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Fürstenfeldbruck:Unvereinbar gegensätzlich

Der Schriftsteller Ulrich Seibert und Fee Dürr tauschen in einer Aufzeichnung des Life-Studios Argumente für und wider die aktuelle Corona-Politik aus

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Können Gegner und Befürworter der Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie friedlich miteinander sprechen, wollte die Initiative Brucker Brücke herausfinden. Wie das geht, haben Fee Dürr, die Kundgebungen in Olching gegen die Maßnahmen organisiert, sowie der Schriftsteller Ulrich Seibert aus Germering bei einer Sendung des Life-Studios FFB gezeigt, die am Freitag auf der Homepage der Initiative gezeigt wurde. Dazu trug bei, dass sich Seibert weniger zur Pandemie und deren Folgen äußerte, als die Parteien verurteilte, die seiner Meinung nach alle eine neoliberale Politik verfolgten. "Ich bin voll bei Ihnen", sagte Dürr und erzählte, dass sie einige Jahre bei Attac aktiv gewesen sei. Das Zwiegespräch fand bereits vor einer Woche statt und war aufgezeichnet worden.

Dürr begann mit dem Vorwurf, die Maßnahmen der Regierung seien "überzogen". Sie halte die Gefahr, die von dem Corona-Virus ausgehe "für nicht so schlimm, wie sie dargestellt wird". Insbesondere stört sie die Maskenpflicht, von der sie persönlich befreit sei, aber überall angesprochen werde und ihr Attest vorzeigen müsse. Ein weiterer Vorwurf der Vertreterin der Amperfeen, die seit Frühjahr 2020 in Olching regelmäßig protestieren, lautet, die Demokratie und das Grundgesetz seien ausgehebelt worden. Die Bürger könnten nicht mitreden. Stattdessen würden Kritiker diffamiert, insbesondere von der Presse, und es finde "eine sehr starke Zensur" in den sozialen Medien statt.

Von Anfang an hätten Wissenschaftler und Ärzte dem Robert-Koch-Institut und dem Virologen Christian Drosten widersprochen. Es würden Studien fehlen und die Daten nicht real wiedergegeben. Dürr forderte, dass Gegenpositionen berücksichtigt werden. "Wir fordern den Expertendiskurs", sagte Dürr. Namentlich führte sie den Mikrobiologen Sucharit Bhakdi an. Dessen Buch "Corona Fehlalarm?", das er zusammen mit seiner Frau Karin Reiß im Juni publiziert hat, wurde bei Faktenchecks von Wissenschaftlern auseinandergenommen. In dem Werk heißt es, die Epidemie habe Anfang/Mitte März 2020 ihre Höhepunkt schon überschritten gehabt. Noch bevor ein Impfstoff in Sicht war, prophezeite das Ehepaar: "Schon jetzt lässt sich sagen, dass der Schaden einer Corona-Impfung größer sein würde als jeder denkbare, potenzielle Nutzen."

Seibert hielt dagegen, dass es den "Separatisten", wie er die Querdenker nannte, an gesundem Menschenverstand mangele. Dass abweichende Meinungen ausgegrenzt würden, habe auch mit den Inhalten zu tun. Als Beispiel nannte er einen Kunden, der im Baumarkt zwei Produkte für 380 Euro kauft, aber an der Kasse statt zu bezahlen 160 Reichsmark haben wolle. Wer sich so aus Konventionen und der Mathematik verabschiede, brauche sich nicht wundern, wenn er ausgegrenzt werde, sagte Seibert. Die Einschränkung von Grundrechten, die Dürr monierte, sei "sinnvoll", weil das Corona-Virus eine Gefahr für viele Menschen darstelle, auch für solche im besten Alter.

Schäden durch die Corona-Maßnahmen führte Seibert auf eine neoliberale Politik zurück, die von CDU/CSU, FDP, aber auch SPD und Grünen sowie Teilen der Linken vertreten werde. Darum bekäme die Lufthansa neun Milliarden Euro oder die Autokonzerne in den Genuss von Kurzarbeitergeld, während der Staat "die Kleinen und die Selbständigen absaufen" lasse. Die schlimmste neoliberale Partei sei die AfD, rügte der Germeringer Autor und warf den Querdenkern vor, "rechtsoffen" zu sein, was Dürr zurückwies. Auf Kundgebungen würde sie "keine Reichsflaggen" tolerieren. Sie betrachte sich auch nicht als Querdenkerin, weil in dieser Bewegung "an manchen Stellen" eine "zu geringe Abgrenzung" stattfinde. Die AfD würde sie nie wählen, der Flügel sei rechtsextrem, aber die Partei insgesamt würde sie so nicht einstufen. Seibert widersprach. Wer sich rassistisch äußere, sei rechtsextrem. Die Einstufung der AfD als rechtsextrem stamme vom Verfassungsschutz.

© SZ vom 22.02.2021
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