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Gastronomie:Wirte suchen Mitarbeiter

Dehoga-Kampagne 'Tische vor dem Gasthaus'

Der Branche stehen wohl höhere Löhne und den Kunden steigende Preise bevor

(Foto: LEONHARD SIMON)

Restaurants, Cafés und Bars haben in den Monaten des Lockdowns viele Beschäftigte verloren. Jetzt suchen sie händeringend nach neuen Arbeitskräfte für die Küche und den Service

Von Andreas Ostermeier, Fürstenfeldbruck

Auch etliche Wochen nach der Wiedereröffnung im Mai kämpfen viele Restaurants und Lokale mit den Folgen des langen Lockdowns wegen der Corona-Pandemie. Schwierigkeiten haben Wirte und Lokalbesitzerinnen vor allem mit der Suche nach Arbeitskräften. Zu wenige Helfer in Küche und Service seien momentan "das größte Problem der Branche", sagt Markus Bauer von der Firma Mahavi, die in Fürstenfeldbruck und andernorts mehrere gastronomische Betriebe hat. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) spricht davon, dass im vergangenen Jahr 300 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte die Branche verlassen hätten. Das bedeute, dass jeder achte Mitarbeiter die Gastro-Branche verlassen hat, heißt es in einer Mitteilung der Gewerkschaft.

Auch Zahlen, die die Agentur für Arbeit für den Landkreis vorlegt, bestätigen den Mangel an Arbeitskräften in der Gastronomie. So waren aus dem Landkreis im Juni nur 16 arbeitslose Personen aus diesem Bereich gemeldet. Im Jahr zuvor waren es mit 31 fast doppelt so viele. Dem standen 483 gemeldet Stellen gegenüber (im Juni 2020 waren es 240). Kathrin Grabmaier, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Weilheim, stellt denn auch fest, das Gastgewerbe zähle nicht nur während der Pandemie zu den größten Verlierern, sondern habe auch im Nachgang größte Schwierigkeiten, wieder Fuß zu fassen.

Hauptursache für die Personalknappheit ist die lange Lockdown-Phase für Gastwirtschaften, Bars und auch die Hotellerie. Mehrere Monate durften keine Gäste bewirtet werden, es war lediglich möglich, Speisen und Getränke zur Mitnahme anzubieten. Das habe dazu geführt, dass überdurchschnittlich viele gastronomische Betriebe Mitarbeiter entließen, sagt Grabmaier. Die Agentur in Weilheim ist auch für den Landkreis Fürstenfeldbruck zuständig. Zudem suchten sich Küchen- und Servicekräfte andere Jobs, weil ihnen das Kurzarbeitergeld nicht ausreichte oder sie als Minijobber gar keines erhielten. Sie fanden laut Grabmaier zu einem Gutteil Beschäftigungen in Bereichen wie dem Online-Handel, dem Baugewerbe, in Verwaltungen oder im Einzelhandel, also in Bereichen, die in der Pandemie Arbeitskräfte suchten. Daneben nutzten laut Grabmaier vormals im Gastro-Bereich Beschäftigte die Monate des Lockdowns für Weiterqualifizierungen oder das Nachholen von Ausbildungen.

Grabmaier resümiert: "So musste die Branche erst den Weggang vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verkraften und jetzt erleben, dass diese natürlich im Zuge des Aufwärtstrends des Arbeitsmarkts fehlen." Die Aussage der Pressesprecherin kann sich ebenfalls auf Zahlen der Arbeitsagentur stützen. Verzeichnete die Agentur im Juni 2019, also im Jahr vor Corona, einen Zugang von 91 Arbeitslosen aus dem Gastro-Bereich, so waren es ein Jahr später 127. Im Juni 2021 meldeten sich 53 Personen aus diesem Bereich neu arbeitslos. Auch bei den gemeldeten Arbeitsstellen zeigt sich die beschriebene Tendenz. Im November des vergangenen Jahres betrug die Zahl der Stellen 228, sank im Dezember und Januar auf 164 beziehungsweise 188 und sprang mit der Wiedereröffnung im Mai auf 383.

Grabmaier nimmt allerdings nicht an, dass Gastwirtschaften und Cafés auf lange Dauer keine Mitarbeiter mehr finden werden. Für viele bedeute die Arbeit im gastronomischen Bereich auch Leidenschaft und Berufung, sagt sie. Im Laufe der weiteren Normalisierung des Lebens- und Arbeitsalltags würden deshalb viele ehemals Beschäftigten wieder zurückkehren. Markus Bauer ist froh, seine Mitarbeiter während der Krise mittels Kurzarbeit gehalten zu haben. Davon profitiere er nun, sagt Bauer. Allerdings rechnet er nicht mit einer baldigen Verbesserung der Personallage in der Branche. Zudem sagt Bauer steigende Preise voraus, schließlich müssten die Löhne von Service- und Küchenkräften steigen, um die Berufe in der Gastronomie reizvoller zu machen.

Höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen fordert die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. "Schon vor Corona stand das Gastgewerbe nicht gerade für rosige Arbeitsbedingungen", sagt Tim Lünnemann, NGG-Geschäftsführer für die Region München. Die Einkommenseinbußen durch das Kurzarbeitergeld hätten viele Beschäftigte dazu gebracht, sich eine andere Arbeit zu suchen, ansonsten wären sie nicht über die Runden gekommen. Um ehemalige Mitarbeiter zurück- und neue dazuzugewinnen, brauche es einen "Kulturwandel", sagt Lünnemann. Auch Servicekräfte hätten ein Recht auf einen geregelten Feierabend, anständige Bezahlung und eine faire Behandlung durch den Chef.

© SZ vom 22.07.2021
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