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Gastronomie:Stummer Protest an leeren Tischen

Vor den Bund-Länder-Gesprächen am Mittwoch machen Gastronomen und Hoteliers ihrem Unmut über die andauernde Schließung Luft. Von der Politik wollen sie wissen, wann sie ihre Betriebe wieder öffnen dürfen

Von Erich C. Setzwein, Fürstenfeldbruck

Seit Monaten hat sich schon kein Gast mehr in die Stube des Gasthauses Hartl in Türkenfeld gesetzt. Auch zu Brigitte Walch im "Fly In" am Flugplatz Jesenwang kommen Gäste nur noch am Sonntagmittag, um bestellte Gerichte abzuholen. Und auch in den Lokalen der Fürstenfeldbrucker Mahavi Group war schon mal mehr los - die Wirtinnen und Wirte sehnen sich geradezu danach, ihre Gäste wieder richtig bewirten zu können, anstatt ihnen eine Tüte mit warmen Speisen in die Hand zu geben. Am Montag haben sie dieser Sehnsucht und ihrer wirtschaftlichen Not plaka- tiv Ausdruck verliehen und an einer Kampagne des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) teilgenommen.

Weil sie nicht wissen, wie viele Wochen sie noch geschlossen haben müssen, verlangen die Gastronomen von der Politik nun eine Öffnungsperspektive. Die Aktion, bei der 15 Wirtinnen und Wirte im Landkreis unter anderem gedeckte Tische vor ihre Häuser gestellt haben, fand kurz vor der für Mittwoch angesetzten Bund-Länder-Konferenz statt.

Sechs Monate insgesamt habe die Branche nun schon seit dem vergangenen Jahr schließen müssen, hat Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, ausgerechnet. Dass die Schließung von Gastronomie- und Beherbergungsbetrieben noch länger dauere, während andere Branchen schon wieder öffnen dürften, das "akzeptieren wir nicht", ließ Angela Inselkammer am Tag der Kampagne verlauten. Um auf die teilweise schon verzweifelte Lage in vielen Betrieben hinzuweisen, begann am Montag um zehn Uhr ein "stiller Protest", bei dem Mitglieder der Dehoga aufgefordert wurden, an einem zentralen Platz in ihrem Landkreis einen gedeckten Tisch oder ein gemachtes Bettaufzustellen. Im Landkreis Fürstenfeldbruck wurde es ein dezentraler Protest.

In Jesenwang parkte Brigitte Walch den Tisch kurzerhand auf dem Flugfeld. Zu ihren Gäste gehören normalerweise viele Piloten. Unter der Woche hat sie seit Beginn des Lockdown geschlossen. Zumindest am Sonntag beschäftigt sie insgesamt sieben Mitarbeiter, die Sonntagskarte sei "sehr gut und gerne angenommen" worden. Nicht nur aus Jesenwang seien die Menschen gekommen, um die Gerichte abzuholen, auch aus Moorenweis und Adelshofen seien neue Gäste auf das Restaurants am Flugplatz aufmerksam geworden.

Was der 54 Jahren alten Wirtin besonders fehlt, sind die umsatzbringenden Gesellschaften. Während der vergangenen Wochen hat sie zudem ganz wenig Getränke verkauft, sie habe sogar Flaschenbier verschenkt, "weil wir zu viel hatten".

Mit einer wöchentlich wechselnden Karte hat sich Josef Hartl in Türkenfeld durch die Krisenzeit gerettet. Der Gastronom und Hotelbesitzer sagt, er sei gut vorbereitet gewesen auf die Umstellung vom Betrieb im Lokal zur reinen Abholung. Schon weit vor dem ersten Lockdown hat er sich nach umweltfreundlichen Alternativen zu Styropor und Aluminium für den Transport seiner Speisen umgesehen und "einen ganzen Kundensatz biologisch abbaubarer Verpackungen" geordert. Neben der Qualität seiner Speisen sei dies bei seinen Gästen gut angekommen. Hartl berichtet von einem "enormen Rückhalt meiner Gäste", es habe im Vergleich zu normalen Öffnungszeiten einen "sehr hohen Durchlauf" gegeben. Vor allem die nur für den To-go-Betrieb eingeführten Freitagsspecials seien sehr oft bestellt worden. Ob das nun Burger seien oder Pulled Pork - "die Gäste fragen schon, wenn sie es abholen, was es kommenden Freitag Besonderes geben wird".

Hartl und seine Kolleginnen und Kollegen fordern die Öffnung nicht auf Kosten der Gesundheit und schon gar nicht zu jedem Preis. Es gehe vielmehr um "verlässliche Perspektiven und verantwortbare Szenarien, auf die sich die Unternehmer vorbereiten können", formuliert es ihr Verband. Schließlich gebe es bewährte Schutzkonzepte. Brigitte Walch sagt, die Gastronomie habe im vergangenen Jahr unter Beweis gestellt, wie sie Hygieneregeln umsetzt und auch gegenüber den Gästen durchsetzt. "Es war nie ein Thema, die Regeln einzuhalten." Bis auf ganz wenige Gäste hätten sich alle daran gehalten. Bei uns, sagt Dehoga-Chefin Angela Inselkammer, gelten wesentlich größere Abstandsregeln als im Handel. Wichtig sei auch die durchgängige Gästeregistrierung: "Wir wissen zu jeder Zeit, wer da war."

Auch in Hattenhofen hat man diese Regeln befolgt, und aus Solidarität stand am Montag ein Tisch vor dem Gasthof und Hotel Eberl. Viktoria Eberl-Stefan beteiligt sich an dem Protest, weil sie jeden Tag die Auswirkungen des Lockdown sieht: "Die Gäste sind traurig", nennt sie ein Motiv. In den vergangenen Monaten hat sie die Abholer in ihrem Gasthaus zumindest an vier Tagen der Woche ein wenig aufmuntern können. Donnerstags gebe es Dampfnudeln - "die gehen ja immer" -, und die Menschen seien froh, wenn sie einmal nicht selbst kochen müssten und sich bis zum Sonntag auch warme Speisen bestellen könnten.

© SZ vom 02.03.2021
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