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Fürstenfeldbruck:Scheinbar ausweglose Sackgasse

Jephtha

Jephtha (Juan Carlos Falcóns) will Iphis (Julla von Landsberg) opfern. Doch im letzten Moment wird er vom Engel (Laura Verena Incko) gestoppt.

(Foto: Bernd Borowsky)

Grandiose Aufführung von Händels Oratorium "Jephtha"

Wie verbindlich ist ein Gelübde, das man aus freien Stücken Gott gegenüber gegeben hat? Diese Kernfrage zieht sich in Georg Friedrich Händels letztem Oratorium "Jephtha" schicksalhaft durch das ganze Werk. Der Stoff, der dem Oratorium zugrunde liegt, findet sich in wenigen Versen im alttestamentlichen Buch der Richter. Was Händel und sein Textdichter Thomas Morell daraus gemacht haben, geht allerdings weit über die Vorlage hinaus und setzt allein durch die Musik veritable menschliche Individuen als Charaktere mit Stimmungen und Emotionen eindrucksvoll in Szene. Wer die Bühnenfassung von "Jephtha" am Osterwochenende im zwei Mal voll besetzten Stadtsaal gesehen hat, stellt fast automatisch die gattungsmäßige Trennung von Oper und Oratorium in Frage. Anders ausgedrückt: Er kann sich wohl keine sinnfälligere Interpretation des dramatischen Spannungsbogens als die Umsetzung auf einer Bühne vorstellen.

Es war nicht das erste Mal, dass sich Bach-Chor und Bach-Orchester Fürstenfeldbruck unter der Leitung von Gerd Guglhör an ein solches Projekt herangewagt haben, aber es war sicher die konsequenteste und gleichzeitig kompromissloseste Umsetzung aller bisher inszenierten Händel-Oratorien. Susanne Frey zeichnete für die Regie verantwortlich, Peter Sommerer für Bühne und Kostüme. Die schräg zum Zuschauerraum geneigte Spielfläche in der Bühnenmitte war nicht nur Zentrum des Geschehens, sondern bot durch das Gefälle auch optisch eine Art Spannungsraum, der dem Zuschauer viel über die jeweilige psychische Verfassung der Protagonisten vermittelte. Bis auf wenige Ausnahmen waren die 66 Chorsänger in wechselnder Zahl links und rechts von der Spielfläche verteilt. Zentrale Bedeutung kam dabei den schwarzen Hockern zu, die den Sängern nicht nur als Sitzgelegenheiten dienten, sondern auch als Schutzschilde oder Elemente einer Bewegungschoreografie eingesetzt wurden. Damit war eine eindrucksvolle und bühnengerechte Darstellungsform gefunden, die die in der Musik angelegte intensive Anteilnahme des Chores am Geschehen sichtbar werden ließ.

Während die Ausstattung fast gänzlich auf Farben verzichtete und nur das Rot des Blutes zuließ, waren die Chorsänger im ersten Teil schwarz gekleidet. In der zweiten Hälfte waren weiße Oberteile mit schwarzen Hosen kombiniert, quasi als Sinnbild für die zwei Entscheidungswege in der unausweichlichen Schicksalsfrage. Eine Figur haben die Verantwortlichen hier frei erfunden: Einen Widder, der sich als Personifikation eines Opferlammes durch das ganze Oratorium in tänzerischer Grazie (Riikka Läser) zog, hielt dadurch die Zielbestimmung des Handlungsgangs wach. Dem entsprachen auch die Videoprojektionen von Schafherden, die die Bühne und die Zuschauer gleichermaßen in die Bewegungsmuster der Herde einbezogen.

Die Solisten waren Idealbesetzungen in ihrer jeweiligen Rolle: Juan Carlos Falcóns wunderbare lyrische Ausdruckskraft ermöglichte ihm ein Rollenkonzept Jephthas, das in erster Linie von der menschlichen Empfindung geprägt war. Dadurch wurden sowohl seine Vaterliebe als auch der innere Kampf mit sich selbst absolut glaubwürdig. Seine Tochter Iphis war in jeder Beziehung eine starke Frau: Julla von Landsberg präsentierte sich nicht nur charakterstark, sondern transportierte diesen Gestus auch stimmlich souverän. Barbara Schmidt-Gaden verkörperte kraftvoll die mütterliche Sorge Storkes in ihrer Spannung zwischen Ehemann und Tochter. Der Altus Stefan Steinemann mimte überzeugend den jugendlich liebenden Hamor und konnte sich dabei ganz auf die sinnliche Kraft seiner Stimme verlassen. Daniel Holzhauser stand als Zebul quasi außerhalb des innersten Kreises menschlicher Bindungen und gestaltete seinen Part mit großer und ausgeglichener Stimme.

Der Gesamtklang des Orchesters wahrte überzeugend die Balance der verschiedenen Instrumente. Flexibel stellten sich die Musiker auf die sehr unterschiedlichen Herausforderungen ein, so dass sowohl der repräsentativ punktierte Rhythmus seine Würde als auch die Melodiebögen ihre organische Ausformung erhielten. Eine auch klanglich farbenreiche Facette waren die Lautenklänge und die differenziert agierende Continuogruppe. Zu absoluten Höhepunkten gerieten die Chorpartien, die nicht nur klangschön den Saal erfüllten, sondern das Geschehen von der individuellen Ebene auf wunderbare Weise auf den Zenit der Menschheit anhoben. So dicht und konzentriert wie sich hier Klang und Aussage symbiotisch verbanden, wurden die Chöre zum höchst eindrucksvollen Spiegel menschlicher Gefühle.

Während das Alte Testament Menschenopfern in der letzten Konsequenz zwar kritisch gegenüber steht, sie aber nicht gänzlich ausschließt, wählten Morell und Händel ein am Neuen Testament der Liebe orientiertes Ende: Unmittelbar vor der Tötung von Iphis durch ihren Vater Jephtha erscheint ein Engel (Laura Verena Incko), sozusagen ein "Angelus ex machina", der ihn gerade noch davon abbringen kann, Fakten zu schaffen. Damit ist einerseits die absolute Treue Jephthas zu seinem Gelübde unter Beweis gestellt, andererseits das Leben von Iphis geschont, die sich bereits voll und ganz in ihr Schicksal ergeben hatte. Bewegter Jubel brandete am Ende der Aufführung auf, der sich nicht nur auf die grandiose Leistung aller beteiligten Musiker, sondern auch auf das einleuchtende Regiekonzept bezog.