der Blick richtet sich wieder durch die Windschutzscheibe nach vorne. Dort leuchten in der einsetzenden Dämmerung zwei rote Einwinkstäbe, wie man sie vielleicht vom Blick aus dem Flugzeug am Flughafen kennt.

An einer Station werden die vorab über das Internet bestellten Snacks übergeben

(Foto: Günther Reger)

Nun beginnt der schwierige Teil. Die Einweiser, unter ihnen auch einer der beiden Betreiber des Autokinos, Lichtspielhaus-Chef Markus Eisele, müssen für jeden Besucher einen Platz finden, von dem aus er die Leinwand gut sehen kann. Das heißt: die großen Autos, etwa die VW-Transporter, nach hinten, die kleinen nach vorne, wie damals beim Klassenfoto. Früher nannte man die letzte Reihe im Autokino übrigens "Love lane", weil sich dort meist junge Paare hinstellten, um etwas Privatsphäre und Intimität genießen zu können. Mit einem kleinen Fiat Panda dagegen geht es relativ weit nach vorne. "Sehen Sie gut?", fragt der freundliche Einweiser durch die Scheibe. Nicht ganz, der weiße Combi vor einem versperrt dem Fahrer etwas die Sicht. "Dann fahren Sie noch ein Stück nach rechts", lautet der Rat und tatsächlich, so haben Fahrer, Beifahrer und die dritte Person auf dem Rücksitz eine gute Sicht.

Ein Blick nach rechts zeigt, wie sich wahre Autokino-Profis auf so einen Besuch vorbereiten. Im roten Mini sind die Sitze bereits nach hinten geklappt, die beiden Insassen sind passend gekleidet: Jogginghose und weiter Pullover. Nun gilt es, im Autoradio nach der Frequenz zu suchen, auf der der Filmton gleich übertragen wird: 90,4. Es läuft Chartmusik um die Wartezeit zu überbrücken. Dann wird es aus der Dämmerung Dunkelheit und die Musik wird leiser. Von irgendwo auf dem Gelände wendet sich der zweite Betreiber, Tom Blum vom Fürstenfelder Kino-Sommer, an die Menschen in ihren Autos: "Ich hoffe, Sie können mich alle hören. Wenn ja, schalten Sie doch kurz ihre Warnblick-Anlage ein". Und schon legt sich über den Platz ein warm-oranges, unrhythmisch-aufgeregtes Flackern. Abschließend erinnert er noch an die Tradition der "Love lane": "Genießen Sie den Film und knutschen Sie nicht zuviel."

Autokino Fürstenfeldbruck, täglich von etwa 21.30 Uhr an, bis zum 11. Juli. Ticketverkauf und Programm online unter www.autokino-ffb.de

© SZ vom 02.06.2020

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