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Fürstenfeldbruck:Von Ananas bis Zahnpasta

Bewohner des westlichen Landkreises wünschen sich mehr Einkaufsmöglichkeiten. Das hat eine Studie des Landratsamtes ergeben. Dabei gibt es dort seit vielen Jahrzehnten Läden, die so gut wie alles für den täglichen Bedarf anbieten. In vier unterschiedlich geführten Geschäften hat sich die Fürstenfeldbrucker SZ umgeschaut

Von Erich C. Setzwein, Fürstenfeldbruck

Was braucht der Mensch zum Leben? Muss es immer der Vollsortimenter sein oder würde nicht auch ein Laden reichen, in dem das Notwendigste verkauft wird? Solche Fragen stellen sich die Menschen auch im westlichen Landkreis, und sie wünschen sich beim Konsum Verbesserungen. Die Fürstenfeldbrucker SZ war dieser Tage unterwegs, um herauszufinden, wie es um die Nahversorgung im Westen bestellt ist.

Dorfladen Schöngeising

Frische Salsiccia ist schon lange im Angebot. Vier der italienischen Rohwürste liegen obenauf in der Kühltheke des Dorfladens in Schöngeising und warten darauf, von einem Feinschmecker gekauft zu werden. Für einen italienischen Abend gäbe es auch viele andere Zutaten, angefangen von der Pasta bis hin zum Wein. Das Angebot das Renate Schätzl ihren Kundinnen und Kunden aus Schöngeising, Landsberied, Kottgeisering und Grafrath im Laden der Dorfladen-Genossenschaft macht, ist umfangreich. Eigentlich hätten die Schöngeisinger keinen Grund, woanders einkaufen zu gehen als in ihrem Ort.

Eigentlich. Aber wie gefährdet Dorfläden in ihrer Existenz sind, zeigt sich immer wieder, wenn ein mit viel Liebe und Herzblut aufgebautes Geschäft wieder schließen muss. Weil entweder die Menschen im Ort den Laden aus welchen Gründen auch immer nicht annehmen oder weil das Kollektiv, das den Laden managt, nicht funktioniert. In Schöngeising gibt es kein Dreigestirn oder einen Leitungsrat oder ein anderes Führungsgremium, das sich in Dingen wie Einkauf oder Marketing zerstreiten könnte. Dort gibt es seit sieben Jahren Renate Schätzl. Die 56-Jährige ist Vorsitzende der Genossenschaft und Geschäftsführerin sowie die einzige angestellte Vollzeitkraft des Dorfladens. Ihr helfen, wenn es nötig ist, wie etwa beim Umbau vor zwei Jahren, viele Freiwillige, und im Tagesgeschäft sind etwa 20 Teilzeitstellen besetzt. "Wir sind ein freier Laden", sagt Schätzl nicht ohne Stolz.

Frei auch deshalb, weil sich die Genossenschaft den Großhändler und die Betriebe aussuchen kann, bei denen sie einkauft. Das Grundsortiment kommt vom Rewe-Konzern, aber das Brot und die Backwaren von der Bäckerei Drexler aus Jesenwang. Das mit Rewe hat eine lange Vorgeschichte, war vor dem Dorfladen doch ein Rewe-Nahkauf dort. Das war auch der Grund, warum vor mehr als zwölf Jahren der Wunsch vieler Schöngeisinger umgesetzt wurde, wieder einen Laden für die Nahversorgung zu haben. Nicht zuletzt die Gemeinde hat ein Interesse daran, dass der Laden läuft. Als im vergangenen Jahr umgebaut werden sollte, wurde Geld verwendet, mit dem die Gemeinde ihren Anteil im Jahr zuvor aufgestockt hatte. Dass es nicht exorbitant teuer wurde, hat auch damit zu tun, dass Renate Schätzl von Rewe ausgemusterte und überholte Kühlschränke und eine Kühltheke günstig erwerben konnte.

Unter den Kunden, sagt die Chefin, seien viele ältere Menschen, die von dem Überangebot in den großen Supermärkten überfordert seien. Dann gibt es noch jene, die lieber die regional erzeugten Lebensmittel haben wollten, und schließlich die mehr als 300 Anteilseigner, die in "ihrem Laden" einkaufen.

Brotzeitladen in Mittelstetten

Ein Klingelton lässt Tanja Bodin zum Backofen schauen. Die Brezen sind fertig. Mit schützenden Fäustlingen holt sie das Blech mit den reschen Brezen aus dem Ofen und trägt es an die Theke. Dort wartet schon Ernst Presser auf seine Bestellung. Die Brezen hat die Chefin des Brotzeitladens in Mittelstetten auf Bestellung des früheren Bürgermeisters gebacken. Das ist vielleicht eine Viertelstunde her, jetzt bekommt der Mann, der seinerzeit die Initiative für die Wiederbelebung des Lebensmittelladens ergriff, die "heiße Ware" - und schenkt gleich zwei Brezen den beiden SZ-Reportern.

"Wir sind zufrieden, dass es den Laden gibt", sagt Presser für alle Mittelstettener, die genauso denken. In seiner ersten Amtszeit hat er die Idee angestoßen und die Bankkauffrau Tanja Bodin gebeten, den Laden zu führen. 15 Jahre macht die heute 47-Jährige das nun, und die Lust und die Leidenschaft, die sie daran immer noch hat, ist ihr anzumerken. Kaum ein Kunde, der nicht geduzt würde. Als wären alle aus einem großen Freundeskreis, die in ein gemütliches Wohnzimmer kommen, das mit allem, was ein Haushalt zum Leben braucht, ausgestattet ist. Und wenn es nur dann ist, wenn beim Großeinkauf im nächsten größeren Ort ausgerechnet die Hefe vergessen wurde. In Tanja Bodins Kühlschrank mit der frischen Vollmilch und dem Topfen findet sich auch das Packerl Hefe.

In den vergangenen Monaten hat die lebhafte Geschäftsfrau nicht alle ihrer Kunden gesehen. Corona schreckte die Menschen ab, aus dem Haus zu gehen. Wegen der staatlichen Restriktionen durfte sie im und vor dem Laden nichts servieren. Bodin hat für ihren Brotzeitladen eine Gaststättenerlaubnis, sie darf Bier verkaufen. Wie Gasthäusern und Hotels auch, fehlt ihr nun der Umsatz der Lockdown-Wochen. Als es wieder zugelassen wurde, kam auch wieder der kleine Stammtisch jeden Freitag zusammen, das Gefühl, einer Dorfgemeinschaft anzugehören, fand sich wieder ein.

Tanja Bodin kennt ihre Kunden, sie weiß, welche Zigarettenmarke jemand raucht, und auch wenn er es nicht ausdrücklich sagt, legt sie die Packung zur Brotzeittüte. Die belegten Semmeln und die frischen Brezen machen einen guten Teil des Umsatze aus. Auf der Theke gibt es selten gewordenen Süßkram. Kaugummizigaretten zum Beispiel, die aber nicht mehr so heißen dürfen, aber auch als "Sticks" jener Generation sofort ins Auge fallen, die sie damals schauspielend gepafft hat. Und sie hat Zeitschriften im Angebot, wie sie oft nur in gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen vorrätig sind. Dazwischen finden sich Blätter wie "Mein Bekenntnis" oder "Wahre Gefühle", Produkte aus der Yellow Press, die auch ihre Abnehmer in Mittelstetten haben.

Nah und Gut in Landsberied

Zum Großeinkauf kommt selten jemand in den Laden von Franz Förg. "Dreistellige Rechnungsbeträge sind selten", sagt der 55-Jährige. Wobei es schon vorkomme, wenn ein Kunde für eine Feier einkaufe und zum Beispiel viel für Getränke ausgibt. Von denen findet sich in dem Laden an der Hauptstraße 7 ein reichhaltiges Sortiment in den Regalen und im hinteren, erweiterten Teil des Ladens. Ein richtiger kleiner Getränkemarkt ist dort entstanden, wer mehr Auswahl möchte, müsste weit fahren. Aber Förg hat nicht nur das ganze Grundsortiment, das er von seinem Großhändler Edeka bezieht, er betreibt auch einen "Postpoint" und - eher selten - er nimmt Kleidung für die chemische Reinigung an. Damit wird Förgs "Nah und gut", wie der Laden heißt, zum Universalgeschäft.

Wer in Landsberied einkaufen gehen will, kann das zu Fuß erledigen oder mit dem Fahrrad. Freilich gibt es auch für die Kunden, die mit dem Auto kommen, einen kleinen Parkplatz vor der Eingangstür. Meist sind es Arbeiter, die kurz stehen bleiben, um sich eine Brotzeit zu holen. Morgens schon steht Förg hinter der Theke und bereitet belegte Semmeln vor. Die Backwaren hat er von der Bäckerei Drexler aus Jesenwang. Und wenn der erste Schwung verkauft ist, macht er später seinen Brotzeitkunden jede Semmel einzeln. Auch aus dem Gewerbegebiet kommen stets einige Beschäftigte vorbei.

Es ist der persönliche Kontakt auch in Zeiten der Gesichtsvermummung, der den Reiz in diesem Geschäft ausmacht. Man kennt sich, und Förg weiß, was seine Kunden gerne kaufen. Auch seine Vorfahren haben in dem Haus schon verkauft, so kurz nach dem Ersten Weltkrieg gab es ein kleines Angebot. Franz Förg hat den Supermarkt von seinen Eltern 1986 übernommen und zwei Mal umgebaut und erweitert. Vor zehn Jahren kam etwa das Getränkelager im hinteren Teil des Ladens dazu. Praktischerweise können die Kunden die Getränkekisten über den hinteren Ausgang ins Auto schaffen.

Eltern, die jetzt zum Schulbeginn noch das eine oder andere Heft für ihr Kind benötigen oder Malsachen, finden auch das bei Förg. Und wer abends einen draufmachen will, aber kein Haargel mehr im Badezimmer findet, greift im Supermarkt vielleicht zur Tube "Brisk". Die Dosenravioli sind blickgünstig im Eingangsbereich platziert, auch die fleischlose Sorte ist vorrätig. Und auf Augenhöhe der Kinder liegen die Hefte, die von einer durchsichtigen Folie umhüllt sind und in denen sich Spielzeuge befinden. So können kleine Landsberieder in die Welt von Robin Hood eintauchen und finden in der gleichnamigen Zeitschrift eine Plastik-Armbrust zum Zusammenbauen. Früher standen dort sicher auch Wundertüten mit aus heutiger Sicht ganz wunderlichem Inhalt.

Backhäusl in Hattenhofen

Liebhaber früher Öffnungszeiten kennen das Backhäusl an der Valesistraße in Hattenhofen. Macht Rosi Huber doch schon um sechs Uhr auf. Dann zieht der Duft von frisch Gebackenem über den Parkplatz. Nein, Rosi Huber backt nicht selbst dort, das erledigt die Konditorei von Thomas Löffler in Türkenfeld. Hattenhofen ist eine der vier Filialen des Stammgeschäfts in Türkenfeld, und dort gibt es von Dienstag bis Sonntag nicht nur Semmeln, Brezen, Brot, Gebäck und Kuchen zu kaufen, sondern die Kunden können auch aus einem Grundsortiment die Produkte für den täglichen Bedarf bekommen. Butter und abgepackte Wurst sowie Milch in der Kühlung, Mehl, Zucker, Tee und Kaffee sowieso. Seit 22 Jahren gibt es die Filiale, zum Jubiläum hat man eine große 20 auf die Fassade des kleinen Häuschens gepinselt.

Wer im Backhäuls am frühen Vormittag vorbeikommt, nimmt neben einer Brotzeit auch Zigaretten und eine Zeitung mit. Und weil Rosi Huber so früh aufsperrt, geht die Kundenfrequenz auch schon von zehn Uhr an merklich zurück. Dann haben sich die Hattenhofener eingedeckt, die Arbeiter haben sich ihr Essen für die Pause geholt. "Man kennt die Leute", sagt Huber, die seit elf Jahren im Backhäusl arbeitet. Der Laden ist leicht überschaubar, vielleicht 40 Quadratmeter groß, aber vom Öllicht fürs Grab bis zum weichen Toilettenpapier ist alles vorhanden, auch für die vielen Neukunden der vergangenen Monate. Sehr zu schätzen wissen die Hattenhofener, dass sie auch am Sonntag von acht bis elf Uhr in der Valesistraße frische Semmeln und Brezen bekommen.

© SZ vom 10.09.2020

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