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Verkehr in Fürstenfeldbruck:Brucks Plan B

Die Kreisstadt lässt Daten erheben, Autofahrer befragen, Radfahrer zählen und Wünsche notieren. Die Präsentation der Zahlen sowie ein Bürger-Workshop sind Meilensteine auf dem Weg zu einem nachhaltigen Verkehrskonzept

Wer besser werden will, muss wissen, wo er überhaupt steht: Besser werden will Bruck vor allem, wenn es um den Umstieg vom Auto auf Rad oder Bus geht. Oder noch grundsätzlicher: wenn es darum geht, die Belastung der Einwohner durch den Autoverkehr zu reduzieren. Die Kreisstadt will gegensteuern mit einem Verkehrsentwicklungsplan. Am Montag sind vor etwa hundert Besuchern in Fürstenfeld die Ergebnisse von Erhebungen und Befragungen vorgestellt worden und Bürger konnten Visionen für den Verkehr von morgen formulieren.

Im Verkehrsentwicklungsplan sollen alle Verkehrsmittel berücksichtigt werden: Bahn, Bus, Auto und Fahrrad, bei Bedarf aber auch Ruftaxi oder Car- sowie Bikesharing. Und natürlich die Fortbewegung ganz ohne Verkehrsmittel, also auf den eigenen Beinen. Die vor drei Jahren vom Verkehrsausschuss beschlossene und auf insgesamt 400 000 Euro veranschlagte Ausarbeitung eines optimierten Verkehrskonzepts soll nicht über die Köpfe der Bürger erfolgen. Das macht auch die Brucker Mobilitätsmanagerin Montserrat Miramontes noch mal deutlich. Man sei dabei "schon sehr weit". Die Daten sollen in Verbindung mit den vorgebrachten Wünschen Erkenntnisse bringen, wo sich der Ausbau von Rad- und Fußwegen sowie öffentlicher Verkehrsmittel lohnt und wo Autos möglicherweise eingebremst werden müssten. Die Präsentation ist Beleg dafür, dass die Fachbüros viel Aufwand treiben. Auch wenn sich aus den Zahlen, die Verkehrsplaner Michael Kunz vom Münchner Büro Gevas im Säulensaal vorstellt, noch nicht allzu viel ableiten lässt. Denn es gibt keine Vergleichszahlen aus den Vorjahren oder von ähnlich großen Kommunen. Schwierig wird es allein schon wegen der Umstände der Datenerhebung. So war ein Teil der ersten "Kordonbefragung" im Frühjahr 2018 von Autofahrern an den Ausfallstraßen abgebrochen worden - die Polizisten, die die Straße einseitig gesperrt hatten, wurden zu einer spontanen Demonstration von Asylbewerbern vor dem Rathaus abgezogen. Nachgeholt wurde der fehlende Befragungstag dann viele Monate später. Und die Radfahrer wurden in den Sommermonaten gezählt, woraus sich aber nur bedingt eine Jahresdurchschnittszahl ableiten lässt - weil im Winter viel weniger Radfahrer unterwegs sind.

Linienbusse

So schaut's aus: Fußgänger oder Radfahrer scheinen auf dem Fürstenfeldbrucker Marktplatz buchstäblich unter die Räder zu kommen. Auf beiden Seiten der Fahrbahn gibt es immerhin schon Sicherheitsstreifen für Fahrradfahrer.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Bestätigt wurde durch die Erhebungen immerhin der Eindruck, dass die meisten Stadtviertel gut angebunden sind ans Bussystem - auch wenn Besucher an Wochenenden noch Luft nach oben sehen. Die nächste Haltestelle ist in der Regel nicht weiter als 500 Meter entfernt und es gibt tagsüber und unter der Woche meist mindestens einen 15-Minuten-Takt. Im Radwegenetz freilich klaffen noch große Lücken - darauf weisen der ADFC und das Verkehrsforum FFB auch immer wieder hin.

Die meisten der statistisch täglich 3,51 Fahrten werden innerhalb Brucks oder über die Stadtgrenze hinaus weiterhin mit dem Auto zurückgelegt. Mit 46 Prozent als Fahrer oder Mitfahrer liegt die Kreisstadt in etwa auf dem bundesweiten Durchschnittsniveau. Gleiches gilt für den öffentlichen Nahverkehr (13 Prozent) sowie den Anteils, der auf Fußgänger und Radfahrer entfällt (40 Prozent).

Etwa jeder dritte zurückgelegte Weg beginnt und endet in Bruck. Jeweils etwa ein Viertel entfällt dabei auf die Bereiche Freizeit, Arbeit und Einkauf. Durchaus interessant ist auch die Aufteilung des reinen Autoverkehrs: Fast zwei Drittel dieser Fahrten beginnen oder enden in Fürstenfeldbruck, jede fünfte Fahrt beginnt und endet in der Stadt - und ebenfalls jede fünfte Fahrt führt als reiner Durchgangsverkehr an der einen Seite hinein und an der anderen wieder hinaus. Im Ergebnis kommt es vor allem im Zentrum mit 19 000 Autos pro Tag oder auf der Fürstenfelder Straße (17 000) immer wieder zu Staus, wie dies auch ein Besucher nüchtern konstatiert.

Gebhard Wulfhorst, Professor für Siedlungsstruktur und Verkehrsplanung an der TU München, erläutert im Workshop die Themenbereiche.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In der Mobilitätswerkstatt können 60 Teilnehmer ihren Gedanken freien Lauf lassen. Kerstin Knuth von Greencity Experience ermuntert dazu, sich nicht im "Kleinklein" zu verlieren, sondern ein "bigger Picture" zu entwerfen. Da darf sogar das Flugtaxi als Verkehrsmittel genannt werden. Die Besucher bekennen sich zu den öffentlichen Verkehrsmitteln und alternativen Antrieben, erteilen aber dem Radverleih und auch der Nutzung von Mitfahrgelegenheiten eine Abfuhr. Das sei eben auch ein subjektives Stimmungsbild einer begrenzten Zahl von Besuchern, relativiert Kerstin Knuth am Tag darauf. Der Prozess geht weiter, und in den nächsten Workshops wird es darum gehen, aus Daten, Wünschen und Visionen erste Konzeptentwürfe zu entwickeln.

Die nächsten Mobilitätswerkstätten sind geplant für den 31. März (Ziele/erste Maßnahmen) sowie für den 22. September (konkrete Maßnahmen). Weitere Informationen unter brucker-stadtgespraeche.de/verkehrsentwicklungsplan-ffb