Fürstenfelder Veranstaltungsforum Frakturen der Gegenwart

Einen völlig neuen Anstrich vermag Julia Biel Jazz-Gassenhauern wie "Summertime" zu geben.

(Foto: Jenna Foxton/oh)

Ein beeindruckend sinnlicher Vortrag der britischen Sängerin Julia Biel

Von Jörg Konrad, Fürstenfeldbruck

Julia Biel schlägt als Sängerin (mindestens) zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen passen ihre melancholisch zerbrechlichen Songs genau in unsere Zeit. Sie gibt ihr stimmlich Ausdruck und macht die Frakturen und Verrenkungen der Gegenwart durch kleine Verschiebungen und herzergreifende Verlagerungen der Tonhöhen hörbar. Was sie singt, ist im weitesten Sinne Mainstream, ohne den anrüchigen Beigeschmack dieser breitenwirksamen Pauschalisierung zu strapazieren. Andererseits vermittelt ihre Musik eine Atmosphäre von individueller Kühle, die einem eigenwilligen, aber doch ins Ohr gehenden intellektuellem Anspruch gerecht wird. Wie jetzt im Kleinen Saal im Fürstenfelder Veranstaltungsforum zu erleben, gelingt es der Engländerin mit südafrikanischen Wurzeln, musikalisch Vertrautheit und Anspruch zu vermitteln, ohne in Routine zu verfallen.

Julia Biel hat eine Stimme, die sich unter die Haut schiebt, die die glattpolierten Oberflächen des schnöden Entertainments verlässt und in tiefere Schichten vordringt. Sie nutzt ihr Organ wie ein Instrument, kann damit Trauer und Glück modulieren, Verzweiflung artikulieren oder intimes flüstern. Ihrer hohen, berührenden Stimme verbietet sie regelrecht dynamische Ausschläge oder virtuose Akrobatik. Um an diesen Punkt zu gelangen, brauchte sie viel Erfahrung, prägende Erlebnisse und natürlich auch Favoriten, an denen man sich in Momenten künstlerischer Rückschläge wieder aufrichten kann. Eine dieser wiederbelebenden Persönlichkeiten - nicht nur in trostlosen Lebensmomenten - ist für sie die große Billie Holiday. Julia Biel sagt selbst, dass sie sich stark von ihr beeinflusst fühlt.

Und wer Lady Day erwähnt, der landet fast zwangsläufig auch bei Sarah Vaughan oder Nina Simon. Eben jenen Vokalistinnen, die nicht allein die geschliffenen Jazzinterpretinnen waren, sondern vor allem durch ihre Persönlichkeit beeindruckten. Musikalisch geht es hier eher in Richtung Blues und Soul und ein ganz klein wenig Pop. Insofern wäre natürlich auch noch Amy Winehouse zu nennen, die trotz ihrer tragisch kurzen Lebensspanne Beeindruckendes hinterlassen hat und an der jede sich ernsthaft mit Gesang beschäftigende Künstlerin einfach nicht vorbeikommt, nicht vorbei kommen kann.

Vom ersten Ton an zog die Engländerin den vollbesetzten Kleinen Saal in ein magisches Labyrinth aus Stolz und Verletzlichkeit. Ihr grandiose Stimmführung und ihre melancholische Wachsamkeit nahmen das Publikum sofort gefangen und ließen es über die eineinhalb Stunden ihres beeindruckend sinnlichen Vortrags nicht mehr los. Manchmal knisterte förmlich die Spannung ihrer Songs, manchmal bekam Bekanntes, wie der Jazz-Gassenhauer "Summertime", einen völlig neuen, originären Anstrich. Man könnte sich ein ganzes Album mit (unbekannteren) Standards von ihr vorstellen, als Erweiterung ihrer an sich schon schwer fassbaren, wie breit gefächerten Stilistik. Begleitet wurde Julia Biel von Idris Rahman (Bass) und Saleem Raman (Schlagzeug), zurückhaltend, fast schlicht, diese grandiose Stimme diszipliniert unterstützend. Insgesamt ein begeisterndes Konzert einer Sängerin, der die Zukunft gehören könnte.