Vogelpopulation im Landkreis Fürstenfeldbruck:Der Krähen-Flüsterer

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Saatkrähe

Bislang haben die Behörden kein Mittel gegen die Saatkrähenpopulation im Stadtgebiet gefunden.

(Foto: Günther Reger)

Der Biologe Uwe Temper beobachtet und kartiert die klugen Rabenvögel im Landkreis Fürstenfeldbruck. Anwohner fühlen sich durch Lärm und Kot der großen Brut-Kolonien in Siedlungen oft belästigt - Temper weiß, wie man dem Problem begegnen könnte.

Von Peter Bierl, Puchheim

Es ist ein kleiner Urwald, mit alten, hohen Laubbäumen. Umgefallene Stämme liegen kreuz und quer, dichtes Unterholz mit alten Brombeerranken bedeckt den Boden neben hohem Gras und gelegentlich ausgedehnten Pfützen. Bei jedem Schritt sinken die Schuhe ein. In luftiger Höhe erspäht man die Reste einiger Vogelnester. In dem Gehölz mitten in den Feldern hat Uwe Temper vor drei Jahren eine Saatkrähen-Kolonie mit 86 Nestern ausgemacht. Als er einige Tage später zurückkam, waren alle Tiere verschwunden.

Das ist bedauerlich, denn dort bei Germerswang im Gemeindegebiet von Maisach, einige hundert Meter entfernt von der nächsten menschlichen Siedlung, hätten die Krähen niemanden gestört. Anwohner in den Kommunen des östlichen Landkreises klagen dagegen über eine Saatkrähen-Plage, die Rathäuser führen seit vielen Jahren mit viel Geld einen Kampf, der wenig hilft und vor allem Bumerangeffekte produziert.

Jedes Jahr vor Beginn der Brutzeit im März werden die Vögel aus den Siedlungen vertrieben. Sie lassen sich woanders nieder. Immer mehr Bürger klagen über Kot und vor allem den Lärm, das laute Krächzen der Vögel. Für sie ist es kein Trost, dass der Spuk nach etwa acht Wochen vorbei ist, wenn die Küken flügge sind und die Nester verlassen, während die Autos in der Allinger Straße in Puchheim oder der Josef-Kistler-Straße in Germering das ganze Jahr über an den Häusern vorbeirauschen.

Der Konflikt zwischen Mensch und Saatkrähen ist alt. Die Tiere wurden bezichtigt, die Ernte zu beinträchtigen, weil sie sich auf den Feldern gütlich tun. Das Ausmaß der Schäden ist umstritten, Wissenschaftler sprechen von allenfalls lokalen Schäden für einzelne Landwirte. Jedenfalls wurden schon früh Jagdaufseher und Förster angewiesen, Krähenköpfe und -füße abzuliefern als Beweis für Abschüsse. 1744 erließ der preußische König gar ein Edikt zur Ausrottung der Vögel, während aufgeklärte Zeitgenossen sie als "die besten Vertilger der Käfer und Feldmäuse" rühmten. Im 19. Jahrhundert gab es Abschussprämien.

Die Nachstellungen führten in Bayern dazu, dass die Population bis 1955 auf etwa 600 Brutpaare schrumpfte. Die Überlebenden zogen von den Waldrändern und Feldgehölzen in die Siedlungen um, weil sie gemerkt hatten, dass sie dort nicht beschossen wurden. Von dort fliegen die Vögel heutzutage einige Kilometer weit zu den Feldern und sammeln Schnecken, Käfer, aber auch Regenwürmer und Saatgut.

Nachdem die Saatkrähe vor dem Aussterben stand, wächst die Population mittlerweile wieder

Es seien gerade ihr Sozialverhalten und ihre Intelligenz, die sie erneut in Konflikt mit den Menschen brächten, sagt der Biologe Temper aus Gernlinden. 2008 begann das bayernweite Saatkrähenmonitoring. Temper widmet sich seit 2013 Jahr für Jahr ehrenamtlich dieser Aufgabe im westlichen und nördlichen Landkreis. Damals entdeckte er Saatkrähen auf dem Friedhof von Gernlinden. Für ihn sind es besondere Lebewesen. Sie seien nicht nur leidensfähig wie die Geschöpfe in der Massentierhaltung, sondern hätten ein Bewusstsein für Vergangenheit und Zukunft, nutzten Werkzeuge, kennten sich untereinander und im Konfliktfall untereinander schlichte ein Moderator. Ein Tier abzuschießen, das sei für die anderen, als töte man eine Mutter oder einen Bruder, sagt er.

Die Jungvögel im Nest erkennen Papa und Mama mit dem Futter schon von weitem und fangen an zu krächzen. Das ist ihre Sprache. Solange es nur ein paar Nester sind, wie derzeit in Gröbenzell, geht es noch, aber als gesellige Wesen leben die Tiere gerne in Gruppen und bauen ihre Nester dicht aneinander. Sobald es ein paar Dutzend werden wie in Gernlinden, kann der Lärm ohrenbetäubend anschwellen. Messungen kommen auf Werte von 50 bis 63 Dezibel, das ist deutlich über dem Grenzwert für Wohngebiete.

Nachdem die Saatkrähe vor dem Aussterben stand, wächst ihre Zahl wieder, wobei etwa 15 000 Brutpaare in ganz Bayern bescheiden sehr sind. Das ist, als würde man die Einwohner von Olching und Emmering über den Freistaat verteilen. Allerdings konzentrieren sich die Saatkrähen im Großraum München und Schwaben. Die Rabenkrähen hingegen verzeichnen bis zu 600 000 Brutpaare. Auch für Laien sind die beiden Arten aus der Nähe gut zu unterscheiden. Saatkrähen verlieren nach acht Monaten ihr Gefieder am Schnabel, ein weißer Fleck wird sichtbar.

Die Mortalität bei Jungtieren ist hoch, sie liegt bei etwa 60 Prozent, im Schnitt werden Saatkrähen nicht älter als sechs Jahre. Experten führen die aktuelle Zunahme der Saatkrähen auf den Klimawandel und die Landwirtschaft zurück. Weil es im Winter wärmer wird, steigt die Überlebensrate. Große Maisfelder und Biogasanlagen mit nicht abgedeckten Speiseresten und Kompost decken den Tisch reichlich. Obendrein reagieren die Vögel auf Vertreibungen mit einer stärkeren Vermehrung als wenn man sie in Ruhe ließe, sagt Temper.

Davor hatten Wissenschaftler von Anfang an gewarnt. Die Population wächst und es bilden sich immer mehr Splitterkolonien an immer neuen Orten. 2011 setzten Anwohner in Puchheim durch, dass die Kommune gegen Saatkrähen vorging, anfangs mit Lärmklatschen, roten Luftballons und Netzen, dann wurden Nester zerstört, Eier weggenommen und teilweise durch Gipsattrappen ersetzt, schließlich Birdguards aufgestellt, die Panikrufe ausstoßen, und zuletzt erlaubte die Regierung den Einsatz von Greifvögeln gegen Splitterkolonien. Dagegen hatten sich die Behörden lange gesträubt, weil die Tiere unter Naturschutz stehen, jede Maßnahme muss genehmigt werden.

Der Effekt ist ambivalent. Als die Vergrämungen begannen, wurden 89 Brutpaare am Friedhof im Schopflachwäldchen in Puchheim gezählt, zehn Jahre später sind es nach Angaben des Landesamtes für Umwelt (LfU) mehr als 800 Paare im Landkreis, verteilt auf mindestens zehn Kolonien. In Puchheim haben sich im Lauf der Jahre dreizehn Splitterkolonien gebildet, die immer wieder aufgelöst werden konnten. In Bruck und Eichenau gab es zwischenzeitlich Kolonien, in Gröbenzell wurden die ersten Brutpaare gesichtet, in Germering die Tiere vorerst erfolgreich vertrieben, heuer wurde kein Brutpaar gemeldet. In Gernlinden sind es 33 Brutpaare, in Puchheim ist die Population heuer um etwa 100 auf rund 390 gewachsen.

Für ein erfolgreiches Management wäre es essenziell, Landschaftsräume zu betrachten

In Olching sind es etwa 370, darunter eine große Kolonie in einem Auwald zwischen Mühlbach und Speedwaybahn, wo sich kein Mensch gestört fühlt, aber auf der anderen Seite des Baches beim Kulturzentrum Kom ist Ärger vorprogrammiert. Südlich der Bahnlinie wurde im März eine kleine Kolonie mit einem Dutzend Nester vertrieben, weil man Verunreinigungen auf dem Gelände eines nahen Kindergartens fürchtete. Die Tiere sind umgezogen, nun finden sich fast 40 Brutpaare an zwei Standorten nördlich der Gleise. Weil die Konflikte zwischen Vögeln und Anwohnern zunehmen dürften, ist ein Saatkrähen-Gipfel der Bürgermeister geplant.

Das ist ein gutes Zeichen, denn interkommunale Zusammenarbeit halten Experten für geboten. "Vergrämungen ohne weiterreichende Konzepte führen typischerweise zu einer Aufsplitterung und zur Bildung neuer Kolonien", sagt die Pressesprecherin des LfU. Die stark gestiegenen Bestände könnten "eine Folge von räumlich wie konzeptionell unkoordinierten Vergrämungsversuchen sein". Für ein erfolgreiches Management wäre es essenziell, Landschaftsräume zu betrachten, die über Gemeinde- und Landkreisgrenzen hinausgingen. Das entspricht dem Vorschlag von Temper. Die Kommunen müssten eine konzertierte Aktion über mehrere Jahre in Angriff nehmen, um die Saatkrähen in Zonen umzusiedeln, in denen sie bleiben können, sagt er.

800 Brutpaare

Bis zu 15 000 Brutpaare der Saatkrähe gibt es in Bayern, mehr als 800 davon haben sich im Landkreis Fürstenfeldbruck niedergelassen, das damit einer von zehn Hotspots im Freistaat ist. Spitzenreiter 2020 war der Landkreis Landsberg wegen der Kolonie mit mehr als 1000 Paaren in Obermeitingen, gefolgt von Memmingen, München-Land, Augsburg-Land, etlichen Landkreisen im Allgäu und dem Donau-Ries. Würde man die Fläche einbeziehen, also Saatkrähe pro Quadratkilometer berechnen, wäre Fürstenfeldbruck nach Memmingen Spitzenreiter in Bayern. bip

Der Auwald in Olching wäre so ein Standort, das Feldgehölz bei Germerswang ebenfalls. "Es gibt hunderte solcher Plätze im Landkreis", sagt Temper. Vor Beginn der Brutzeit müssten die Saatkrähen überall gleichzeitig aufgescheucht werden, so dass nur diese Gebiete als Rückzugsmöglichkeit offen stünden. Weil der Druck durch den Drang zur Eiablage steige, bliebe den Vögeln nichts anders übrig, als umzuziehen. Diese Aktion müsste man einige Jahre wiederholen, bis sich die Krähen an die neuen Plätze gewöhnt hätten.

Im Prinzip trifft Tempers Vorschlag auf Zustimmung, aber auch auf Skepsis, ob die eigenwilligen Tiere mitmachen. Die Höhere Naturschutzbehörde bei der Regierung von Oberbayern fände ein gemeindeübergreifendes Konzept sinnvoll. Die gezielte Umsiedlung an einen gewünschten Standort in der freien Feldflur wäre wünschenswert, "ist aber in der praktischen Umsetzung nicht einfach", warnt der Pressesprecher. Praktikabler sei, vorhandene Kolonien mit Zuwachspotenzial und "vergleichsweise niedrigem Konfliktpotenzial" zu schonen.

Der Puchheimer Versuch die Vögel umzusiedeln, war bislang nicht von Erfolg gekrönt. Vielleicht war das Wäldchen an der Eichenauer Straße zu klein. "Die Tiere lassen sich nicht so leicht steuern", warnt die Biologin Monika Sepp, die die Kolonien in Puchheim und Germering beobachtet. Sie räumt ein, dass mit den bisherigen Maßnahmen "ein Ende nicht abzusehen" sei. Auch Sepp meint, man Plätze müsse finden, an denen die Tiere bleiben könnten. Und man müsse dafür sorgen, dass die Kolonien dort ungestört bleiben. Notwendig wären eventuell Vereinbarungen mit Landwirten. In Germerswang war kein Bauer an der Vertreibung beteiligt. Temper vermutet, dass dort ein Uhu auftauchte, ein Fressfeind der Krähen. Die sind aus der Gegend eigentlich verschwunden. Ein plötzlich auftauchendes Exemplar kann daher eine ganze Kolonie in Panik versetzen.

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