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Fürstenfeldbruck:Tragbare Luxusbekleidung

Sein Pelzgeschäft hat Kürschnermeister Wolfgang Lastner erfolgreich durch kritische Zeiten in die Moderne geführt

Von Christian Hufnagel, Fürstenfeldbruck

Zwei Models stehen an einem Säulenportal, drehen dem Betrachter kokett Seite und Rücken zu. Was sie mit einem leicht überlegenen Lächeln präsentieren, hat zweifelsfrei seinen Wert und dürfte ebenso begehrt wie für viele unerschwinglich sein. Die Mannequins führen Pelzmäntel vor, so wie sie das Klischeebild vermutlich bis heute gerne zeichnet: Längsgestreift fällt der Nerz schwer bis fast zu den Knöcheln, hüllt den Körper vollständig ein. Ein ewiger Frauentraum? "So etwas machen wir längst nicht mehr", sagt Wolfgang Lastner, zeigt auf das Werbefoto aus den Achtzigerjahren und blättert in der Foto-Chronik noch ein wenig weiter zurück.

Bis zu einem Schwarz-Weiß-Bild, das den Laden zwar fast düster, aber in jedem Fall edel-gediegen in Erinnerung behält. Dazu Pelze, die so dicht gedrängt an der Stange hängen, dass man die Enge in diesem Verkaufsraum fast zu riechen glaubt. Die Pelze seien großflächig und schwer gewesen, die Aura mondän, kommentiert der Geschäftsinhaber diese Fotos und klappt das Album zu: "Aber das ist vorbei. Wir brauchen keine Statussymbole mehr."

Wenn es um die Geschichte dieser Bekleidungsart und vor allem auch deren Wandel geht, findet sich in dem 59-jährigen Geschäftsmann dafür ein profunder Gesprächspartner. Lastner führt "Pelz-Leder Berchtold" in Fürstenfeldbruck in der dritten Generation. 1945 war die Firma von seinem Großvater Josef Berchtold gegründet worden. 1994 übernahm dessen Tochter Edeltraud Lastner den Betrieb, den sie 1995 an ihren Sohn weitergab, der nicht nur Kürschner-, sondern auch Innungsmeister ist und der nicht zuletzt in dieser Funktion unermüdlich aufzuklären versucht. Es sei über sein Handwerk schließlich "sehr viel Halbwissen im Umlauf".

Mit einer falschen Vorstellung wird sodann gleich konfrontiert, wer den Laden in der Augsburger Straße betritt. In dem lichtdurchfluteten Schauraum sucht man auf den ersten Blick den Pelz eigentlich vergeblich. Der Kunde erkennt vielmehr eine große Auswahl an Jacken und Mäntel aus Leder oder Stoff, die den Pelz mehr als Akzent und Accessoire tragen, wie aufgenähte Taschen aus Kanin oder Kragen in Samtbisam veranschaulichen.

Ein anderes Beispiel ist ein Baumwollparka mit Nerzbesatz in der Kapuze und einer dazu passenden Weste im Materialmix. Mit dieser Kombination gewann Lastner bei einem internationalen Design-Wettbewerb des deutschen Kürschnerhandwerks eine Goldmedaille, im Übrigen bei weitem nicht seine einzige Auszeichnung. Und die Bewertungskriterien der Jury sind zugleich auch Maximen seines Arbeitens: nämlich Funktionalität, Leichtigkeit und beste Verarbeitung zu vereinen. So wird auch deutlich, warum sich der Fürstenfeldbrucker als Jugendlicher für dieses Handwerk entschied. Er liebt bis heute dessen "Vielseitigkeit". Er fühlt und sieht sich als "Modedesigner".

Und die ganz edlen Pelze? Verarbeitete Felle von Exoten wie Luchs, Jaguar oder Leopard bekommt man bei ihm natürlich nicht zu sehen. Das verbieten ja schon diverse Artenschutzabkommen. Über solche Erwartungen muss der Brucker Kürschnermeister dann auch nur schmunzeln, um aber gleich ernst zu werden: "Es gibt zum Thema Pelz leider viele Lügen und Unwahrheiten, die dazu führen, dass sich größtenteils falsche Meinungen gebildet haben." Da blickt Lastner zunächst auf die Zeit vor vier Jahrzehnten zurück, als es Tierschützer mit dem Slogan "Lieber nackt als Pelz" seinem Berufsstand schwer machten. Dem hält der Geschäftsmann auch heute noch entgegen: Die Behauptung sei falsch, dass Tiere ausschließlich für die Pelzindustrie getötet würden. Das gelte auch für jene Ansicht, dass jede Art von Pelzkleidung mit grausamen Tierqualen und Tierleid verbunden seien.

"Die Realität sieht vollkommen anders aus", betont der Kürschnermeister und verdeutlicht, für was das von ihm gegründeten Modelabel "Webprefur" steht: Alle Felle stammten aus regionaler, waidgerechter Jagd. Jahr für Jahr fielen diese in großen Mengen an: "Es wäre unvernünftig, diese nicht zu nutzen", sagt Lastner. Zudem gibt es auch noch die Fellarten, die Nebenprodukt der Fleischproduktion sind. Dazu gehören Lamm, Schaf, Ziege und Kanin. Hier hält es der 59-Jährige für "moralisch vertretbar und auch ethisch völlig bedenkenlos", das Leder und auch das Fell der Tiere zu verwerten.

Folgt man seinen Ausführungen, dann hat die Akzeptanz gegenüber dieser gehobenen Art des Kleidens wieder zugenommen. Die Anfeindungen gehörten der Vergangenheit an. Im 75. Jahr des Bestehens seines Pelzladens liefen die Geschäfte normal, selbst in Zeiten der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen. Aber einen Pelz kauft man sich natürlich nicht im Vorbeigehen, wenngleich er "keine Wertanlage mehr darstellt", wie der Kürschner bekräftigt. Er lebt also nicht von Laufkundschaft. Zwei bis vier Besuche und Beratungen könnten schon zusammenkommen, bis sich ein Kunde zum Kauf entschieden habe. Das sei normal. Kein Wunder vermutlich bei der Höhe der Investition. Die Hauptpreislage taxiert Lastner auf 1000 bis 2500 Euro. Nach oben gebe es keine Grenzen.

Gewandelt hat sich auch das Alter der Kunden. Früher sei das bei "60 plus" gewesen. Heute fänden auch junge Leute zu ihm. Wie eine 19-Jährige, die den Pelzmantel ihrer Oma erbte. Diesen hat der Brucker Kürschnermeister zu einem schwarzen Parka mit gerupftem Nerz umgearbeitet. So ist ein schwerer großflächiger Luxusmantel - einer wie jener der Mannequins aus den Achtzigerjahren - zu einem tragbaren modernen Kleidungsstück geworden.

© SZ vom 24.11.2020
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