Hauch von Bayreuth Opern-Erlebnis im Kino

Im Brucker Scala-Kino können Opernfans "Tristan und Isolde" live aus Bayreuth erleben.

(Foto: Günther Reger)

Zur Live-Übertragung von Richard Wagners "Tristan und Isolde" aus Bayreuth kommen die Fans entsprechend festlich gekleidet ins Scala

Von Klaus Mohr, Fürstenfeldbruck

Die Bayreuther Festspiele machten am Freitag gewissermaßen Station in der Kreisstadt mit der diesjährigen Neuinszenierung der Oper "Tristan und Isolde" von Richard Wagner. Die Möglichkeiten, Operninszenierungen auch außerhalb der dafür vorgesehenen Opernhäuser erleben zu können, haben in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Live-Übertragungen aus der Metropolitan Opera in New York oder "Oper für alle" auf dem Münchner Max-Joseph-Platz sind nur zwei Beispiele. Oper im Kino ist eine weitere Möglichkeit, und via Livestream kamen "Tristan und Isolde" aus dem Bayreuther Festspielhaus am Freitag in das sehr gut besuchte und angenehm temperierte Scala-Kino in der Buchenau. Diese Aufführung war nur in wenigen Kinos der Republik zu sehen, im Landkreis aber auch noch in Gröbenzell.

Damit sollen sicher einerseits neue Interessenten für das Genre Oper akquiriert werden. Im Vordergrund aber dürfte stehen, mehr Menschen am Geschehen im räumlich beschränkten Opernhaus teilhaben zu lassen. Dieser Eindruck verstärkte sich durch die teils sehr edle Garderobe der Besucher und die Tatsache, dass gleich am Eingang ein gut gekühltes Glas Sekt gereicht wurde. Und doch ist es ein in jeder Hinsicht anderes Erlebnis: Sind die Augen des Betrachters im Theater ganz frei, so werden sie durch die Kameraführung für die Leinwand auf Personen und Konstellationen gelenkt. An Detailgenauigkeit sind die brillanten Kinobilder durch kein noch so gutes Opernglas zu überbieten: Die Protagonisten erscheinen oft bestens ausgeleuchtet und in Großformat auf der Leinwand, was jede natürliche Distanz zwischen Person und Rolle nivelliert.

Dabei ist auch zu sehen, welchen extremen Temperaturbedingungen die Sänger auf der Bühne ausgesetzt sind. Der Anblick wäre oftmals eine Freude für jeden Anatomen, weil das differenzierte Zusammenspiel der Muskelpartien in Gesicht und Hals en miniature zu beobachten ist. Die stimmlichen Höchstleistungen gerade bei Wagner erfordern auch eine extreme Öffnung des Mundes. Textdeklamation und musikalischer Ausdruck müssen aus der Nahperspektive ganz überzogen wirken, sollen sie aus der sonst üblichen Entfernung noch wahrnehmbar sein.

Oper im Kino ermöglicht dem Betrachter damit eine fantastische, bislang nie erlebte Innensicht des Operngeschehens. Im Gegensatz zu einer Opernverfilmung ist eine Liveübertragung an die tatsächlichen Gegebenheiten gebunden, ein Nachretuschieren oder die Aufnahmemöglichkeit im Playbackverfahren entfallen. Die Tonqualität im Kino ist absolut überragend und verstärkt die von Wagner bereits angelegte Rauschhaftigkeit der Musik noch erheblich. Für einen Komponisten, der in Bayreuth ein eigenes Opernhaus bauen ließ, damit seine eigenen Werke den adäquaten Klang entfalten, wäre diese Möglichkeit sicher hochinteressant. Dennoch verändert der Kinosound den Klangcharakter der Musik, was möglicherweise zu einer Veränderung der Kompositionsweise führen würde, wenn Wagner heute noch leben würde.

Sowohl die Idee von "Oper im Kino" als auch die Neuinszenierung von "Tristan und Isolde" stammen von Katharina Wagner, der Urenkelin des Komponisten. Im "kinoexklusiven Pausenprogramm" führte der Musikpublizist Axel Brüggemann die Zuschauer nicht nur in die Oper ein, er begleitete sie auch hinter den Vorhang und zeigte den Abbau eines Bühnenbildes. Fachlich hochinteressante Interviews mit dem Dirigenten, Christian Thielemann, mit Katharina Wagner und den beiden Bühnenbildnern gaben zudem Einblicke in das Konzept dieser Neuinszenierung. Eines aber ist sicher: Die Besucher nahmen hervorragende sängerische und darstellerische Leistungen auf der Bühne mit nach Hause, insbesondere von Tristan (Stephen Gould) und Isolde (Evelyn Herlitzius). Die zeitgleich angebotene Möglichkeit, die Aufführung im Internet zu verfolgen, konnte mit dem Kinoerlebnis in keiner Weise konkurrieren.