Fußball für Kinder und Jugendliche:Integration statt Isolation

Fußball für Kinder und Jugendliche: Die Gröbenzeller Inklusionsfußballer freuen sich riesig über den Sepp-Herberger-Preis, den sie am Montag überreicht bekommen.

Die Gröbenzeller Inklusionsfußballer freuen sich riesig über den Sepp-Herberger-Preis, den sie am Montag überreicht bekommen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Gröbenzells Inklusionsfußballer werden ausgezeichnet

Von Ralf Tögel, Gröbenzell

Ehrungen sind sie mittlerweile gewohnt, die Inklusionsfußballer des SC Gröbenzell. Doch der erste Preis bei den Sepp-Herberger-Urkunden in der Kategorie Behindertenfußball ist eine Auszeichnung besonderer Güte, denn sie ist bundesweit. Am kommenden Montag wird der Verein in Berlin von der Sepp-Herberger-Stiftung ausgezeichnet. Insgesamt 13 Preisträger in den Kategorien Resozialisierung, Schule und Verein, Fußball Digital, Sozialwerk und eben Behindertenfußball erhalten neben Urkunden Geldpreise in Gesamthöhe von 45 000 Euro.

In Bayern sind die Gröbenzeller Inklusionsfußballer seit Jahren bekannt und beliebt. Die Gründung der Mannschaft geht auf Dagmar Drechsler zurück. Ihr Sohn Leonard trainierte mit Begeisterung beim TSV Hohenbrunn, wo im Jahr 2005 von Jugendleiter und Trainer Alfred Rietzler eine Spielgruppe gegründet worden war, in der Buben und Mädchen mit und ohne Behinderung zusammenspielten. Wegen der langen Anfahrt kam Drechsler auf die Idee, ob so etwas nicht auch beim SC Gröbenzell möglich wäre. Das wurde bald vom Verein mit viel Idealismus umgesetzt. Zunächst übernahmen zwei Jugendtrainer im sozialen Jahr die sportliche Leitung der Integrationsmannschaft, dann baute Mike Mezger, seinerzeit Jugendtrainer beim SCG, ein Team auf, in dem auch gehandicapte Kicker - kleinwüchsige Kinder, solche mit dem Down-Syndrom, der Bluterkrankheit oder Jungs, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt waren - zusammen Fußball spielten. Spätestens auf dem Rasen waren die Unterschiede vergessen, dann rannten und kämpften die Kinder um jeden Ball, freuten sich über Tore oder gelungene Aktionen: Integration statt Isolation. 14 Jahre ist das her, im September 2010 startete dann die erste Integrationsliga, zu der sich Mannschaften aus Gröbenzell, Hohenbrunn, Aubing oder Oberpframmern seither regelmäßig zu Turnieren treffen.

Der Bayerischen Fußballverband (BFV) nahm sich alsbald des Themas an und förderte die Initiativen der Klubs, die sich weniger in Konkurrenz denn in Partnerschaft und Freundschaft zugetan sind. Dem wachsenden öffentlichen Interesse folgten zahlreiche Auszeichnungen und Preise, die SZ-Talentiade vergab 2007 eine Sonderpreis an Rietzler und den TSV Hohenbrunn, zwei Jahre später wurden Mezger und die Mannschaft des SC Gröbenzell mit diesem Preis ausgezeichnet. Die Gröbenzeller bekamen die Preise im Übrigen von Ralph Hasenhüttl überreicht, der mittlerweile mit dem FC Southampton in der englischen Premier League engagiert ist.

Die Nähe zu den Hachingern ist geblieben, mit Präsident Manfred Schwabl und der Initiative "Haching schaut hin" gibt es eine enge Kooperation, bereits zweimal waren die Gröbenzeller Inklusionskicker als Einlauf-Eskorte beim Drittliga-Derby zwischen Haching und dem TSV 1860 München aktiv. Für den Sommer sind die nächsten Aktionen geplant. Beim SC Gröbenzell ist die Inklusionsmannschaft längst fester Bestandteil des Vereins, der momentan 650 Mitglieder hat und die Nachwuchsarbeit in den Fokus stellt. 400 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren gehen in Gröbenzell ihrem Hobby nach, bei den Inklusionskickern übernehmen Spielerinnen oder Spieler ohne Handicap oft eine Führungsrolle. "Das bedeutet aber nicht, dass sie alles allein machen und die Tore schießen", erklärt Christian Mausbach, der die Gruppe seit knapp neun Jahren als Trainer betreut. Sie brächten vielmehr die nötige Stabilität ins Spiel, "lassen andere die Tore schießen. Oder es gibt eine Tandem-Rolle, wobei die Spielerin oder der Spieler ohne Handicap sich kümmert und klare Aufgaben verteilt". Inklusionsfußball ist ein Paradebeispiel für die integrative Kraft des Sports, der Zulauf sei jedenfalls enorm, sagt der 58-Jährige: "Erfreulich ist, dass wir in jüngster Zeit zahlreiche neue Spielerinnen und Spieler in der Altersklasse sieben bis zwölf Jahre hinzugewinnen konnten." Deshalb arbeite er momentan am Aufbau eines Teams für die Jüngeren, wobei grob in über und unter 16-Jährige eingeteilt werde, oft sind es auch Geschwisterkinder, die dabei blieben. "Man muss schon darauf achten, dass die Zusammensetzung der Mannschaft zielführend ist. Man kann prinzipiell keinen Sechsjährigen gegen einen 20-Jährigen spielen lassen", erklärt Mausbach, wobei es Ausnahmen gebe. Überhaupt gebe es beim Inklusionsfußball keine festen Vorgaben, man verstehe sich bei den Turnieren mehr als "Fußballfamilie", weniger als sportliche Konkurrenz. Und der Spaß stehe sowieso an erster Stelle. Mausbach, der aus Kerpen bei Köln stammt, lebt seit 25 Jahren in Puchheim und kam vor neun Jahren zum SC Gröbenzell - wegen seines Sohnes, der einen angeborenen Herzfehler hat. "Er wollte unbedingt Fußball spielen. Das war in einem normalen Verein nicht möglich."

Nun also fährt er zusammen mit Gründungsmitglied Leonard Drechsler, der mittlerweile 23 Jahre alt ist, in die Hauptstadt, um für den Verein und die derzeit etwa 20 Aktiven die Ehrung entgegenzunehmen. Angesichts der steigenden Zahlen an gehandicapten Fußballern dürfte dieser Preis nicht der letzte für den SC Gröbenzell gewesen sein.

© SZ vom 07.03.2020
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