Süddeutsche Zeitung

Serie: Altes Handwerk, heute noch gefragt:Versunken im Klang

Klavierbauer Peter Schinköthe hat sein Leben ganz seinen beiden großen Leidenschaften verschrieben: dem Holz und der Musik. Er hat die Flügel der Berliner Philharmonie gestimmt und kümmert sich heute um die Klaviere von sechs Musikschulen im Umkreis von München

Mehr als siebentausend Einzelteile hat ein Klavier - und fast ebenso viele Geschichten hat Klavierbauer Peter Schinköthe auf Lager. Etwa die von der Berliner Studentin, die sich ihre winzige Wohnung mit einem Stuhl und einem Flügel teilte. Ein Klavierstimmer, den sie geholt hatte, musste wieder abrücken - er war zu füllig. Dann läutete der drahtige Schinköthe an der Tür und traute kaum seinen Augen: "Ich musste durch ihr Bett klettern." Die Studentin schlief auf einer Matratze unter dem Klavier.

Die Geschichte ist ein paar Jahre her. 1989 wechselte Schinköthe vom Berliner Klavierhaus Klatt, seiner zweiten Station nach der Klavierbauerlehre in Bayreuth, zur Firma Vogel in Ottobrunn. Statt der Hochschule der Künste, der Deutschen Oper und der Berliner Philharmonie sind heute vor allem Musikschulen rund um München und Privatleute seine Auftraggeber. Er betreut unter anderem die Musikschulen in Vaterstetten, Wolfratshausen, Grafing-Ebersberg und Ottobrunn.

Seit 34 Jahren ist der Mann mit dem rotblonden Schnauzbart im Dienst der Musik unterwegs. 1981 hat der in Hof an der Saale geborene Franke eine Lehre beim Bayreuther Klavierhaus Steingräber begonnen - und dafür eine Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker ausgeschlagen. Aber der Klavierbaubetrieb suchte gerade einen Lehrling, und der junge Schinköthe hatte die Liebe zu Holz und Musik im Blut. Bei Steingräber baute er zehn Jahre später sein Meisterstück: ein Klavier aus Kirschbaum. Seit etlichen Jahren wohnt er nun in Egmating und das Piano steht zugedeckt in seiner Kellerwerkstatt, die mit Werkbänken, Maschinen und Regalen vollgestellt ist. In sein Allerheiligstes lässt er nur selten jemanden hinein. Hier kann er mithilfe einer selbst gebauten Stahlkonstruktion die schwere Gussplatte aus einem Konzertflügel heben oder einer ramponierten Flügeldeckplatte eine neue Schellackpolitur verpassen - ein komplizierter Vorgang, den nicht viele Klavierbauer beherrschen.

Auch das Innenleben eines Klaviers ist eine Herausforderung. Bis die Mechanik für 88 Tasten auseinander genommen und wieder zusammengesetzt ist, das dauert und kostet Kraft. "Der Gussrahmen eines Flügels muss der Zugkraft von 230 Stahlsaiten standhalten", erklärt der 53-Jährige. Jeweils drei Saiten bilden die Töne in Diskant und Mittellage, ein oder zwei Saiten jene im Bass. "75 Kilo Zugkraft im Schnitt hat so eine Saite", sagt Schinköthe, "das entspricht 18 bis 20 Tonnen insgesamt."

2001 hat er sich als Klavierbauer selbständig gemacht, außerdem drechselt der Franke, der auch als Schreiner gearbeitet hat, Holzgriffe für Stimmhämmer. Ein bis zwei Stunden könne es dauern, ein Klavier zu stimmen, "nichts hat der Stimmer so lang in der Hand wie seinen Hammer". Da muss der Griff gut in der Hand liegen, um Belastungsprobleme zu vermeiden. Birnenförmig oder schmal, aus Olive oder Cocobolo, dunklem Veilchenholz oder rotbraunem Ipé sind die Griffe, und weil der Hammer extrem verwindungsstarr sein soll, unterzieht Schinköthe die Griffe einer Spezialbehandlung. Sie werden poliert und in Form gebracht, damit sie ihre sehr spezielle Oberflächenstruktur und Haptik bekommen - poliertem Marmor ähnlich, nur wärmer. Das Holz für die Stimmwerkzeuge, die Schinköthe bis nach Japan verkauft, lagert in einem fast deckenhohen Regal. Von kleinsten Proben süßlich duftenden Sandelholzes über helle Weißbuche, aus der die Anschlaghämmerchen im Klavier gemacht sind, bis hin zu den mächtigen Resten einer alten Birke aus dem Garten einer Kundin. Aus Schubladen zieht er Muster von Filzsorten hervor, die zur Abdämpfung der Tastenmechanik dienen, und solche, die, über den Klanghammer gespannt, den typischen Klopfton des Klaviers erzeugen. Aber wehe, der Filz ist abgenutzt, erklärt er und nimmt ein Hämmerchen hoch, in das sich tiefe Rillen eingegraben haben: "Dann wird die Obertonreihe kleiner, der Ton unreiner." Und der schöne Klang ist dahin. Weshalb der erste Blick des Klavierbauers nach dem Abheben der Deckplatte zu den Filzhämmerchen geht, bevor er sich die Stimmwirbel vornimmt.

Jedes Mal, wenn der metallene Kopf des Stimmhammers auf so einen Wirbel trifft, ertönt ein dumpfes Klopfen, das durch den Resonanzboden des Klaviers verstärkt wird. Kleinste Drehungen verändern das C, das A oder Gis. In winzigsten Nuancen werden die drei Saiten pro Ton moduliert. Intonieren nennt das der Fachmann. Erst das Zusammenspiel der Saiten ergibt den Klangcharakter eines Klaviers. Abgesehen vom Volumen des Resonanzkörpers, der Saitenlänge und ganz speziellen Merkmalen, die den Steinway vom Bösendorfer, den Flügel vom klassischen Piano unterscheiden. "Ein Klavier ist aus Holz, und sobald Holz im Spiel ist, ist ein Instrument ein Individuum", sagt Schinköthe. "Genau wie die Person, die darauf spielt."

Und so hört er ganz genau auf die Worte seiner Kunden, bevor er den Hammer an die erste Saite setzt. Der eine spricht vielleicht von Klarheit des Klangs, der andere von romantischem Timbre, einen brillanten Ton will der eine, einen weichen der andere. Das Stimmen könne man lernen wie das Fahrradfahren, sagt Schinköthe, "das absolute Gehör ist dafür nicht nötig". Doch ob ein Stimmer sein Handwerk versteht, zeige sich erst, wenn der Kunde ihn das nächste Mal wieder ruft. "Die Stimmung ist abhängig vom Tag, vom Luftdruck", sagt er. "Ich stimme intuitiv: im Frühjahr anders als im Herbst, im Sommer anders als im Winter."

Und dann packt er noch ein paar seiner Geschichten aus. Für den Rocksänger Lenny Kravitz habe er einmal während eines Soundchecks den Flügel stimmen müssen, mitten in der Kakofonie aus pfeifenden Verstärkern, jaulenden Gitarren und brüllenden Technikern. "Irgendwie hat alles am Ende gepasst", erinnert er sich. Während er für das Klavier des Songwriters James Blunt gerade 20 Minuten Zeit hatte. "Mach ich schon, habe ich gesagt, aber nur für den doppelten Preis." Er grinst. "Das Geld habe ich bekommen."

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SZ vom 11.01.2016
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