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Fürstenfeldbruck:Zurück in vier eigene Wände

Aufsuchende Sozialarbeiter: Christian Erdmann und Britta Herreiner helfen Menschen in Notlagen mit Gesprächen, Rat und Tat.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ein Pilotprojekt der Herzogsägmühle will Wohnungslose in Notunterkünften aufsuchen und ihnen zu einer dauerhaften Bleibe verhelfen. Der Landkreis ist als einer von zweien in Bayern dabei

Von Ariane Lindenbach, Fürstenfeldbruck

Gemeinsam versuchen die Kommunen im Landkreis seit ein paar Jahren im Arbeitskreis Wohnungslosigkeit Lösungen für die zunehmende Obdachlosigkeit zu finden. Die bayernweit einzigartige - und offenbar erfolgreiche - Kooperation hat das Sozialministerium dazu bewogen, den Landkreis als einen von zweien in Bayern für ein Pilotprojekt auszuwählen: Aufsuchende Sozialarbeit für Wohnungslose. Seit März sind zwei Sozialpädagogen der Herzogsägmühle in Vollzeit in Notunterkünften unterwegs und bieten Beratung und Hilfe an, wie Martin Holleschovsky unlängst bei einem Pressegespräch berichtete.

Ziel der kostenlosen und vertraulichen Beratung und Begleitung in der Notunterkunft sei, gemeinsam einen Weg aus der aktuellen Notlage zu finden, die Lebenssituation zu stabilisieren und Perspektiven zu schaffen, sagt Projektleiter Holleschovsky. Den Arbeitskreis Wohnungslosigkeit der Kommunen im Landkreis, vom Koordinator für Wohnungslosigkeit, Jörn Scheuermann, vor mehr als zwei Jahren mitgegründet, hebt der Sozialpädagoge als einzigartig in Bayern hervor. "Normalerweise arbeiten die Kommunen immer gegeneinander." Denn sie sind für die Unterbringung Obdachloser zuständig - die Gemeinde, in der jemand zuletzt gemeldet war, als er seine Wohnung verlor, muss die Unterbringung organisieren und bezahlen, was oft nicht ganz billig ist. Der Landkreis hingegen muss die Beratung Obdachloser finanzieren.

Die Zusammenarbeit der Landkreisgemeinden hat laut Holleschovsky nicht nur dazu geführt, dass Fürstenfeldbruck als einer von zwei Kreisen - der andere ist Weilheim-Schongau - den Zuschlag für das Pilotprojekt unter Trägerschaft der Herzogsägmühle bekommen hat. Sie hat auch schon einige Erfolge gebracht, etwa weil durch die engeren Kontakte hin und wieder eine Wohnmöglichkeit auftaucht. Wie Britta Herreiner als eine der beiden Sozialpädagogen des Projekts berichtet, haben ihr Kollege Christian Erdmann und sie seit März einigen Menschen eine dauerhafte Bleibe vermitteln können. Das Erfolgsrezept: "Reden, reden, reden", sagt Herreiner. "Wir begleiten die Leute ja auch." Viele Vermieter hätten zunächst Vorbehalte. Dann sprechen sie und ihr Kollege mit beiden Seiten, den bisher Wohnungslosen sowie potenziellen Vermietern. Das ist immer wieder erfolgreich. Herreiner berichtet von einer jungen Frau, der sie auf diese Weise eine Wohnung verschaffen konnte. Seit 1. August hat sie wieder ein eigenes Zuhause.

"Netzwerke knüpfen", nennt Erdmann einen weiteren wichtigen Punkt. So erfahren die Sozialpädagogen beispielsweise von freien WG-Zimmern. "So etwas wird nicht inseriert", erklärt er. Wie Claudia Domke-Becker, bei der Herzogsägmühle verantwortlich für Flüchtlinge und Migranten, ergänzt, nicht alle Wohnungslosen könnten direkt in eine eigene Wohnung ziehen. Viele hätten mehrere Probleme - finanzielle, wegen einer Trennung, einer psychischen oder anderen Erkrankung, Alkohol oder Drogen. In manchen Fällen sei es zielführender, einen Platz in einem stationären Wohnprojekt zu suchen. "Manche wissen gar nicht, was sie brauchen", sagt Erdmann. Und viele wüssten nicht, wie viele Hilfsangebote es gibt.

Konzipiert ist das Pilotprojekt für zwei Jahre, es wird vom Sozialministerium finanziert - vorausgesetzt, das erste Jahr zeigt Erfolge, aber danach sieht es aus. Von 2022 an müsste der Landkreis die Kosten übernehmen, "es ist eine Anschubfinanzierung", erläutert Holleschovsky, der auf eine Weiterführung hofft. Und auf eine Ausweitung auf andere Landkreise, denn Obdachlosigkeit sei weit verbreitet, gerade im Großraum München, sagt der Sozialpädagoge. Allein in den Unterkünfte im Landkreis lebten voriges Jahr etwa 300 Menschen. "Das Problem ist natürlich, dass es zu wenig Wohnungen gibt", sagt er. Deshalb freue es ihn umso mehr, dass das Sozialministerium das Projekt bewilligte. "Wir hoffen, möglichst viele Leute aus den Unterkünften herausberaten zu können."

© SZ vom 04.08.2020

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