Das Paket ist mit grauen Klebebändern umhüllt und steht vor dem Tierquartier. Ausgerechnet auf dem Spendentisch. Beinahe zynisch muss sich das kürzlich für Andrea Mittermeir und ihre Kolleginnen angefühlt haben, als sie das Paket am Morgen vorfinden und öffnen. Darin: Leben. Eine Katzenmutter mit ihren vier Jungen. Ausgesetzt mit dem unausgesprochenen Appell an die Tierschützer, sich zu kümmern.
Ein Tier auszusetzen ist laut Tierschutzgesetz verboten und kann ein Bußgeld zur Folge haben. Und hier setzt sie schon ein, die „emotionale Erpressbarkeit“, die Tierschützer regelmäßig bei sich selbst erleben. Natürlich kümmern sie sich. Und das, obwohl das Tierquartier der „Allianz der Tier- und Naturfreunde“ im Maisacher Ortsteil Überacker schon vor über einem Jahr einen Aufnahmestopp verhängt hat: zu viele Tiere, zu wenig Platz, zu baufällig die Einrichtung.
Die Allianz der Tier- und Naturfreunde ist einer von vier Tierschutzvereinen im Landkreis Fürstenfeldbruck, jeder hat einen anderen Standort. Ein zentrales Tierheim wie anderswo gibt es nicht, obwohl es irgendwie alle für notwendig halten. Aber warum klappt das bislang nicht? Gescheitert ist es an der „mangelnden Zusammenarbeit zwischen Politik, Kommunen und uns“, sagt Andrea Mittermeir, Vorsitzende der Allianz der Tier- und Naturfreunde. Sie fordert auch: „Die Wahrnehmung für den Tierschutz muss sich ändern!“
Viele Probleme rund um den Tierschutz werden gar nicht wahrgenommen – vielleicht auch weil viele Tierschützer still und zuverlässig ihre Arbeit machen. Der Landkreis selbst möchte zuvorderst vermeiden, sich finanziell für eine Aufgabe zu engagieren, für die er sich nicht zuständig sieht, obgleich das staatliche, am Landratsamt angesiedelte Veterinäramt ein zentrales Tierheim „sehr begrüßen“ würde. Hans Seidl (CSU), Bürgermeister der Gemeinde Maisach, in der die Allianz der Tier- und Naturfreunde ihre Heimat hat, hat sich mittlerweile der Sache angenommen und jetzt 17 Kommunen im Landkreis gefunden, die sich am Bau eines zentralen Kreistierheims beteiligen würden.
Olching und Gröbenzell wollen sich nicht beteiligen
Auf 1,5 Millionen Euro wird das Vorhaben veranschlagt, das neben den Kommunen – gemäß ihrer Einwohnerzahl – auch die Bürgerinnen und Bürger über Spenden bezahlen sollen. 300 000 Euro, sagt Seidl der SZ, würde der Freistaat Bayern als Zuschuss beisteuern. Weil sechs Kommunen, darunter die einwohnerstarken Olching und Gröbenzell, nicht mitmachen wollen, sollen die Bürger einen Anteil von 860 000 Euro aufbringen. Wenn die Zweckvereinbarung der Kommunen unterschrieben ist, soll das Marketing für die Spendensammlung anlaufen.

Ist das jetzt ein Schritt in die richtige Richtung? Welcher Verein ein solches Tierheim betreiben soll, steht allerdings bisher nicht fest. Die Allianz der Tier- und Naturfreunde hatte mal ihre Bereitschaft anklingen lassen, Seidl will die Entscheidung indes über eine Ausschreibung herbeiführen. Mittermeir klagt: „Wir werden nicht als Kooperationspartner gesehen.“ Auch haben sich die Tierschutzvereine im Landkreis Fürstenfeldbruck in ihrem eigenen Dasein eingerichtet. Dass es mehrere Vereine gibt, die sich um die Tiere kümmern, sei auch andernorts üblich, sagt Mittermeir. Oft hätten sie unterschiedliche Schwerpunkte. Ein Tierheim aber braucht einen festen Betreiber.
Obwohl die Kommunen für die Aufnahme von Fundtieren zuständig sind, hat es sich eingebürgert, dass Fundtiere direkt bei den Tierschutzvereinen abgegeben werden und viele Kommunen sich einen schlanken Fuß machen. Dass sie eigentlich für jedes Fundtier an die Vereine zahlen oder einen entsprechenden Vertrag mit den Vereinen abschließen müssten, klappt in vielen Fällen nicht. Vonseiten der Gemeindeverwaltungen würde bisweilen regelrecht darum gefeilscht, ob das Tier denn wirklich auf Gemeindegrund gefunden worden sei oder ob nicht doch die Nachbarkommune betroffen sein könnte, erzählte Andrea Mittermeir einmal.

Weil die Fundtieraufnahme eine Pflichtaufgabe der Gemeinden sei, müssten diese auch die Infrastruktur dafür stellen, belehrte Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Maisachs Bürgermeister im vergangenen Jahr bei einem Besuch des Tierquartiers in Überacker. Tierheime haben nach Auffassung des Deutschen Tierschutzbundes „eine systemrelevante Funktion in unserer Gesellschaft“, betont dessen Pressesprecherin Lea Schmitz. Doch auch in vielen bestehenden Tierheimen würde der Platz fehlen. Häufig gebe es Wartezeiten, bis ein Platz frei wird – auch weil alte, kranke oder verhaltensauffällige Tiere Tierheimplätze länger als geplant belegen.
Ein neues Grundstück wird gesucht
Es ist eine schwierige Gemengelage. Immerhin scheint nach Jahren nun ein wenig Bewegung in die Sache zu kommen. Würde das zentrale Tierheim im Kreis Fürstenfeldbruck Wirklichkeit werden, dann könnte es auf einem 6000 Quadratmeter großen Grundstück bei Überacker, das die Gemeinde Maisach in Erbpacht überlassen würde, gebaut werden. Unmittelbar neben dem alten Wasserhaus, in dem die Allianz der Tier- und Naturfreunde derzeit untergebracht ist. Weil man bislang nicht zueinander gefunden hat, das alte Wasserhaus aber marode ist, sucht die Allianz der Tier- und Naturfreunde ebenfalls nach einem Grundstück für ein Tierheim, in Olching haben sie ein passables in Aussicht.
Aber auch dort, wo es ein zentrales Kreistierheim gibt, ist die Lage nicht unbedingt rosig. Als ursächlich für die kritische Situation, in der sich viele Tierheime befinden, sieht der Deutsche Tierschutzbund die Politik, „die die Heime über Jahrzehnte im Stich gelassen und zu wenig gefördert hat“. Es fehle an Finanzmitteln für Neu- und Umbauten sowie für Personal. Und auch die fehlende deutschlandweite Kastrationspflicht für Freigängerkatzen trage zur Überbelegung mit unerwünschtem Katzennachwuchs bei.
Das kann auch Andrea Mittermeir bestätigen. Sie hat für den Bereich um Maisach jetzt einen Antrag für eine Katzenschutzverordnung beim Landratsamt gestellt, die eine solche Kastrationspflicht beinhaltet. Das Fürstenfeldbrucker Veterinäramt, das über den Erlass einer solchen Verordnung entscheidet, gibt sich zurückhaltend: Es sei nicht dokumentiert, „dass in einem auszuweisenden Gebiet eine hohe Anzahl von Katzen vorhanden ist, welche erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden aufweisen“, heißt es in einer Antwort auf Nachfrage der SZ.
Dabei weist auch der Deutsche Tierschutzbund auf das Problem sich stetig vermehrender Streunerkatzen hin. Viele vegetieren vor sich hin, werden oft schon krank geboren, leiden unter Infektionen, Parasitenbefall und Mangelernährung. „Jeden Tag sind wir mit sehr viel Leid konfrontiert“, schreibt Andrea Mittermeir dazu auf der Internetseite des Vereins. Hans Seidl hatte in seiner Funktion als Bürgermeistersprecher im Landkreis den Städten und Gemeinden empfohlen, darüber zu beraten, ob eine Katzenschutzverordnung sinnvoll sein könnte. Moorenweis hat das bereits getan – und abgelehnt.
Und auch Seidl ist skeptisch und sagt: „Als Gemeinde werden wir uns für eine Verordnung nicht starkmachen.“ Er will es bei einem Aufruf auf der Homepage und im Mitteilungsblatt von Maisach belassen, um bei den Besitzern für eine freiwillige Kastration und eine Registrierung ihrer Freigängerkatzen zu werben.


