Fürstenfeldbruck "Zunächst hat der militärische Bedarf Priorität"

Seit September ist Brigadegeneral Michael Traut Leiter des Fliegerhorsts mit der Offizierschule. Im Interview spricht er über die Abwicklung der Liegenschaft, die Nutzung der Sportanlagen und die Rückkehr an seine eigene Ausbildungsstätte

Von Stefan Salger

Der Fliegerhorst ist wie eine Stadt am Rande der Stadt: mehr als 200 Hektar groß - 280 Fußballfelder hätten auf dem Kasernengelände Platz. 2011 hat der damalige Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière im Zuge der Bundeswehrreform bekannt gegeben, dass der Standort und damit die "Wiege der Luftwaffe" abgewickelt wird. Viele Abteilungen sind bereits abgezogen, der nördliche Bereich ist längst abgetrennt worden und zur BMW Driver Academy umgestaltet worden. Geblieben sind neben Sanitätsstaffel, Luft- und Raumfahrtmedizin sowie Geoinformationswesen noch das Bundeswehrdienstleistungszentrum, vor allem aber die Offizierschule. Knapp 1000 der 1200 Angehörigen der Luftwaffe gehören dieser bundesweit einzigen Kaderschmiede für angehende Luftwaffenoffiziere an, wiederum gut 500 davon sind Schüler. Brigadegeneral Michael Traut hat am 21. September die Leitung von Fliegerhorst und Offizierschule übernommen. Nach gut hundert Tagen im Amt blickt er zurück, zieht er eine erste Zwischenbilanz.

SZ: Der Verabschiedung Ihres Vorgängers Bernhardt Schlaak und ihrer Begrüßung wohnten auch Vertreter der Stadt bei. Haben sich die Kontakte intensiviert?

Michael Traut: Kontakte gibt es vor allem zu den Spitzen von Stadt und Landkreis, zu Bürgermeister Erich Raff und Landrat Thomas Karmasin. Mit Herrn Raff habe ich vor kurzem für die Kriegsgräberfürsorge gesammelt. Natürlich habe ich auch den Christkindlmarkt-Stand der Bundeswehr auf dem Viehmarktplatz besucht, an dem traditionell Erbsensuppe angeboten wird. Der Erlös geht an karitative Einrichtungen der Stadt Fürstenfeldbruck sowie ans Bundeswehr-Sozialwerk und an das Soldatenhilfswerk der Bundeswehr.

Sie kennen Fürstenfeldbruck seit 1985, als Sie hier selbst Offizierschüler waren. Wie hat sich die Stadt verändert?

Die Stadt ist natürlich gewachsen, was man allein schon an den Gewerbeansiedlungen ablesen kann. Die ganze Infrastruktur hat sich gewaltig entwickelt, dabei hat Fürstenfeldbruck aber seine bayerische Tradition augenscheinlich bewahrt. Die Bundeswehr hat sich in dieser Zeit aber stark verändert, allein schon wegen der vielen Auslandseinsätze. Bis heute wird immer wieder Personal entsendet, zum Beispiel ins türkische Incirlik, aber auch nach Afghanistan oder Mali.

Sie selbst waren gut vier Monate in Mazar-e-Sharif eingesetzt. Wie war diese Erfahrung für Sie?

Die Monate in Mazar-e-Sharif waren sehr spannend und eine der prägendsten Zeiten meines Lebens. Ich war dort verantwortlich für den Aufbau des Flughafens und war mit den Vorbereitungen für den Einsatz der deutschen Tornados in Afghanistan betraut. Anfang 2007 war die Bundeswehr noch nicht lange dort. Als ich zurück nach Deutschland gekommen bin, da habe ich manche angeblichen Schwierigkeiten oder Unzulänglichkeiten hier mit ganz anderen Augen betrachtet.

Brigadegeneral Michael Traut, 52, ist Leiter der Offizierschule und damit auch ranghöchster Kommandeur des Fliegerhorsts.

(Foto: Johannes Simon)

Wie stark wirkt sich der geplante Abzug der Bundeswehr vom Standort Fürstenfeldbruck heute bereits aus?

Gar nicht. Die Schule hat ihren Auftrag, den wir erfüllen. Der Ausbildungsbetrieb muss sichergestellt werden. Wir rechnen sogar mit steigenden Zahlen der Lehrgangsteilnehmer von 500 auf 600. Diese personelle Trendwende ist eine sehr erfreuliche Entwicklung und dieser Herausforderung stellen wir uns gerne. Für die Offizierausbildung in der Luftwaffe können wir immer noch unter vielen Bewerbern auswählen. Ich freue mich über die große Zahl an Lehrgangsteilnehmern, die wissen, was sie wollen und schon viel mitbringen.

Zunächst war der Umzug nach Roth für 2019 angesetzt, dann hieß es 2020. Aktuell kursieren Gerüchte, es werde 2023.

Der Planungsstand ist, dass wir nach dem Jahr 2020 nach Roth bei Nürnberg gehen. Wir werden umziehen, das ist sicher, sobald in Roth die Neubauten beziehbar sind. Seit einem guten halben Jahr wird dort das Baufeld freigeräumt, aktuell werden Versorgungsleitungen verlegt. 2017 folgt dann das erste Gebäude.

Könnte der Abzug noch rückgängig gemacht werden mit Blick auf die politische Großwetterlage?

Über die Stationierung entscheidet die Bundesministerin der Verteidigung, es gibt ein gültiges Konzept. Ich gehe nicht davon aus, dass sich daran etwas ändert.

Gibt es Interesse am Blauen Palais der Offizierschule, in welchem Zustand ist es?

Bei mir hat sich noch kein Interessent gemeldet. Innerhalb des Gebäudes kommen wir sehr gut klar, Unterrichtsinfrastruktur und Unterkünfte sind gut nutzbar. Man darf nicht vergessen, dass das Gebäude fast 40 Jahre alt ist - am 28. Juni wollen wir dieses Jubiläum gebührend feiern. Unverändert zeitgemäß ist das architektonische Konzept mit seinen kurzen Wegen. Da verliert man wenig Zeit. Aber klar, ein so großes Gebäude aus Stahl und Glas erfüllt heute zum Beispiel bei der Wärmedämmung nicht mehr alle Standards.

Wer entscheidet über die Nutzung der Shelter sowie der Sportstätten?

Entscheidungen über künftige Nutzungen der Liegenschaft werden immer gemeinsam getroffen. Das ist immer eine konzertierte Aktion, an der der militärische Bedarfsträger, also wir, sowie die Bima als Grundeigentümer und externe Interessenten beteiligt sind. Zunächst hat der militärische Bedarf Priorität. Gleichzeitig sind wir einer Mitnutzung durch andere Akteure aufgeschlossen. Das kann per Mitnutzungsvertrag über das Bundeswehrdienstleistungszentrum erfolgen, da gibt es keine grundsätzlichen Einschränkungen.

Das sogenannte "Blaue Palais" der Offizierschule.

(Foto: Johannes Simon)

Kann die Stadt einen Shelter kaufen oder mieten?

Das kann man prüfen, es muss wie jede zivile Nutzung vertraglich geregelt werden.

Die Vereine haben großes Interesse, die Sportstätten intensiver zu nutzen.

Da kommt es zu einer Abwägung zwischen militärischem Bedarf und dem Interesse, das gute Verhältnis zu Stadt und Vereinen zu pflegen. Wann immer wir die Anlagen nicht selbst brauchen, stellen wir sie gern zur Verfügung. Aber der militärische Bedarf ist da: Die Ausbildung erfordert Training und Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Wir bilden zu Übungsleitern bei der Bundeswehr aus, das entspricht dem Übungsleiterschein der Stufe C, der auch im Vereinssport nutzbar ist. Dafür brauchen wir unsere Sportanlagen. Mit Blick auf die steigenden Teilnehmerzahlen erkenne ich da nicht viel Spielraum.

Werbung für die Bundeswehr ist das MSC-Sicherheitstraining mit knapp tausend Motorradfahrern im Frühjahr. Stellt die Bundeswehr wieder Flächen bereit?

Solche großen Veranstaltungen sind für uns immer ein Kraftakt. Aber wir wollen die Organisatoren weiter unterstützen, dafür sind wir jederzeit offen. Möglicherweise müssen wir mit ihnen klären, was sie selbst zur Verfügung stellen müssen. Aber grundsätzlich sind wir an der Pflege unserer Nachbarschaft weiter interessiert.

Wie sind Ihre ersten Eindrücke hier?

So eine neue Aufgabe ist immer erst eine Steilkurve, aber nach Fürstenfeldbruck zu kommen war ein bisschen wie nach Hause kommen - zurück zu kommen an die eigene Alma Mater. Vorher in Bonn habe ich mich mit theoretischen und konzeptionellen Grundlagen der Ausbildung beschäftigt. Da ist es spannend, die Theorie hier in der Praxis weiterzuentwickeln. Diese Schule ist und bleibt eine äußerst moderne Ausbildungseinrichtung der Streitkräfte. Uns geht es nicht nur um reine Wissensvermittlung, sondern um Kompetenzen.

Haben Sie mal wieder etwas von Ihrem Vorgänger Bernhardt Schlaak gehört?

Wir sind regelmäßig im Kontakt. Ihm gefällt es ausgezeichnet im internationalen Nato-Hauptquartier in Brüssel, das Arbeitsfeld der Luftverteidigung gewinnt ja aktuell stark an Bedeutung. Ich habe den Eindruck, dass es ihm sehr gut geht.

Und Sie ziehen mit der Offizierschule um?

Wenn ich dann noch ihr Kommandeur sein darf, dann ziehe ich ganz sicher mit um.