Fürstenfeldbruck:Superschwergewicht des Ehrenamts

Wolfgang Schwamberger, Cheftrainer des Fürstenfeldbrucker Boxklubs BC Piccolo, erhält für sein mehr als 60-jähriges Engagement die Bürgermedaille in Gold. Und sein Verein den Integrationspreis der Kreisstadt

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

In Japan holen die ersten Athleten des deutschen Teams am Dienstag Goldmedaillen. Auch Wolfgang Schwamberger holt Gold. Die besondere Siegerehrung findet statt im würdigen Rahmen des Kleinen Saals von Fürstenfeld. Sport auf hohem Niveau hat Schwamberger länger betrieben als die meisten Olympioniken drüben auf der anderen Seite des Globus'. Ist schon ein bisschen her: 15 Jahre lang, von 1945 bis 1960, stand der heute 90-Jährige im Boxring, erst Bantam-, dann Federgewicht. Inzwischen ist der Cheftrainer des BC Piccolo im Superschwergewicht angelangt. Ganz ohne dicke Handschuhe, dafür "mit neuer Hüfte und neuem Knie", tritt er seit Jahrzehnten auf der anderen Seite der Seile an - in den Disziplinen Integration und Ehrenamt.

Höchste Zeit, dass so jemand mit der Goldenen Bürgermedaille ausgezeichnet wird. Die wird, wie der gelernte Bäcker und Konditor und spätere Postbeamte, der 1948 nach Bruck kam, am nächsten Tag verrät, im Schrank mit all den anderen Pokalen, Medaillen und Urkunden verwahrt. Es ist ein großer Schrank. Sein größter Erfolg? Hm, weiß er nicht mehr so genau. Denn als größten Erfolg sah er immer an, wenn seine Schützlinge fair boxten und trotz Migrationsgeschichte hier Wurzeln schlugen und ein gefestigtes Leben aufbauten. So etwas lässt sich nicht an Größe oder Glanz eines Pokals festmachen. Ein Blick in die Chroniken zeigt gleichwohl, dass Schwamberger 132 Kämpfe absolviert hat und zwei "Golden Glove"-Gewinne bei US-Boxturnieren in Garmisch vorweisen kann. 1959 wechselte er sozusagen die Seite - als lizenzierter Trainer und Jugendleiter des BC Piccolo. 2001 erhielt Schwamberger bereits die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland.

BC Piccolo

Manfred Kaltenhäuser (hinten links) und Wolfgang Schwamberger verfolgen im Jahr 2010 ein Sparring zweier BC-Piccolo-Boxer.

(Foto: Günther Reger)

Ein "Paradebeispiel" für Integration begleitet an diesem Festtag Schwamberger und Manfred Kaltenhäuser, 81, den frisch wiedergewählten und seit 1972 amtierenden Präsidenten des BC Piccolo. Denn am Dienstagabend wird auch gleich der ganze Boxklub mit dem Integrationspreis ausgezeichnet. Mamadou Sanussy Bary hält sich beim obligatorischen Gruppenfoto anlässlich der Preisverleihung etwas im Hintergrund. Dabei können sich seine Erfolge innerhalb wie außerhalb des Rings sehen lassen. Er kam 2015 als 16-Jähriger aus dem westafrikanischen Guinea nach Fürstenfeldbruck und tritt dort im Weltergewicht (bis 67 Kilo) an. Vor allem aber hat das Team des BC Piccolo ihm geholfen, eine Ausbildung zum Altenpfleger im Josefstift zu absolvieren. Mit auf dem Gruppenfoto ist auch Trainerin Katinka Semrau, deren Mutter aus dem Irak stammt. Die zweimalige Deutsche U19-Meisterin hatte 2011 mit 16 Jahren den zweiten Platz bei den Europameisterschaften errungen.

Kaltenhäuser liebt das Miteinander der Nationalitäten ebenso wie Schwamberger. Er bedankt sich bei der Stadt, bei der man immer Rückhalt gefunden habe. Mehr als 80 Prozent der Boxer in dem 430 Mitglieder zählenden Verein haben Migrationshintergrund. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die beim 1946 im Fliegerhorst gegründeten Klub geschrieben wird. "Herkunft und sozialer Status haben dort nie eine Rolle gespielt" lobt Sportreferent Martin Kellerer.

Fürstenfeldbruck: Verleihung des Integrationspreises im Stadtrat (von links): Sportreferent Martin Kellerer, Boxer Mamadou Sanussy Bary, Manfred Kaltenhäuser, Wolfgang Schwamberger und Trainerin Katinka Semrau.

Verleihung des Integrationspreises im Stadtrat (von links): Sportreferent Martin Kellerer, Boxer Mamadou Sanussy Bary, Manfred Kaltenhäuser, Wolfgang Schwamberger und Trainerin Katinka Semrau.

(Foto: Stadt Fürstenfeldbruck)

So wunderbar vielfältig die Kämpferschar auch ist, so würde sich Kaltenhäuser doch eines wünschen: Er würde den Spieß bei der Integration manchmal gerne umdrehen und - zusätzlich - mehr Boxer auch aus dem Landkreis willkommen heißen: "Uns fehlen die Brucker Buam", so wie es sie in den Sechziger- bis Achtzigerjahren in viel größerer Zahl gab. Interessanterweise sei es bei den Frauen ganz anders: Da sind die deutschen Boxerinnen in der Überzahl.

Kellerer und OB Erich Raff sowie Sportbeiratsvorsitzender Joachim Mack teilen die Überzeugung, dass alle dort auf der Bühne preisverdächtig sind. Und die Ovationen aller Stadträte sind Beleg, dass es da keine zwei Meinungen gibt.

© SZ vom 29.07.2021
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