Katrin Rizzi freut sich über die vielen Äpfel und Kartoffeln, die in diesem Herbst reif geworden sind. „Das ist die beste Ernte seit 25 Jahren“, sagt die Geschäftsführerin der Bürgerstiftung Fürstenfeldbruck, „ich bin so glücklich!“. Aber nicht, weil sie eine Obstplantage und einen Bauernhof hätte, sondern weil sie mit dafür verantwortlich ist, dass die Tafelkunden genug zu essen bekommen.
Die Bürgerstiftung versorgt allein über die Brucker Tafel wöchentlich um die tausend Menschen mit Lebensmitteln. In Zeiten, in denen von den Supermärkten weniger kommt, ist der Ernteanteil, gespendet von Bauern, die Rettung. „Mit Kartoffeln machst du Tafelkunden glücklich“, sagt Rizzi. „Damit kann jeder etwas anfangen.“
Seit dem Jahr 2000 versorgt die Brucker Tafel Menschen, die nicht genug Geld haben, um ausreichend Essen zu kaufen, mit Lebensmitteln. Sie war die Erste im Landkreis und eine der Ersten in Bayern. Johanna Neumaier hat die Brucker Tafel mitgegründet. Sie fuhr anfangs mit ihrem Privatwagen und dann mit einem „gackerlgelben“ Transporter zu den Supermärkten, um sie von der Idee zu überzeugen: Lebensmittel zu retten und Menschen zu helfen. „Wir haben offene Türen eingerannt“, sagt Katrin Rizzi. Die Idee der Tafeln stammt aus den USA, verbreitete sich aber seit den Neunzigerjahren weltweit.
„Jeder von uns wäre froh, wenn es die Tafeln nicht bräuchte“, sagt Rizzi, die seit etwa zehn Jahren dabei ist. Gefeiert wird trotzdem. „Wir feiern das Engagement all unserer Ehrenamtlichen, die teils schon von Anfang an dabei sind“, heißt es auf der Homepage der Bürgerstiftung.
20 Kunden erhielten bei der ersten Ausgabe Lebensmittel, heute sind es mehr als 1000
Und weiter: „Wir feiern all ihre unzählbaren, selbstlos gespendeten Stunden im Dienst für andere. Wir feiern, um ihnen und allen, die uns mit Sach- oder Geldspenden unterstützen, Danke zu sagen – ohne dieses Engagement wäre es dunkler und kälter in unserem Land. Und schließlich feiern wir auch unsere Tafelkund:innen, die sich trotz der Härte ihres Lebens nicht unterkriegen lassen.“
Heute hat die Brucker Tafel mit denselben Problemen zu kämpfen wie die meisten der mehr 970 Tafeln in Deutschland: Immer mehr Menschen benötigen ihre Unterstützung. Inzwischen sind sehr viele Geflüchtete darunter, seit dem russischen Angriffskrieg vor allem Ukrainer, aber es ist weniger Ware übrig.
20 Kunden erhielten im Jahr 2000 bei der ersten Ausgabe der Brucker Tafel Lebensmittel. Mehr als tausend sind es heute, fast ein Drittel sind Kinder und Jugendliche. Zusammen mit den Tafeln in Olching, Maisach und Puchheim-Eichenau kommen mehr als 2000 Kunden zu den Tafeln der Bürgerstiftung. In Germering organisiert der Sozialdienst die Tafel.

„Was sich am meisten geändert hat, ist, dass wir heute schauen müssen, wo wir die Waren herbekommen“, sagt Rizzi. Zu Beginn der Tafelarbeit waren viele Supermärkte, aber auch andere Einzelhändler wie Bäcker oder Metzger froh, wenn ihnen Überproduktion abgenommen wurde und sie Obst, Gemüse oder Backwaren nicht wegwerfen mussten.
Das hat sich Rizzi zufolge geändert. „Die Läden koordinieren ihre Lieferungen besser. Und es sind auch mal Regale leer.“ Das sei grundsätzlich natürlich gut, denn es bedeutet, dass weniger Lebensmittel verschwendet werden. Aber den Tafeln und ihren Kunden fehlen die Produkte.
Deshalb freut sie sich einerseits über die gute Apfel- und Kartoffelernte, denn nicht wenige Landwirte im Landkreis denken an die Tafeln und geben Erzeugnisse weiter, die sie nicht vermarkten können. Andererseits arbeiten die Tafeln verstärkt mit den Herstellern zusammen.
Zur Brucker Tafel gehen verhältnismäßig viele Alleinerziehende und weniger Ältere
Im Landkreis Fürstenfeldbruck sind das etwa Firmen wie Transgourmet, die gastronomische Betriebe und Großhändler mit Lebensmitteln beliefert, auch eine Obstreiferei, von der immer mal wieder Bananen kommen. Pizzen aus der Übergangsproduktion sind ebenfalls ein Produkt, das zuweilen bei der Brucker Tafel landet.
Rizzi erklärt: Wenn die Produktionsstraße umgestellt werde von Salami auf Margherita, gebe es zwischendurch Teigfladen, die zu wenig Wurstscheiben für eine Salamipizza haben, aber zu viele für eine Margherita. Verkaufen kann der Hersteller das nicht – die Tafelkunden freuen sich.

Truppenverpflegung für Zivilisten:Stellung halten mit Erbsensuppe
Zumindest an der Gulaschkanone gibt es bei der Bundeswehr keine Nachschubprobleme: Soldaten des Fürstenfeldbrucker Fliegerhorsts werden auch nach dem Umzug der Offizierschule wieder Freiwilligendienst auf dem Christkindlmarkt leisten.
Die Brucker Tafel versorgt nicht nur Menschen aus der Kreisstadt selbst, sondern auch aus den Gemeinden im „südlichen und westlichen Hinterland“. Durchaus ein Problem, erklärt Rizzi. Denn die Menschen müssten mit dem Bus nach Fürstenfeldbruck fahren, sich in die Schlange stellen und mit den schweren Tüten per Bus wieder heimfahren. Für ältere oder weniger fitte Menschen ist das eine Herausforderung. Deshalb kämen zur Brucker Tafel verhältnismäßig viele Alleinerziehende und weniger Ältere.
90 Mitarbeitende kümmern sich darum, dass die Menschen versorgt werden – alle ehrenamtlich. So wie Achim Migotsch, der die Leitung der Tafeln übernommen hat, oder Wolfgang Klein, der erst seit Juli dabei ist, weil er sich nicht vorstellen konnte, im Ruhestand untätig zu sein. Klein ist noch immer überrascht davon, aus wie vielen und welchen Gründen Menschen in die Armut rutschen können.

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„Bei der Tafel trifft man Leute, mit denen man sonst nicht in Berührung kommen würde“, sagt Rizzi. Neben Alleinerziehenden und älteren Leuten mit winzigen Renten seien das häufig Menschen mit psychischen Problemen. Ihnen sehe man die Erkrankung meist nicht an, und man könne auch nie wissen, welche traumatischen Erlebnisse dahintersteckten. Aus Erfahrung weiß sie aber auch: Viele, denen geholfen wurde, spenden selbst, wenn es ihnen wieder besser geht.
Wer Lebensmittel abholen will, braucht einen Tafelausweis. Den erhält, wer seine Bedürftigkeit anhand der entsprechenden Unterlagen nachweisen kann. Neu ist ein Lieferdienst für Kunden, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. „Es kommen gar nicht alle, die berechtigt wären“, erklärt Rizzi. Gerade bei vielen älteren Menschen verhindere die Scham, dass sie sich Hilfe suchten. „Die künftigen Rentner werden weniger Hemmungen haben.“ Eines werde sich aber nicht ändern. Die Aufgabe der Tafeln werde keinesfalls überflüssig werden: „Die Lage wird sich nicht entspannen.“
25-Jahr-Feier der Tafel Fürstenfeldbruck, Freitag, 17. Oktober, 17 bis 19 Uhr in der Kiener Halle, Münchner Straße 1. Es gibt Führungen und einen Blick zurück mit einem spannenden Video aus der Anfangszeit. Anmeldung erbeten über die Bürgerstiftung. Wer selbst bei der Tafel tätig werden möchte, kann sich ebenfalls dort melden.

