FürstenfeldbruckNeuer Ärger um den Ausbau der S 4

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Immerhin ist der Fürstenfeldbrucker Bahnhof schon rollstuhlgerecht ausgebaut. Bis er allerdings ein viertes Gleis erhält, dauert es noch eine Weile.
Immerhin ist der Fürstenfeldbrucker Bahnhof schon rollstuhlgerecht ausgebaut. Bis er allerdings ein viertes Gleis erhält, dauert es noch eine Weile. Johannes Simon
  • Der viergleisige Ausbau der S 4 bis Fürstenfeldbruck ist laut einem neuen MVV-Positionspapier erst für 2040 vorgesehen, obwohl die Staatsregierung die Fertigstellung einst für 2010 angekündigt hatte.
  • Fahrgastverband Pro Bahn und Kommunalpolitiker kritisieren die erneute Verzögerung scharf und werfen der Staatsregierung mangelndes Engagement beim S 4-Ausbau vor.
  • Landrat Thomas Karmasin verteidigt das Positionspapier und betont, 2040 sei als "Umsetzungshorizont" und nicht als Baubeginn zu verstehen.
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Die viergleisige Erweiterung der S 4 bis Fürstenfeldbruck ist laut einem neuen MVV‑Positionspapier, an dem Landrat Thomas Karmasin (CSU) mitgearbeitet hat, erst bis 2040 vorgesehen.

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Wieder ist der Ausbau der S 4 verschoben – und der Ärger wächst. Pro Bahn spricht von mangelndem Einsatz von Landrat Thomas Karmasin. Mirko Pötzsch, Sprecher der Bürgerinitiative „S4 –Ausbau jetzt“, klagt über mangelndes Engagement, und Grünen-Sprecher Martin Runge fragt gar provokant, ob der Landrat „einen schlimmen Aussetzer“ hatte oder nicht dabei war, als das Papier beschlossen wurde. Karmasin entgegnet diesen Vorwürfen, 2040 sei im Positionspapier nicht als Baubeginn, sondern als „Umsetzungshorizont“ angegeben. „Es stehen aktuell noch 14 Jahre zur Verfügung“, sagt der Landrat. In dieser Zeit müssten Vorarbeiten erfolgen, Bahnhöfe ausgebaut werden, etwa in Fürstenfeldbruck ein Bahnsteig für ein viertes Gleis.

Das Positionspapier haben 15 Landräte und die Oberbürgermeister von Erding, Landshut und Rosenheim des MVV-Verbundes verfasst. Darin heißt es, 2050 sollten alle S-Bahnen auf eigenen Gleisen verkehren. Die S4 teilt sich derzeit die Trassen mit dem Regional-, Fern- und Güterverkehr, was allein schon Verspätungen verursacht, die sich auf die Stammstrecke und das gesamte Netz auswirken.

Die Jahreszahl 2040 will Karmasin nicht als geplanten Fertigstellungstermin für den Ausbau der S 4 verstanden wissen. Sie beziehe sich vielmehr „auf eine Vision für den gesamten Bahnknoten München, in der alle genannten Maßnahmen bereits vollständig und ideal umgesetzt wurden“, betont der Landrat. Karmasin verweist darauf, dass die Landräte und Bürgermeister etliche Forderungen aufgestellt haben, die Pendlern auf der S4 zugutekommen: So soll es bis 2027 einen durchgehenden 20-Minuten-Takt am Wochenende bis Geltendorf geben und bis 2030 in der Hauptverkehrszeit einen Zehn-Minuten-Takt zwischen Pasing und Buchenau.

Außerdem verlangen die Kommunalpolitiker, dass die S20 ab 2027 von Montag bis Freitag von 6 bis 21 Uhr im Stundentakt auf der Strecke verkehre. Bis 2030 solle ein zusätzlicher ausgebauter Halt am Harras entstehen. Grundsätzlich sollten alle S-Bahnen als Langzüge verkehren und ein Nachtverkehr an Wochenenden etabliert werden.

Vor diesem Hintergrund würdigt Pro Bahn, das Positionspapier erhebe „im Detail“ richtige Forderungen, etwa nach einem Zehn-Minuten-Takt bis Buchenau. Bemerkenswert sei die deutliche Kritik an den aktuellen Zuständen. Es sei „ein dramatischer Appell an Bund und Freistaat: Ihr müsst was tun“, sagt Norbert Moy, Vorsitzender des Fahrgastverbandes in Oberbayern.

Die Parteioberen sollen nicht verprellt werden

In dem Papier wird der Bahn ein „Dauerkrisenmodus“ attestiert. Die Infrastruktur sei „deutlich zu wenig ausgebaut und ertüchtigt“, das gesamte S-Bahnnetz „in einem erbärmlichen und überlasteten Zustand“, heißt es darin. Die Verantwortung wird dem Bund und der Bahn zugeschoben, der Freistaat hingegen gelobt. Solche Sätze solle man nicht überbewerten, findet der Sprecher von Pro Bahn: Der Freistaat sei MVV-Gesellschafter und die CSU-Politiker, die das Papier mitverfasst haben, wollten ihre Parteioberen nicht verprellen.

Der Freistaat sei dafür verantwortlich, dass Studien nicht vergeben werden, Planung sei Landessache. „Das hätte in Bezug auf die S4 schon vor zweieinhalb Jahren geschehen können“, rügt Moy. Auch der Bahnsteig für das vierte Gleis in Bruck sollte längst geplant sein. Dass die S4 erst bis 2040 ausgebaut werden soll, hält der Fahrgastverband für „deutlich zu spät“. Auch dafür sei die Staatsregierung verantwortlich. Denn der Bund gebe zwar das Geld, aber der Freistaat entscheide über die Verwendung und setze Prioritäten. Der Sprecher von Pro Bahn kritisiert, dass die Staatsregierung Unsummen in die zweite Stammstrecke pumpe, denn das „frisst sämtliche Kapazitäten für Südbayern“. Auch für andere Teile des Freistaates bleibe weniger, etwa für die Elektrifizierung von Strecken. Davor habe Pro Bahn stets gewarnt.

Der Fürstenfeldbrucker Verkehrsreferent Mirko Pötzsch (SPD) erinnert daran, dass die S4 ursprünglich vor der zweiten Stammstrecke ausgebaut werden sollte, und dem Positionspapier zufolge jetzt noch später. „Alles wird immer nach hinten geschoben, derweil geht die Strecke kaputt und ist marode, sodass Züge langsam fahren müssen“, kritisiert Pötzsch. Ein Beispiel dafür hat er vor seiner Haustür. Nahe dem Brucker Bahnhof hatte starker Regen Ende Juli 2024 am Engelsberg einen Teil des Hangs ins Rutschen gebracht, sodass Züge nur noch langsam vorbeifahren konnten. Bis die Bahn den Schaden behoben hatte, dauerte es schon bis Dezember 2025. Aber Zugführer müssen weiter bremsen, denn es stellte sich heraus, dass das Gleis erneuert werden muss.

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Die Grünen rügen weitere voraussichtliche Verzögerungen. „Das ist besonders vor dem Hintergrund des milliardenschweren Sondervermögens für Infrastruktur nicht hinnehmbar“, kritisiert Runge. Statt endlich eine klare Ansage zu machen, würden die örtlichen CSU-Abgeordneten und der Landrat „jede neue Verkündung der Staatsregierung zu vermeintlichen Fortschritten bejubeln“. Dabei handele es sich beim S-4-Ausbau „um nichts anderes als um das Eingeständnis massiven Versagens und jetzt sogar um gewaltige Rückschritte.“

Die scharfe Kritik rührt daher, dass der damalige bayerische Verkehrsminister Otto Wiesheu (CSU) 1997 angekündigt hatte, der Zehn-Minuten-Takt auf der S4 West werde bis 2001 eingeführt: Es folgte seine Aussage, bis 2010 werde die Strecke nach Buchenau ausgebaut. 2006 plauderte ein Vertreter der DB Projektbau aus, damit sei frühestens 2015 zu rechnen. 2007 meldete die Staatsregierung das Projekt zur Finanzierung zum Bundesprogramm für den Ausbau des Schienenverkehrs an, der Bau sollte 2011 beginnen. Stattdessen beschlossen das bayerische Kabinett und der Landtag mit der Mehrheit aus CSU, FDP und SPD, der S-4-Ausbau habe nicht mehr erste Priorität und werde allenfalls bis Eichenau erfolgen.

Im Mai 2014 erklärte Innenminister Joachim Herrmann (CSU), zwischenzeitlich für Verkehr verantwortlich, nach einer S-Bahnfahrt bis Bruck der Presse, drei Gleise bis Eichenau würden genügen. Die Schienen sollten sogar so verlegt werden, dass für ein viertes Gleis in Zukunft kein Platz geblieben wäre. Trotz der Kritik von Bürgerinitiativen, Fahrgastverbänden und Kommunalpolitikern hielten Herrmann und die folgenden Minister an der Verkürzung fest.

Stadtrat Pötzsch spricht von „Gegurke“

2018 kündigte die bayerische Regierung an, der dreigleisige Ausbau bis Eichenau werde bis 2030 fertiggestellt und erklärte zwei Jahre später, das Planfeststellungsverfahren habe begonnen, während die Verkehrsminister wieder prüfen ließen, ob vier Gleise nicht doch sinnvoller seien. Das „Gegurke“, wie Stadtrat Pötzsch es nennt, hatte erst ein Ende, als ein viergleisiger Ausbau im Sommer 2021 in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans im Rahmen des Deutschlandtakts aufgenommen wurde. Dafür wurde ein Betrag von 338 Millionen Euro vorgemerkt.

Die Ursachen für die Verzögerungen liegen nach Ansicht von Karmasin 20 Jahre lang zurück. Dem Ziel des Subventionsabbaus im Papier der Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) und Per Steinbrück (SPD) von 2003 und dem „harten Sparkurs der damaligen bayerischen Staatsregierung wurde vieles untergeordnet“. Das habe zu Einschnitten beim Schienennahverkehr geführt. Dazu sei die Unternehmensstruktur der Bahn „nicht gerade ideal für eine schnelle und zielgerichtete Umsetzung“. Das sei im ganzen Bundesgebiet ein leidiges Thema.

Jede Verzögerung wiederum erfordere Überplanungen, weil sich die Bedingungen änderten. Es wäre falsch, darauf nicht oder verspätet zu reagieren oder wegen fertiger Konzepte auf „sinnvolle Verbesserungen zu verzichten“. Als Beispiel nennt der Landrat die Forderung von Behinderten- und Sozialverbänden, die S-Bahnen bei vier Gleisen außen fahren zu lassen, weil Außenbahnsteige für Behinderte über Rampen zugänglich sind, statt wie ursprünglich vorgesehen auf innen liegenden Bahnsteigen. Die Umplanung der S-Bahnhalte an den Außen- statt Innenbahnsteigen habe für eine mehrjährige Verzögerung gesorgt.

Die Landräte und Oberbürgermeister des MVV hoffen auf die Digitalisierung. Technik solle „mehr Kapazität auch ohne Gleise“ bringen und für einen zuverlässigen Betrieb mit weniger Störungen sorgen, heißt es in dem Papier. Karmasin teilt diese Ansicht, ebenso Moy, Sprecher von Pro Bahn, der erklärt, die Digitalisierung helfe bei ungenügender Blockbelegung. Etwa, wenn nur ein Zug auf einem Abschnitt von zehn Kilometern unterwegs sei. „Das ist aber bei der S4 nicht der Fall.“

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